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Tonart | Beitrag vom 26.04.2019

"The Cranberries" über ihr letztes AlbumIn Gedenken an die verstorbene Sängerin Dolores O'Riordan

Noel Hogan, Michael Hogan und Fergal Lawler im Gespräch mit Martin Böttcher

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Dolores O’Riordan steht mit nach oben gereckten Armen auf der Bühne, in einer Hand hält sie ein Mikrofon. (imago images / PanoramiC / Renaud Joubert)
Dolores O'Riordan (1971 - 2018) war Sängerin der "Cranberries". Mit ihrem letzten Album erinnert die Band an sie. (imago images / PanoramiC / Renaud Joubert)

Die irische Rockband "The Cranberries" veröffentlicht ein Jahr nach dem Tod von Sängerin Dolores O’Riordan das Album "In the End" mit ihrem Gesang aus Demoversionen. Nach der Platte soll Schluss sein, sagen die verbliebenen Musiker.

Martin Böttcher: "In the End" heißt Ihre Platte. Was für ein Gefühl hatten Sie, als Sie die endlich fertig hatten?

Noel Antony Hogan: Insgesamt war die Arbeit daran sehr emotional. Dolores war noch gar nicht lange tot, als wir ins Studio gegangen sind, etwa von April bis Mai im vergangenen Jahr war das. Dolores ist ja im Januar gestorben. Wir wollten unsere Gefühle unmittelbar festhalten, deshalb haben wir so schnell aufgenommen. Hätten wir ein Jahr oder länger gewartet, hätten wir die Sache vielleicht ganz bleiben lassen. Es gab viele Hoch- und Tiefpunkte im Studio. Etwa, als ich mir morgens den Kopfhörer aufgesetzt und die Stimme von Dolores gehört habe. Dann waren alle Erinnerungen präsent. Aber wenn dann ein paar Stunden vergangen waren, dann konnte ich mich mehr auf das Handwerk konzentrieren, auf die Songs an sich. Und das hat geholfen, dieser professionelle Blick auf die Musik. Als wir das Album dann fertig hatten, es von Anfang bis Ende durchgehört haben, waren alle Gefühle wieder da. Aber wir sind sehr stolz auf das Album, den Sound, alles.

Böttcher: Aber waren Sie sich einig, dass diese Platte unbedingt gemacht werden musste? Man hatte ja auch sagen können: Das ist alles so furchtbar, wir brechen ab, wir machen sie nicht mehr.

"Das ist das Ende der 'Cranberries'"

Michael Gerard Hogan: Nach dem Tod von Dolores, vielleicht einen Monat danach, haben wir uns die Demos angehört, die sie noch aufgenommen hatte. Wir hatten das Gefühl, dass da wirklich viel drin steckt, dass ihre Stimme wirklich gut klingt. Genauso die Texte. Daher wollten wir mit ihren Angehörigen sprechen, sie fragen, ob wir das weiterführen sollten, was sie begonnen hatte. Und die haben uns sehr den Rücken gestärkt. Auch in Hinblick auf die Fans: Sie haben ja Dolores auch verloren, aber in ihren Songs lebt sie weiter. Wir wollten ihnen noch ein Geschenk machen.

Fergal Patrick Lawler: Wir haben ja auf Facebook dieses Statement zum neuen Album abgegeben. Und das Feedback der Fans war fantastisch.

Böttcher: Was für eine Band waren denn die "Cranberries" zum Schluss überhaupt? Waren Sie nur Musiker, die zusammen Musik gemacht haben? Oder waren Sie auch noch so etwas wie Freunde?

Noel Antony Hogan:  Wir haben uns nicht jeden Tag gesehen. Aber es schweißt einfach zusammen, wenn man so viele Jahre miteinander geteilt hat. Zusammen zu kommen fühlt sich an, wie wenn man seine Cousins auf einer Hochzeit trifft. In den 90ern haben wir jede Sekunde miteinander verbracht, wir haben quasi zusammen gewohnt, im Tourbus. Als wir dann geheiratet und Familien gegründet haben, wurden die Pausen zwischen den Alben größer. Das hat uns allen gut getan: dass man nicht noch mit den Leuten zusammenwohnt, mit denen man arbeitet. Und die anderen sind ja immer nur einen Telefonanruf entfernt. Und wenn es dann wieder losgeht, fühlt sich das an, als wären wir nie getrennt gewesen. Und so fühlte es sich auch jetzt an. Man geht zur Arbeit, aber man hat auch seinen Freiraum. So läuft das eben mit der Zeit.

"In ihren Songs lebt sie weiter"

Böttcher: Erzählen Sie uns von dem Entstehungsprozess. Als Dolores O'Riordan am 15. Januar 2018 gestorben ist, wie weit war da dieses Album?

Noel Antony Hogan: Die Songs waren noch im Demo-Stadium. Der nächste Schritt wäre gewesen, zu viert ins Studio zu gehen. Das hätte nach einer China-Reise passieren sollen. Dolores wollte das unbedingt machen. Und plötzlich hat uns dann diese Nachricht erreicht. Eine Nachricht, die überhaupt keinen Sinn ergeben hat. Viele der Songs sind 2017 entstanden.

So haben wir es schon immer gemacht: erst die groben Ideen, dann zu viert in England üben und aufnehmen. Aber das war dieses Mal nicht möglich. Stattdessen haben wir Dolores' Stimme von den Demos genommen, unsere Instrumente drum herum eingespielt. Und ich glaube, am Ende ist auch das eine unverwechselbare "Cranberries"-Platte geworden, die man sofort als solche erkennt.

Böttcher: Und der Titel dieses Albums, "In The End", wann haben Sie sich für den entschieden?

Michael Gerard Hogan: Wir waren fast fertig mit den Aufnahmen. Der letzte Song auf dem Album heißt "In The End", das war auch der Song, den wir als letztes aufgenommen haben. Der Titel fasst also viele Dinge gut zusammen, auch das hier: Das ist das Ende der "Cranberries".

Vermächtnis einer Rockband

Böttcher: Von Dolores O'Riordans Stimme - Sie haben es gerade gesagt - waren nur Demoversionen vorhanden. Sie hätte sie dann für die finale Studioversion ja noch einmal eingesungen, wahrscheinlich all ihre Gesangsparts. Wie aufwendig war es denn letztendlich, diesen Gesang aufzubereiten?

Noel Antony Hogan:  Es ist nicht ungewöhnlich für uns, dass die finalen Versionen auch Teile der Demos enthalten. Einfach, weil Dolores oft das Gefühl, das die Demos transportierten, besser fand. Wir mussten auch gar nicht viel an ihrer Stimme herumschrauben. Auf ein paar Songs fehlten ein paar Backing Vocals. Das haben wir mit einer Frau, Johanna, gelöst, die schon 2012 mit uns auf Tour war, die schon damals eng mit Dolores zusammengearbeitet und vor allem zusammen gesungen hatte. Sie wusste also ziemlich genau, wie Dolores es sich gewünscht hätte. Davon abgesehen stammt der gesamte Gesang aus den Demoversionen.

Böttcher: Haben Sie alle irgendwelche Pläne als Musiker, wie Sie weitermachen werden?

Noel Antony Hogan:  Wir würden schon gerne weitermachen. Allerdings nicht unbedingt zu dritt. Das würde man nur immer wieder mit den "Cranberries" vergleichen, selbst wenn wir die Anzahl der Bandmitglieder verändern würden. Außerdem wollen wir das Vermächtnis der "Cranberries" so stehen lassen, wie es ist. Man soll sich im Guten an die Band erinnern können.

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