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Tonart | Beitrag vom 20.06.2019

The Raconteurs: "Help Us Stranger"Ein liegengebliebener Song führt zum Band-Comeback

Von Marcel Anders

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Der schwarz gekleidete Sänger mit dunkler, runder Sonnenbrille singt auf einer Bühne. (images / Landmark Media)
Jack White will wieder mit The Reconteurs auf Tour mit dem neuen Album. (images / Landmark Media)

Jack White ist ein Workaholic. Er ist Mastermind der White Stripes, Solist und Chef seiner Plattenfirma. Und nun noch die Reanimation seines Quartetts The Raconteurs. Schuld daran: ein Song, der 10 Jahre auf die Band gewartet hat.

Jack White ist immer unterwegs. Nachdem er vor zwei Jahren sein letztes Solo-Album herausgebracht hat, will er nun wieder mit Raconteurs und dem neuen Album "Help Us Stanger" unterwegs sein. Die Band hatte er Mitte der 2000er gegründet und nun wiederbelebt.

Alles begann mit einem liegengebliebenen Song, sagt Jack White:

"Für mein letztes Solo-Album hatte ich ein Stück namens 'Shine The Light On Me' aufgenommen, das irgendwie nicht zum Rest des Materials passte. Es fühlte sich eher wie ein Raconteurs-Song an. Ich habe es Brendan vorgespielt und der empfand das genauso. Also haben wir uns vorgenommen, es im Studio umzusetzen. Nach dem Motto: 'Lasst uns da ein paar Tage verbringen und vielleicht eine Single machen.' Einfach, um zu sehen, was dabei rumkommt."

Studiomission geglückt

Ein Laissez-faire mit Folgen: Das Ergebnis des dreiwöchigen Aufenthalts in den Third Man Studios in Nashville ist ein Album, das vor Idealismus, handwerklichem Können und ausgefallenen Ideen strotzt.

Das zwischen Garagen-Rock, Folk und elektrifiziertem Blues pendelt, wahlweise die Stooges, Queen, Led Zeppelin oder Donovan zitiert und derart in den späten 60ern, frühen 70ern schwelgt, dass "Help Us Stranger" wie eine Hommage an die klassischen Alben der Popkultur klingt.

Doch Jack White wäre nicht einer der schillerndsten Figuren der modernen Rockmusik, würde er nicht auch einen missionarischen Anspruch verfolgen würde. So sollen die zwölf Songs den Hörer wachrütteln, zur Gründung von neuen Bands animieren und ihren Beitrag gegen die vielzitierte Krise des Genres leisten.

Musikalischen Missbrauch missbilligen

Zudem versteht sich "Help Us Stranger" als bissiger Kommentar zum Zeitgeist und, zumindest in einem Stück, zur Politik der Ära Trump. "Don't Bother Me" ist ein Seitenhieb auf den US-Präsidenten, der Whites "Seven Nation Army" für seinen Wahlkampf verwendet hat – ohne Einwilligung des Künstlers. Der revanchiert sich auf seine Weise.

"Ich will eine Bewegung starten, die darauf abzielt, seinen Namen nicht mehr laut in der Öffentlichkeit zu erwähnen. Denn wenn wir darauf verzichten, verschwindet er vielleicht von ganz alleine. Schließlich scheint er nur deshalb so viel Macht zu haben, weil er ständig im Gespräch ist. Wie ein fieses Film-Monster. Deshalb wird er im Song auch nicht erwähnt."

Plattenchef setzt auf Vinyl

Obwohl die ersten beiden Alben die Top 10 der amerikanischen Charts erreichten – in den USA ist das neue Album der Raconteurs nicht mehr als ein nettes Beiwerk zur laufenden Tournee. Jeder Konzertbesucher erhält beim Erwerb einer Eintrittskarte eine Gratis-CD. Für europäische Plattenfirmen ein Horrorszenario, für White cleveres Marketing:

"Unser wahres Ziel ist es, Vinyl unter die Leute zu bringen. CDs sind dagegen nur Lockmittel, um sie anzufixen. Denn wenn sie das Album mögen, werden sie vielleicht noch die Vinyl-Ausgabe davon erwerben. Das ist die Hoffnung."

Ihre Vision leben die Raconteurs, zu denen neben Jack White noch Brendan Benson, Jack Lawrence und Patrick Keeler gehören, konsequent aus. "Help Us Stranger" erscheint in mehreren farbigen Vinyl-Konfigurationen. Und bei der Live-Präsentation verhängen sie ein radikales Telefon-Verbot, um ein intensives Konzerterlebnis zu ermöglichen. Vorbildlich.

Handys verbannt

"Dein Handy wandert in eine versiegelte Hülle und du kannst es während des Auftritts nicht benutzen. Das Ergebnis ist umwerfend. Die Konzerte sind wie vor 15 Jahren. Alle sind voll bei der Sache und keiner checkt zwischendurch seine Mails. Ich habe Kommentare gelesen, dass daraus wunderbare Momente resultieren. Etwa in der Umbaupause zwischen der Vorgruppe und uns. Da wissen viele nicht, was sie mit sich anfangen sollen - und sie beginnen, sich mit anderen zu unterhalten. Oh mein Gott! Menschen, die miteinander reden", lacht Jack White.

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