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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 17.12.2013

TextilindustrieTraumatisiert und vergessen

Die Opfer der Fabrikunglücke in Bangladesch warten auf Entschädigung

Von Christian Brüser

Demonstranten in Bangladesch (picture alliance / dpa / Abir Abdullah)
Nach dem Einsturz einer Textilfabrik: Demonstranten zeigen Fotos ihrer toten oder vermissten Verwandten in Savar, Bangladesch. (picture alliance / dpa / Abir Abdullah)

Im November 2012 begann eine Serie mit den folgenschwersten Unfällen in der Geschichte der Textilindustrie von Bangladesch. Den traurigen Höhepunkt bildete der Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in einem Vorort von Dhaka am 24. April 2013.

An einem regnerischen Samstagvormittag haben sich sieben junge Textilarbeiterinnen im Hof eines Arbeiterquartiers in Ashulia versammelt, 30 Kilometer nördlich von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. In dem schlichten, ebenerdigen und weiß-gestrichenen Gebäude mit den boxenartig aneinandergereihten dunklen Zimmern teilen sich etwa 50 Personen den Wasserhahn, einige Kochstellen und zwei Toiletten. In den Zimmern leben jeweils vier bis sechs Menschen.

Die Frauen in ihren bunten Saris sind zwischen 18 und 36 Jahre alt. Sie kennen sich gut, sitzen dicht gedrängt nebeneinander und unterhalten sich lebhaft. Alle haben in der Tasreen Fashions Kleiderfabrik gearbeitet, als dort vor einem Jahr, am Abend des 24. November 2012, ein Feuer ausbrach. Die Tasreen Fashions Kleiderfabrik ist Teil der Tuba Holding, einer Firmengruppe in Bangladesch. Zu ihr gehören 13 Textilfabriken, in welchen 7.000 Arbeiter pro Tag 300.000 T-Shirts für den internationalen Markt herstellen. Das neunstöckige Gebäude liegt nur wenige Minuten zu Fuß entfernt und steht heute leer. Die Fassade ist verkohlt und die Fenster sind vergittert.

"Ich hatte nach der Mittagspause bereits einige Stunden gearbeitet, als ich den Feueralarm hörte. Sofort rannte ich zur Treppe, doch der Vorarbeiter sagte. 'Geh zurück an deine Arbeit.' Er hat dann das Schiebegitter zum Treppenhaus versperrt. 'Lass mich rausgehen', sagte ich ihm, 'wenn nichts passiert ist, bin ich gleich wieder zurück.' Er antwortete: 'Es ist nichts passiert!'"

Nazma Akhter hatte erst vier Tage bei Tazreen gearbeitet. Die 30-Jährige war als Helferin angestellt und verdiente nur den gesetzlichen Mindestlohn von 30 Euro im Monat, obwohl sie bereits drei Jahre in anderen Textilfabriken tätig gewesen war. Wie die anderen Frauen auch erzählt sie sehr ruhig von den schrecklichen Erlebnissen. Nur ab und zu spielt sie nervös mit ihrem Nasenschmuck:

"Dann kam Rauch die Treppe hoch und wir merkten, dass es wirklich brennt. Alle rannten panisch herum. Ich auch. Ich habe gesehen, dass einige Arbeiter ein Fenster aufgebrochen hatten und hinaussprangen. Auf dem Weg dorthin sah ich, dass viele Menschen durch den Rauch bereits bewusstlos waren und am Boden lagen. Eine dicke Frau neben dem Fenster war bereits tot. Ich bin auf sie gestiegen und habe mich aus dem Fenster gezwängt. Dabei blieb mein Fuß hängen. Ich brauchte mehrere Versuche, bis ich endlich los kam. Erst nach drei Tagen bin ich im Krankenhaus wieder zu Bewusststein gekommen. Eine Woche lang konnte ich nicht sprechen."

