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Frühkritik | Beitrag vom 13.01.2017

The xx - "I See You""Wir zeigen mehr Verletzlichkeit"

Von Diviam Hoffmann

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Romy Madley Croft und Oliver Simder britischen Indiepop-Band The XX bei einem Konzert im Cain's Ballroom 2013 in Tulsa, Oklahoma (imago/ZUMA Press)
Romy Madley Croft und Oliver Simder britischen Indiepop-Band The XX (imago/ZUMA Press)

Seit acht Jahren sind sie die Shootingstars eines jungen Elektropop: The xx. Jetzt erscheint ihr drittes Album "I See You". Was ist von ihrem so kalten wie zerbrechlichen Sound übrig geblieben? Bandmitglied Jamie Smith über ihren Sound und das, was er am neuen Album schätzt.

The xx singen davon, sich eine Performance überzuwerfen, wie einen Mantel. Ihr mutiges Gesicht, das sie dabei aufsetzen, ist nur eine Pose. "Performance" heißt der Song – und kommt vom dritten Album der Shootingstars des britischen Elektro-Pop. Vor acht Jahren machte die Veröffentlichung ihres Debütalbums Jamie Smith, Romy Madley Croft und Oliver Sim alias The xx schlagartig berühmt. Das Album "xx" prägte den Sound des Jahres 2009.

Anfang 20 waren die drei, als das Label Young Turks sie erstmals in ihre Studios einlud. The xx spielten einen fragilen Sound aus elektrischer Gitarre, Bass und Keyboard, getragen von betörend-enigmatischem Gesang – kühl und unnahbar und gleichzeitig erschreckend intim. Dass ihre Songs mal jemand anders als ein paar Leute im Pub hören würde, daran hatte die Band nicht geglaubt, wie Jamie Smith im Interview erzählt.

"Das war alles so natürlich. Die Songs waren ja schon geschrieben, allerdings nur um live gespielt zu werden – das ist alles. Sogar als wir die Platte produziert haben, hat niemand von uns daran gedacht, dass die Songs jemals herauskommen würden. Wir waren einfach auf naive Weise glücklich, umsonst in einem Studio zu arbeiten."

Jamie Smith ist gefragter DJ

Jamie Smith nuschelt ins Mikrofon, den Kapuzenpulli tief ins Gesicht gezogen. Er hat sich mit einer Erkältung bei Bandkollege Oliver Sim angesteckt. Seitdem sie für ihr drittes Album auf Promotour gehen, hängen The xx wieder nah aufeinander. Ungewohnt für die Freunde, die in den letzten Jahren kaum dazu gekommen sind, sich für die Produktion der neuen Platte am selben Ort aufzuhalten. Der Grund: die drei Bandmitglieder von The xx arbeiten mittlerweile fast überall auf der Welt: Jamie Smith als gefragter DJ, Romy Madley Croft als Songschreiberin in Los Angeles, Oliver Sim modelte zeitweise für Dior.

Jamie XX (Jamie Smith), Bandmitglied von The xx beim Barclaycard British Summer Time Festival im Londoner Hyde Park im Juli 2016 (imago/Landmark Media)Jamie Smith, Bandmitglied von The xx (imago/Landmark Media)

Doch es brauchte den räumlichen Abstand, sagt Jamie Smith. Über zwei Jahre haben sie unter anderem in Reykjavik, London und L.A. am neuen Album gearbeitet. Während dieses fragmentarischen Aufnahmeprozesses haben The xx immer wieder über den eigenen Tellerrand geschaut, auch musikalisch. Das war nötig, denn der Erwartungsdruck nach der ersten Platte war groß. Das zweite Album, 2012 erschienen, konnte dem nicht standhalten – zu kalkuliert war der Sound darauf. Auf Album Nummer Drei haben sie jetzt ihren Sound geöffnet: "I See You" ist wärmer, vielfältiger und vor allem tanzbarer geworden.

Auf manchen Stücken gehen Oliver Sim und Romy Madley Croft regelrecht aus sich hinaus, sie singen wesentlich lauter zuvor. Das überrascht am meisten, weil das niedrige Lautstärke-Level des Sängers und der Sängerin einst prägend für den Klang der Band waren.

"Weil wir diesen 'signature sound' haben, wird unsere DNA immer in der Musik bleiben, egal, was wir tun."

"Ich sehe dich", heißt der Albumtitel von The xx übersetzt. Die Songtexte reflektieren, was eine Freundschaft leisten kann: Dinge im anderen zu erkennen, die der andere selbst vielleicht nicht sieht. Das Songwriting von Madley Croft und Sim geschah früher mitunter per E-Mail. Für "I See You" haben sie nun intensiver zusammengearbeitet als je zuvor – nicht nur im selben Raum, auch haben sie erstmals Texte geschrieben, die der jeweils andere singt. Das Ergebnis steckt voll geheimnisvoller Codes, die teilweise nur die beiden Songwriter verstehen. Jamie Smith schätzt genau das.

"Mehr miteinander teilen"

"Ich mag an den Texten, dass sie so unspezifisch sind. Jeder kann sich selbst etwas daraus ziehen. Worum es auf unserem Album meiner Meinung nach geht, ist, wie wir mehr Verletzlichkeit gegenüber anderen zeigen, erwachsen zu werden und dass wir uns wohler in unserem eigenen Körper fühlen – und mehr miteinander teilen."

Das Album "I See You" ist das Ergebnis einer Freundschaft, die gereift und gewachsen ist. The xx haben sich von den Erwartungen anderer emanzipiert und zu sich gefunden. Und gleichzeitig eine Platte geschrieben, die den anderen, also Fans und Kritikern, gefallen dürfte. Sie haben es geschafft, die betäubende Kühle des Debüts in aufregende Kompositionen zu überführen, die trotz größerer Arrangements Raum für die einzelnen Instrumente und Pausen lassen. Auf diese Weise bewahren sich The xx auch auf ihrem dritten Album ihre Intimität – mit einem Sound, der nach vorne geht und auch auf der großen Bühne bestehen dürfte.

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