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Frühkritik | Beitrag vom 22.04.2021

"The United States vs. Billie Holiday"Wütende Lebensenergie

Von Anke Leweke

Eine elegante Jazz-Sängerin im schwarzen Kleid auf der Bühne (picture alliance / Paramount Pictures / Everett Collection)
Die Soulsängerin Andra Day beeindruckt in der Rolle der Billie Holiday. (picture alliance / Paramount Pictures / Everett Collection)

Die Jazzsängerin Billie Holiday geriet ins Visier der US-Regierung, als sie gegen den Rassismus in den Südstaaten Stellung bezog. In einem nicht immer stimmigen Film spielt Andra Day eindrücklich die legendäre Musikerin mit all ihren Verletzungen.

Um was geht es?

Ende der 1930er-Jahre ist die Jazzsängerin Billie Holiday auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Zu ihrem Repertoire gehört der Song "Strange Fruit", mit dem sie rassistische Lynchmorde in den Südstaaten anprangert.

Die US-Regierung fühlt sich von dem Song provoziert, zudem hat sie Angst, dass er Proteste auslösen könnte. Deshalb wird die Sängerin ins Visier genommen – unter dem Vorwand ihrer Drogensucht. Der schwarze Bundesagent Fletcher wird auf Billie Holiday angesetzt, doch er verliebt sich in sie.

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Was ist das Besondere?

Dieser Film ist Biopic, Liebesmelodram und Auseinandersetzung mit einem Rassismus, der Politik, Behörden und Institutionen durchdringt.  Für jedes dieser Themen versucht Regisseur Lee Daniels ("Precious", "The Butler"), eine andere Visualität zu finden.

In schnellen Schnitten erzählt er von der politischen Hetzjagd auf Billie Holiday, zeigt die weißen Beamten als engstirnige, brutale Männer. Wenn Billie Holiday sich eine Spritze setzt, werden die Bilder rauschhafter, wird die Linearität der Erzählung aufgebrochen.

Rückblenden skizzieren die Verletzungen, die Holliday in ihrer Kindheit und Jugend zugefügt wurden, so wurde die noch minderjährige Billie von ihrer Mutter zur Prostitution gezwungen.

Der Film versteht sich auch als Feier des Jazz, doch die Versuche, die Kunst der Improvisationen zu übernehmen, gelingen nur teilweise. Immer wieder verliert Lee Daniels seine Motive aus den Augen, oder sie ergeben keine in sich stimmige Komposition.

Fazit

Es ist die eindrückliche Performance von Andra Day, die diesen Film letztlich zusammenhält. Für ihre erste größere Rolle wurde die von Stevie Wonder entdeckte Soulsängerin bereits mit einem Golden Globe ausgezeichnet, zudem ist sie für einen Oscar nominiert.

Ohne dass es ausgesprochen werden muss, erzählt ihr durchlässiges Spiel die psychischen und physischen Verletzungen mit, die ihre Filmfigur erlitten hat.

Ohnehin ließ Billie Holiday lieber ihre Musik sprechen. Auf der Bühne konnte sie das tun, was ihr als schwarze Frau verwehrt blieb: Sie konnte sich immer wieder neu erfinden, ihrem Schmerz, aber auch ihrer wütenden Lebensenergie Ausdruck verleihen. Wenn Andra Day die Songs von Billie Holiday interpretiert, kommt der Film bei sich an.

"The United States of America vs. Billie Holiday"
USA 2021, Regie: Lee Daniels
Mit: Andra Day, Trevante Rhodes, Garrett Hedlund, Natasha Lyonne
Länge: 130 Minuten
zu beziehen über VoD ab 23.4.

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