Die anderen Frauen haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Aufseher zwangen sie zum Weiterarbeiten und versperrten das Haupttreppenhaus. Die Fabrik hatte keine Notausgänge. Alle drei Treppenhäuser führten ins Erdgeschoß, welches illegal als Lagerraum genutzt wurde. Es war mit Stoffen und halbfertiger Kleidung so voll geräumt, dass nur enge Durchgänge blieben, durch die die Arbeiterinnen in die oberen Stockwerke gelangen konnten. Die Stoffe standen direkt neben einem Hochspannungsgenerator. Vermutlich hat der Funken eines Kurzschlusses die Materialen entzündet. Der einzige Fluchtweg verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in eine Feuerhölle, durch die niemand lebend ins Freie gelangen konnte. 112 Menschen starben, mehrere Hundert wurden verletzt.

Nazma Akhter: "Eine Woche lang war ich im Krankenhaus. Meine ganze rechte Seite war gelähmt. Noch immer werden meine Arme und Beine nicht richtig mit Blut versorgt. Als ich kürzlich beim Opferfest ein großes Stück Fleisch geschenkt bekam, konnte ich es nicht tragen, weil meine Arme so schmerzten. Ich kann kaum sitzen, selbst beim Liegen habe ich Schmerzen. Beim Gehen ist es besser, aber ich werde schnell müde dabei."

1000 Euro Entschädigung: Sie wird nie wieder arbeiten können

Nazma Akhter hat vom Textilunternehmerverband 100.000 Taka Entschädigung für ihre Verletzungen erhalten, umgerechnet 1.000 Euro. Außerdem erhielt sie 20.000 Taka (200 Euro) als Ersatz für einige Monate Lohnausfall. Das Geld wurde durch die Caritas verteilt und stammte von einer Modefirma aus Hongkong und von dem deutschen Bekleidungsunternehmen C&A. C&A hatte zum Unfallzeitpunkt 200.000 Sweatshirts für Brasilien bestellt. Ein Jahr nach dem Unfall ist von Nazma Akhters Entschädigung nichts mehr übrig. Ihr Mann ist Tagelöhner. Weil er sich monatelang um seine Frau und die drei Kinder kümmern musste, konnte er kein Geld verdienen. Nazma wird vermutlich nie wieder arbeiten können, selbst wenn sie körperlich dazu in der Lage wäre.

"Nein. Ich kann nicht mehr in einer Fabrik arbeiten. Ich habe solche Angst und fürchterliche Alpträume. Wenn ich ein ungewöhnliches Geräusch höre, fürchte ich mich entsetzlich."

Von den westlichen Firmen, für die in ihrer Fabrik Waren erzeugt wurden, ist Nazma Akhter enttäuscht:

"Die Modeketten und die Eigentümer übernehmen keine Verantwortung. Wovon sollen wir leben? Wir müssen unsere Miete bezahlen und etwas zu essen kaufen. Bisher habe ich immer im Geschäft anschreiben lassen, wenn ich Reis, Zucker oder Öl gekauft habe. Doch jetzt bekomme ich keinen Kredit mehr."

Im Zentrum von Dhaka steht neben einem künstlichen See ein modernes Hochhaus mit Glasfassade – der Sitz des Verbands der Textilerzeuger und -Exporteure von Bangladesch. Davor parken nagelneue Geländelimousinen. In keinem anderen Land hat die Textilindustrie so große Bedeutung wie in Bangladesch, erklärt Ehsan Ul Fattah, Generalsekretär des Verbandes. Aus seinem Zimmer hat er einen herrlichen Blick über die Zwölf-Millionen-Metropole:

"Bangladesch ist heute nach China die zweitgrößte Exportnation für Kleidung weltweit. Wir verdienen durch den Kleiderexport 21 Milliarden Dollar im Jahr – 80 Prozent unserer Deviseneinnahmen. Vier Millionen Arbeiter sind in diesem Sektor tätig, damit sind wir der größte Arbeitgeber. Und von den 4 Millionen sind 80 Prozent Frauen. Wir unterstützen so die Eigenständigkeit der Frauen in diesem Land."

