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Freitag, 27.11.2020
 
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Chormusik | Beitrag vom 11.11.2020

THE WORLD TO COME – Ein Projekt des Rundfunkchors BerlinBeethoven in der Zukunft

Von Eva Blaskewitz

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Auf einer Bühne in einem blau ausgeleuchtetem Industrieraum sitzt ein auf Abstand bedachtes Orchester, im Vordergrund ein Mann mit großer runder Trommel. (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)
THE WORLD TO COME: Der Percussionist Mohammad Reza Mortazavi und Musiker der RSB. (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)

Dunkle Gänge. Wabernde Klänge. Flimmernde Videoinstallationen. Eine gewaltige Industriehalle, als Bühne für Chor und Orchester. Das ist das Setting für das Projekt "THE WORLD TO COME. Eine Berliner Festmesse nach Ludwig van Beethovens 'Missa solemnis'".

Im Beethoven-Jahr 2020 wollte der Rundfunkchor Berlin einen neuen Zugang zu dieser Messe finden, die als eines der schwierigsten und komplexesten Werke der gesamten Chorliteratur gilt. Die Initialzündung lieferte Beethovens in seiner "Missa solemnis", in der monumentalen Fuge zum Schluss-Vers des Credos, "Et vitam venturi saeculi", "Und das Leben der kommenden Welt".

Musikerinnen und Musiker aus den unterschiedlichsten Genres waren eingeladen, sich mit der "Missa solemnis" auseinanderzusetzen und ihre eigene Sicht auf "the world to come", die kommende Welt, zu entwickeln.

In einem rot ausgeleuchteten Industrieraum stehen mit deutlischem Abstand Sängerinnen und Sänger hinter Notenpulten. (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)Neue Impulse aus Beethovens Werk: Der Rundfunkchor Berlin mit Projektion von Moor Mother im Vollgutlager Neukölln. (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)

Corona-bedingt fand das Ganze nicht als herkömmliches Konzert mit Bühne und Zuschauerraum statt, sondern als "Konzertinstallation", als Parcours, der das Publikum langsam durch die Flure und Hallen des Veranstaltungsortes, das Vollgutlager in Berlin-Neukölln, einst Produktionsstätte einer Brauerei, und der angrenzenden Schwulen-Club "SchwuZ" führte. Mitten durchs Orchester in der großen, weißgekachelten Halle des Vollgutlagers hindurch. Vorbei am Männerchor im Flur.

Sänger des Chores stehen zwischen Plexiglaswänden in einer geheimnisvoll ausgeleuchteten Industriehalle. (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)THE WORLD TO COME: Die Männer des Rundfunkchors Berlin im Foyer des Vollgutlagers (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)

Eine weitere Station: der Organist, der in einem dunklen Raum an einer Truhenorgel saß. Danach ein Klarinettist im Barockkostüm. Weiter Richtung Frauenchor, der im SchwuZ stand, zwischen mächtigen Betonsäulen und goldenen Glittervorhängen.

Begehung einer Konzertinstallation

Jeder im Publikum erlebte nur Ausschnitte aus dem ganzen Werk. Ausschnitte, die mal Beethoven in Reinform enthielten. Mal Beethoven mit einem anderen Text. Mal eine Collage. Ein Motiv wie unter dem Brennglas. Obsessiv wiederholt. Verfremdet. Zerschnitten und neu zusammengesetzt. Mit anderen Rhythmen. Anderen Harmonien. Orchesterklänge. Chorklänge. Trommelklänge. Elektronik.

In einem blau ausgeleuchteten Industrieraum sitzt verstreut ein Orchester, das eine Sängerin weiträumig umringt samt Dirigenten, der auf einem erhöhten Pult steht. (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)THE WORLD TO COME: Dirigent Gijs Leenaars mit Solistin und Orchester im Vollgutlager (Rundfunkchor Berlin / Lucie Jansch)

Die "Konzertinstallation" brachte einen immensen Aufwand mit sich, für alle Beteiligten: für die Musikerinnen und Musiker, für die Komponistin Birke J. Bertelsmeier, die nicht nur eigene Passagen beigesteuert hat, sondern auch für die Gesamtpartitur verantwortlich ist, für Regisseur, Dramaturg, Licht- und Tontechniker.

Ebenso für die Heerscharen von Mitarbeitern des Organisationsteams, die das Publikum durch die Räume lotsten. Aber auch für unsere Tonmeisterin Clémence Fabre, die in vier Räumen Dutzende von Mikrofonen aufgestellt, das Gesamtwerk aufgenommen und gemischt hat. Den Mitschnitt des Hauptwerks finden sie hier:

Viel gab es auch für den Deutschlandradio-Tontechniker Thorsten "Tea-Jay" Juch zu erledigen, der mit so genannten Originalkopf-Mikrofonen einen lebendigen Eindruck vom Durchlaufen des Parcours eingefangen hat.
Diesen Gang durch die Installation können Sie hier als Mitschnitt erleben:

Die Sendung folgt diesem Parcours, lässt dabei Beteiligte zu Wort kommen und die Hörer teilhaben an diesem vielstimmigen Echo auf Beethovens "Missa solemnis" und die "kommende Welt".

Vollgutlager Berlin / SchwuZ
Aufzeichnung vom 8./9. Oktober 2020

THE WORLD TO COME. Eine Berliner Festmesse nach Ludwig van Beethovens "Missa solemnis" D-Dur op. 123

mit Musik von
Birke J. Bertelsmeier
Mohammad Reza Mortazevi
Moor Mother
Planningtorock
Colin Self

Iwona Sobotka, Sopran
Jakub Sawicki, Orgel
Ivan Cheng, Performance
Tilman Hecker, Konzept und Szene
Dominikus Müller, Dramaturgie
Jan Assmann, Wissenschaftliche Begleitung
Rundfunkchor Berlin
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Gijs Leenaars, Leitung

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