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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 26.02.2021

Thea Dorn über VielfaltDer Raum für unbequeme Meinungen wird enger

Moderation: Anke Schaefer

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"Das Literarische Quartett": Thea Dorn, Ulrich Matthes, Andrea Petkovic, Lisa Eckhart (picture alliance / dpa / ZDF / Jule Roehr)
Im Dezember 2020 war die Kabarettistin Lisa Eckhart (ganz rechts) zu Gast in Thea Dorns "Literarischem Quartett". Das führte zu teils heftiger Kritik. (picture alliance / dpa / ZDF / Jule Roehr)

Die Autorin Thea Dorn sorgt sich um die Meinungsvielfalt. Es sei alarmierend zu beobachten, wie laute Minderheiten große Medienhäuser vor sich hertrieben und Journalisten sich nicht mehr trauten, zu schreiben, was sie denken.

Vielfalt ist wichtig. Darüber sind sich die meisten Medien und auch viele kluge Köpfe einig, die sich regelmäßig in der Öffentlichkeit zu Wort melden.

In diesem Sinne äußert sich auch der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo, in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung, die vor 75 Jahren gegründet wurde. Meinungsvielfalt setze Liberalität voraus, so di Lorenzo.

Das wiederum heißt, unterschiedliche Meinungen, linke wie konservative, zuzulassen – und sei es, um danach lebhaft darüber zu streiten. Eine Kultur, die andere Meinungen ausschließt, ist das Gegenteil davon, so der Text. Sie führt im Extremfall zur Verfolgung von Menschen, die eine andere Meinung vertreten, Hautfarbe oder Religion haben. In jedem Fall aber zu Shitstorms in den sozialen Medien.

Einige schweigen lieber

Di Lorenzo nennt in seinem Artikel unter anderem verschiedene Beispiele von Journalistinnen und Journalisten, die teils ihre Jobs verloren, weil ihnen etwa Rassismus unterstellt wurde. Eine Folge sei, dass viele von vornherein lieber Abstand davon nehmen, ihre Meinung zu veröffentlichen, weil sie Hassbekundungen und Sanktionen befürchteten. 

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Unser Studiogast Thea Dorn, Schriftstellerin und Moderatorin von "Das Literarische Quartett", teilt di Lorenzos Meinung: Identitätspolitik spalte die Gesellschaft - und zwar von rechts und von links.

"Von rechts haben wir es mit einem engstirnigen, identitären Denken zu tun, was an solchen katastrophalen Kategorien wie 'Rasse' festhalten und das Andere wild ausschließen will. Wir haben am anderen Ende des politischen Spektrums eine identitätspolitisch sich aufheizende Linke, die auch ihre Merkmale des Soseins, der Herkunft, der sexuellen Orientierung zu dem alles definierenden Kriterium machen will", sagt die Autorin.

Das wirklich ernste Problem sei, dass daraus abgeleitet werde: "Keiner, der eine andere Geschichte hat, kann überhaupt noch wagen, mich wirklich verstehen zu wollen. Das kann nur jemand, der meinen Erfahrungsraum teilt, weil er auch von dunklerer Hautfarbe ist oder sich als binär versteht."

Eine laute Minderheit treibt die Medien vor sich her

Dorn sagt weiter: "Es gibt eine sehr lautstarke, eben in Social Media extrem präsente Minderheit, die es gewissermaßen geschafft hat, auch große Medienhäuser - große Institutionen wie die New York Times - vor sich herzutreiben."

Sie habe Verständnis dafür, wenn junge Menschen mitunter maßlos ihre Meinung äußerten und dabei auch über das Ziel hinausschössen. Doch sei es im Gegenzug die Pflicht der Erwachsenen, dem Widerstand entgegenzusetzen und dem entgegenzusteuern.

Es bereitet der Autorin großes Unbehagen zu erleben, wenn sich ein analoger Medienbetrieb von Shitstorms vor sich hertreiben lasse. Wenn es so weit komme, dass sich Journalistinnen und Journalisten nicht mehr trauten, zu schreiben, was sie denken, "dann ist das ein unglaubliches Alarmsignal".

Polarisierende Meinungen zulassen

Dorn erinnert an eine Ausgabe des "Literarischen Quartetts" im Dezember 2020, zu der auch die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart eingeladen war. Das habe zu der einen oder anderen Irritation und zu teils heftiger Kritik in den sozialen Medien geführt, weil Eckhart mit ihren Meinungen und Witzen stark polarisiere und nicht alle darüber lachen könnten.

"Ich halte sie für eine kluge Frau", betont Dorn. Sie in die ZDF-Literatursendung einzuladen, sei eine gute Wahl gewesen. Obwohl sie, Dorn, sich nicht einschüchtern lasse, sehe sie deutlich: Der Raum, auch unbequeme Menschen und Meinungen zuzulassen, werde enger.

(mkn)

Thea Dorn, geboren 1970, ist Schriftstellerin und Autorin von Theaterstücken und Essays. Immer wieder moderiert die studierte Philosophin auch Fernsehsendungen, vor allem über Literatur. Seit März 2017 ist sie festes Mitglied im "Literarischen Quartett". Zuletzt erschien von ihr die Bücher "Trost. Briefe an Max" und "Deutsch, nicht dumpf – Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten".

Hören Sie hier die ganz Sendung:
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