Zählt man die Angehörigen mit, so sichert die Textilindustrie das Leben von 40 Millionen Menschen, das heißt von einem Viertel der Bevölkerung. In Bangladesch lassen Discounter wie Kik, NKD, Aldi und Lidl ebenso produzieren wie die Kleiderketten C&A oder H&M. Selbst Designer-Labels wie Tommy Hilfiger und Calvin Klein lassen hier nähen.

Ehsan Ul Fattah: "Die Arbeitskosten hier sind sehr gering. China verlagert seine Produktion in andere Sektoren, daher werden hier in Zukunft noch mehr Unternehmer aktiv sein. Wir hoffen, dass dieser Sektor weiter wächst."

Während der monatliche Mindestlohn in China 106 Euro beträgt, in Kambodscha und Vietnam etwa 50 Euro, musste man den Arbeitern in Bangladesch für einen ganzen Monat Nähen bis Anfang Dezember 2013 nur 30 Euro bezahlen. Nun wurde der Mindestlohn zwar auf 50 Euro erhöht, doch gleichzeitig wurden Zulagen für Transport und Verpflegung gekürzt. Noch immer sind die Arbeitskräfte nirgends billiger als in Bangladesch. Die Textilindustrie mit ihren 5.000 Fabriken bietet hier die beste Möglichkeit, schnell reich zu werden. Auch skrupellose Menschen wollten an diesem Boom teilhaben, was im April 2013 zum schwersten Unglück in der Geschichte der Textilindustrie von Bangladesch führte, zum Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Sabhar, einem Vorort etwa 25 Kilometer nordwestlich von Dhaka.

Die Manager verhinderten die Schließung des Gebäudes

Wo im Frühjahr dieses Jahres noch Hunderte Nähmaschinen ratterten, klafft heute eine große Baulücke. In einem Tümpel sammelt sich Regenwasser. Immer wieder bleiben Angehörige der Opfer vor der Stacheldrahtabsperrung stehen und schauen mit unbewegtem Blick auf die Schutthaufen hinter dem Tümpel. Einige haben Fotos ihrer Lieben dabei. Seinen Namen verdankt das Rana Plaza dem 30-jährigen Schulabbrecher Sohel Rana, der früher gern mit seiner Motorrad-Gang durch Sabhar sauste. Teile des Grundstücks für sein achtstöckiges Gebäude hatte er sich mit Gewalt angeeignet. Politische Freunde verschafften ihm die Baugenehmigung und später noch die Erlaubnis, das Gebäude aufzustocken. In den unteren zwei Geschossen waren Geschäfte und Banken untergebracht, in den oberen Stockwerken fünf Textilfabriken.

Am 23. April 2013 ging ein lautes Krachen durch das Gebäude. Die Arbeiter rannten voller Schrecken auf die Straße. In den Wänden und Decken waren Risse entstanden. Ein Bauingenieur untersuchte das Gebäude und ordnete an, es sofort zu schließen. Banken und Geschäfte ließen ihre Mitarbeiter das Gebäude nicht mehr betreten. Anders die Textilmanager. Durch vorangegangene politische Streiks waren sie mit ihren Lieferfristen bereits in Verzug und wollten nicht noch mehr Zeit verlieren. Auch Sohel Rana hatte an einer Schließung kein Interesse. Er posierte noch am selben Tag für einen Lokalsender vor den Rissen und klopfte mit einem Bambusstöckchen auf den Wänden herum. "Da bröckelt etwas Putz ab", sagte er, "das ist doch kein Problem". Am nächsten Morgen begleitete die 35-jährige Shewli Akhter ihren 17-jährigen Sohn Shawon zur Arbeit. Er arbeitete bei Phantom Apparels, einer der Fabriken im Rana Plaza Gebäude:

"Als wir losgingen, hat er gesagt. 'Mum, es ist eigentlich unnötig, dass ich zur Arbeit gehe, denn es ist viel zu gefährlich, das Gebäude zu betreten. Sie werden uns gar nicht hineinlassen.' Ich sagte zu ihm. 'Geh einfach kurz hin, dann wirst du nicht als abwesend geführt und sie ziehen dir nicht den Lohn für diesen Tag ab.“ (weint heftig)

