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Tonart | Beitrag vom 28.04.2016

"The Monkees"Die Pioniere der Casting Bands

Von Laf Überland

Die Monkees: Davy Jones, Mike Nesmith,  Peter Tork und Micky Dolenz (von links, entgegen des Urzeigers). (Imago / ZUMA press)
Eine Boygroup vom Reißbrett: die Monkees (Imago / ZUMA press)

Vor 50 Jahren ging die Fernsehserie "The Monkees" an den Start - eine Sitcom über vier Jungs, die eine Beat-Band gründen. Die Serie wurde so erfolgreich, dass die vier gecasteten Ersatz-Beatles ganz real Karriere machten: als Band mit über 75 Millionen verkauften Platten.

In Amerika war Pop in den Sechzigern kaum mehr als die ausgebrannte tote Hose von Elvis Presleys Hüftschwungnummer. Es gab ein bisschen rebellischen Folkrock, aber was die amerikanischen Pop-Kids umhaute, das kam aus England. Das waren die Beatles. Und das gefiel den patriotischen und geschäftstüchtigen Neffen von Uncle Sam natürlich ganz und gar nicht. Also setzten sich eines Tages im Sommer 1965 an der Westküste welche zusammen, und schon bald erschien in dem Branchenblatt "Variety" die Anzeige: "Vier verrückte Jungs gesucht, Alter 17 bis 21, die Mut zur Arbeit haben."

Eine Sitcom über vier junge Leute, die eine Band aufmachen und erfolgreich werden, wollte man aus dem Boden stampfen - so wie "A Hard Days Night" von den Beatles als Serie und auf amerikanisch. Aus den mehr als 400 Bewerbern wurden beim Casting dann Stück für Stück vier liebe Jungs per Hand verlesen: ein Ex-Broadway-Kinderstar - zum Knuddeln -, ein Ex-Fernseh-Kinderstar - bisschen zynisch-, ein Pädagogikstudent, der etwas verloren wirkte, und ein verträumter Folksänger.

Keiner von ihnen war außergewöhnlich intelligent oder außergewöhnlich talentiert: Sie sahen einfach nur gut aus, konnten reden und bohrten nicht öffentlich in der Nase. Und vor allem sahen sie sehr jung aus! 

Monkee-Gitarren, Monkee-Comics, Monkee-Haarspray 

Diese vier - Davy Jones, Micky Dolenz, Peter Tork und Mike Nesmith - sollten die kalifornischen Kinderbeatles werden. Zwar waren sie alle um die 20, aber es gab überdrehte Verfolgungsjagden, wilde Schnitte, man verkleidete sich gern, fiel dauernd hin, es krachte und knallte, alle zogen ständig Grimassen, und es wurden viele Torten in Gesichter gedrückt - 58 Folgen lang bis 1968. Und es war die Teenie-Bopper-Vollbedienung: Statt Kinderschokolade und Überraschungseiern gab es - die Monkees!  

Das Merchandising lief zur frühen Hochform auf: mit Monkee-Gitarren, Monkee-Comics, Monkee-Haarspray und Monkee-Pullovern - alles verkauft in der eigens eröffneten Ladenkette der Monkee-Stores. Und es gab die Monkee-Lieder!

Die Geldgeber heuerten die besten Songschreiber, Arrangeure und Produzenten an, bestellten Profimusiker ins Studio, und so entstanden Monkees-Schallplatten - obwohl zwei der Monkees nicht mal ein Instrument spielen konnten: Aber die kriegten drei Monate Grundausbildung, und durch den Fernseheinsatz waren die Vier so gefragt, dass von der ersten Single noch in der ersten Woche 500.000 Stück verkauft wurden. Die zweite Single hatte noch vor der Auslieferung über eine Million Vorbestellungen.

Fliegende Haare und kollektiver Kreischkoller

Das Ziel der Konstruktion "The Monkees" war die mutwillige Erregung von Teenagern zur Beschleunigung der Kapitalakkumulation. Dazu gehörte, dass die Band ihre Fans krankenhausreif spielte: gellende Schreie, fliegende Haare, Schweißausbrüche, Ohnmachtsanfälle, Platzwunden, Sanitäter, Tragbahren, kollektiver Kreischkoller.

Und man staunte dann bei ihrer ersten Zweihundert-Konzerte-Tour mit Jimi Hendrix im Vorprogramm, dass sie gar nicht mal so schlecht waren. Dummerweise ergab das ein Problem, denn die Monkees sollten ja keine Band sein, sondern eine Fernsehshow über eine Band. Deshalb durften sie in Interviews auch nicht über Vietnam reden, und zur modischen Frage nach Drogen mussten sie antworten: "Klar, wir trinken Coca-Cola." Michael Nesmith drehte dabei allmählich durch, und Peter Tork kriegte schlechte Laune.

1967 setzten sich die Monkees aus Trotz mit dem Hollywood-Anarchisten Jack Nicholson zusammen. Der gemeinsame Film HEAD sah dann aus wie ein Beatles-Film als LSD-Trip inklusive Bildern vom Vietnamkrieg - völlig konträr zum Monkees-Image, freigegeben ab 17 - und wurde kommerziell ein  Riesen-Flop. Aber da fiel die Band sowieso bereits auseinander. Und im November 1969 gab die Gruppe ihr Abschiedskonzert.
 
Danach hat Michael Nesmith geradlinig seine Country-Folk-Sänger-Karriere durchgezogen. Peter Tork war eine Zeit lang sogar Hochschullehrer. Micky Dolenz war mal Kameramann, mal Musiker, und Davy Jones züchtete in England Pferde.

Aber die Blaupause für das Konzept "Boygroup vom Reißtisch" funktioniert seit damals immer wieder, samt eingebauter Hysteriepumpe. Denn junge Popfans sind nun mal einfach gläubige Menschen!

Zum 50-jährigen Jubiläum erscheinen die zwei Staffeln der Sitcom "The Monkees" am Freitag, den 29. April 2016, erstmals auf Blu-ray. 

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