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Tonart | Beitrag vom 22.01.2016

"The Waiting Room" von den TindersticksKino für den Kopf

Von Oliver Schwesig

Die britische Band Tindersticks mit Sänger Stuart A. Staples (2. v. l.) bei ihrem Konzert 28.10.2013 im Admiralspalast in Berlin (imago / Future Image)
Die Tindersticks mit Sänger Stuart A. Staples (2. v. l.) bei einem Konzert im Berliner Admiralspalast (imago / Future Image)

Leise und melancholisch: "The Waiting Room" von den Tindersticks passt perfekt in trübe Januartage. Der besondere Clou des neuen Albums ist aber ein visuelles Projekt: Filmemacher haben die Songs in bewegte Bilder übersetzt.

Es gehört ja heute schon was dazu für eine Band, einen Sound zu entwerfen, der unverwechselbar ist und der vor allem nach Jahren immer noch frisch und neu klingt. Der britischen Band Tindersticks ist dieses kleine Wunder gelungen, sich einen Sound zu basteln, den außer ihnen niemand spielt. Ein Markenzeichen. Seit 1993 ist dieser Klang ebenso vertraut wie verlässlich. Und er wird nicht langweilig: gemächliche, sehnsüchtige Songs, die soulig-warm wabern, angeführt von der zittrigen, zurückgenommenen Stimme des Sängers Stuart A. Staples.

Ein filmisches Konzept als Clou

Alles beim Alten also bei den Tindersticks? Nicht ganz. Und das ist der Clou dieser Platte. Stuart A. Staples hat seit Jahren eine Affinität zum bewegten Bild. Er hat des Öfteren Soundtracks komponiert. Und als er 2012 in der Jury eines Kurzfilmfestivals saß, kam er auf die Idee, mal den umgekehrten Weg zu gehen: Filme oder Videos zur Musik zu drehen.

Stuart A. Staples von der britischen Band Tindersticks im Studio von Deutschlandradio Kultur (Oliver Schwesig / Deutschlandradio)Stuart A. Staples im Studio von Deutschlandradio Kultur (Oliver Schwesig / Deutschlandradio)

Allerdings sollten die Filme nicht einfach bloß den Stoff der Songs nacherzählen, wie Stuart A. Staples sagt:

"Nun, wir haben die Filmemacher gebeten, eher ein Umfeld zu schaffen, das wie ein Kontrapunkt funktioniert. Wie so eine Art visueller Ort, in dem die Songs leben können. Und jedem ist das auf andere Weise gelungen. Einer der ersten Filme, der in meinem E-Mail-Postfach landete, war von dem brasilianischen Filmemacher Gabriel Sanna zu dem Song 'We are dreamers'. Und als ich das Ergebnis sah, schrie ich fast auf vor Freude, und ich wusste in dem Moment: Ja, dieses Projekt ist auf einem guten Weg."

Zu den Songs kann man die Filme bereits bei YouTube anschauen. Ein junges Mädchen bewegt sich bei "We are dreamers" zum Beispiel auf einer kargen Landschaft vor den riesigen Reifen eines vorbeifahrenden Kipplasters. Oder der Film zu "We were once lovers". Man sieht im Zeitraffer eine endlos lange Autofahrt über eine urbane Schnellstraße durch Tunnel und unter Brücken hindurch. Die sonst so schleichend-schöne, langsame Musik der Band wird hier durch die Bilder quasi beschleunigt.

Die Visualisierung verändert die Musik

Tja, und da passiert beim Hören etwas Merkwürdiges. So vertraut wie einem der Sound der Tindersticks ist, mit visueller Untermalung bekommt er hier plötzlich ganz neue Facetten. Und unabhängig vom jeweiligen Text entstehen beim Anschauen im Kopf dutzende eigene Geschichten.

Klingen die Songs mit Film für ihn jetzt auch anders? Stuart A. Staples schüttelt den Kopf:

"Ich glaube nicht, dass die Songs eine neue Bedeutung bekommen. Das Album existierte vor einem Jahr nur sehr skizzenhaft. Die Instrumentation und die Texte waren noch nicht fertig. Einige der Filmemacher hatten von uns nur sehr rohe Song-Ideen bekommen. Aber so entwickelte sich eine Konversation mit ihnen. Und ich glaube diese Konversation lebt in den Filmen weiter. Und das war Teil des Ganzen: Mit einem Album zu enden, das wirklich komplett, stark und durchdacht ist."

Abschied von Lhasa de Sela

Aber auch ohne Film funktionieren die Songs von den Tindersticks auf diesem Album sehr gut. Eines der bewegendsten Stücke auf "The Waiting Room" ist der Song "Hey Lucinda" mit der 2010 an Krebs verstorbenen Sängerin Lhasa de Sela. Ein funkelnd schönes Abendlied, das kurz vor ihrem Tod entstand und ganz besonders berührt, wenn man weiß, dass de Sela das Ergebnis nicht mehr hören konnte.

"Wir nahmen eine erste Version des Songs auf, bei der ich aber noch nicht ganz zufrieden war mit der Musik. Als Lhasa dann von uns ging, musste ich das Stück erst mal weglegen. Ich konnte mit diesem Song einfach nicht umgehen. So vor einem Jahr kroch das Lied dann wieder in mein Bewusstsein zurück. Und ich erinnerte mich daran, wie wir beide uns gegenüber saßen, erzählten und gesungen haben. Ich legte die Musik des Songs beiseite und fing mit ihrem Gesang noch mal von vorne an. Und ich versuchte, aus unserer Konversation einen neuen Song entstehen zu lassen."

"The Waiting Room" von den Tindersticks ist ein Album, das neben dem tollen filmischen Konzept vor allem auch von den Zwischentönen lebt. All den Sounds, den Noten, die in ihren leisen Songs oft nur halb erklingen, angedeutet sind. Eine leise, etwas melancholische Musik, wie sie besser in trübe Januar-Tage nicht passen könnte.

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