Als Shawon zur Fabrik kam, sagte ihm das Management, das Gebäude sei sicher und er solle zur Arbeit gehen. Sie drohten ihm, einen ganzen Monatslohn zu streichen, falls er sich weigern sollte. Eine Stunde später erfuhr seine Mutter, dass das Gebäude eingestürzt war. Ihr Sohn kam ums Leben, mit ihm starben 1.133 Menschen, knapp 2500 wurden verletzt, viele verloren Arme oder Beine. Der Auslöser der Katastrophe: die Generatoren, die im obersten Geschoss standen, waren nach einem Stromausfall automatisch angesprungen. Ihre Vibrationen hatten das Gebäude schließlich zum Einsturz gebracht. Es war als Bürohaus geplant worden, jedoch nicht für Fabriken mit schweren Maschinen.

Taslima Akhter:"Ich würde das als strukturellen Mord bezeichnen. Durch die Rahmenbedingungen, die sie schaffen, nehmen die Fabrikbesitzer den Tod der Arbeiter in Kauf."

Taslima Akhter ist Aktivistin und Fotografin. Seit Jahren dokumentiert sie die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Näherinnen. Sie hat unmittelbar nach dem Einsturz den Unglücksort besucht und dabei ein Foto gemacht, das um die ganze Welt ging. Es zeigt ein umschlungenes Paar, das tot im Schutt liegt. Wie kein anderes Bild macht es deutlich, dass jenseits aller Opferzahlen Menschen betroffen waren, mit ihren Gefühlen, Sehnsüchten und Träumen:

"Es war kein Unfall, sondern die Fahrlässigkeit der Eigentümer. Die internationalen Marken sollten sich ein Bild von einer Fabrik machen, bevor sie dort einen Auftrag platzieren. Aber sie machen das nicht mit genügend Sorgfalt."

"Bisher wurde kein Eigentümer bestraft"

Von den internationalen Firmen, die ihre Waren von den Fabriken im Rana Plaza bezogen haben, hat bisher nur die irische Firma Primark Entschädigungen gezahlt. Viele andere fühlen sich nicht verantwortlich. Kik, NKD, C&A oder die Adler Modemärkte AG antworten auf Anfrage, man habe zum Zeitpunkt des Unglücks keine Geschäftsbeziehungen mehr zu den Firmen im Rana Plaza gehabt. Ein internationales Komitee hat ein umfassendes Kompensationsschema für die Rana Plaza Opfer vorbereitet. Die Umsetzung scheitert bisher an der mangelnden Bereitschaft der Kleiderhändler, sich daran zu beteiligen.

Taslima Akhter:"Bisher wurde kein einziger Eigentümer bestraft. Es gibt keinerlei Abschreckung. Als 2006 die Spectrum-Fabrik einstürzte, kam der Eigentümer nach anderthalb Monaten aus dem Gefängnis. Wir wissen nicht, was mit dem Eigentümer von Rana Plaza geschehen wird. Wenn er keine ordentliche Strafe bekommt, werden andere Eigentümer denken, sie können mit den Arbeiterinnen weiterhin machen, was sie wollen."

Sohel Rana, der Eigentümer, hielt sich zum Zeitpunkt des Einsturzes selbst im Gebäude auf, in seinem Büro im Untergeschoss. Er kam mit leichten Blessuren davon und versuchte mit Hilfe von Schleppern nach Indien zu fliehen. 500 Meter vor der Grenze fasste ihn eine Spezialeinheit und flog ihn per Hubschrauber nach Dhaka ins Gefängnis.

Kalpona Akhter ist die Geschäftsführerin einer NGO, die sich für Arbeiterrechte in Bangladesch einsetzt. Sie hat selbst als junge Frau viele Jahre als Näherin gearbeitet. Sind aus ihrer Sicht die Fabriken heute sicherer?

"Nein, bisher gab es noch keine wesentlichen Veränderungen. Was sich verändert hat, ist, dass die Arbeiter heute in der Lage sind, Nein zu sagen. Wenn sie heute einen Kurzschlussfunken sehen, verlassen sie sofort die Fabrik, ebenso, wenn sie Sprünge im Gebäude entdecken."

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