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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.12.2012

Teutonische Heftigkeit

Die wichtigen Feuilleton-Debatten des Jahres 2012

Von Arno Orzessek

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Günter Grass zündelte mit einem Gedicht: "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden." (dpa / Maurizio Gambarini)
Günter Grass zündelte mit einem Gedicht: "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden." (dpa / Maurizio Gambarini)

Günter Grass schrieb "mit letzter Tinte" ein Gedicht über die Atommacht Israel. Die Beschneidungsdebatte brachte ein ganzes Land unter Antisemitimusverdacht. Ein neuer Bond ging an den Start. Und die Piraten stritten ums Urheberrecht.

Günter Grass: "Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?"

Warum auch immer Günter Grass das gesagt hat, was laut dem Titel seines Verswerks "gesagt werden muss" - mit dem Feuilleton-Frieden war’s im April über Nacht vorbei.

Dem Nobelpreisträger wurde Antisemitismus vorgeworfen. Die Diskussionsatmosphäre verfinsterte sich. Und die fieseste Formulierung fiel naturgemäß Henryk M. Broder ein:

Henryk M. Broder: "Ich glaube, das ist der Amoklauf eines alten Herrn, der im fortgeschrittenen Alter zu seiner Jugend zurückkehrt. Früher war er ein SS-Junge, jetzt schreibt er wie ein SS-Mann."

Unter den wenigen Verteidigern der Grassschen Israel-Kritik taten sich Jakob Augstein, Johano Strasser und auch Denis Scheck hervor.

Denis Scheck: "Ich erkenne hier keinerlei antisemitische Tendenzen, sondern tatsächlich nur ein großes Schuldanerkenntnis von Grass."

Ganz Deutschland zeige antisemitische Tendenzen: Das behauptete mit Blick auf das Kölner Beschneidungs-Urteil Charlotte Knobloch, Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, und stellte in der "Süddeutschen Zeitung" die Vertrauensfrage:

"Wollt Ihr uns Juden noch?"

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik regte sich über die Verteidiger der Kindesrechte auf, die nach dem Beschneidungsurteil laut wurden - und prophezeite:

Micha Brumlik: "… dass diese Advokaten des Kinderrechts im Endeffekt, wenn sie recht bekommen, das bewirken werden, dass es in Deutschland kein orthodoxes Judentum mehr geben wird und geben mehr geben kann. Und das gerade mal 70 Jahre nach dem Ende des Holocaust."

‚Recht vor Glaube und Tradition’ argumentierten die Beschneidungsgegner. Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel unterstrich, dass das Sorgerecht der Eltern zwar religiöse Erziehung einschließe - aber:

Reinhard Merkel: "Ein Freiheitsrecht, autonom zu entscheiden und nur wegen dieser Autonomie die Befugnis gewährt zu kriegen, in den Körper anderer Menschen einzugreifen, gibt es a limine, von Anfang an nicht. Die Religionsfreiheit spielt daher für die Klärung unseres Problems keine direkte und keine eigene Rolle. […] Allein nach positivem Recht beurteilt, ist die Beschneidung unerlaubt. Das auch zur Verteidigung des Landgerichts Kölner."

Es war im Guten wie im Bösen, Hinterfotzigen und Verleumderischen die Debatte des Sommers 2012. Sie tobte in teutonischer Heftigkeit, tobte sich aber aus, noch bevor der Bundestag gegen Ende des Jahres die Beschneidung per Gesetz erlaubte.

Anders der multikomplexe Streit ums Urheberrecht, dem gordischen Knoten des digitalen Zeitalters. Die Piraten, die sich die Freiheit im Netz… ein seltsamer Begriff übrigens: ‚Freiheit im Netz’ - auf die Fahnen geschrieben haben, bekamen pausenlos auf die Ohren.

Peter Turrini: "Die Zukunft wird den Piraten gehören. Die sind im Computer geboren, im Internet aufgewachsen, aus dem sie alles heraussaugen, was ihnen nicht gehört und es so lange zerschnetzeln und vermischen, bis es der eigenen geistigen Augenhöhe entspricht. Dabei fühlen sie sich frei und kreativ - aber es ist die Freiheit des Diebstahls",

ging der Schriftsteller Peter Turrini auf die Piraten los. Die konnten sich argumentativ nur mühsam über Wasser halten. Der Parteivorsitzende Bernd Schlömer musste seine Freibeuter immerzu rechtfertigen.

Bernd Schlömer: "Also, es ist so, dass wir kein Lebensunterhalt vernichten wollen. Künstler, Kulturschaffende sollen künftig auch von ihren Produkten von ihren Erzeugnissen leben können."

Sterben musste indessen James Bond, kaum dass der Film "Skyfall" begonnen hatte.

"Skyfall", Ausschnitt: "’Schießen Sie - ich sagte schießen Sie!’- ‚Ich kann nicht, ich könnte Bond treffen.’ - ‚Schießen Sie, verdammt noch mal.’"

Sein eigener Tod tat James Bond gut. Erstens, weil er dann doch nicht mausetot war. Und zweitens, weil sein körperlich und seelisch angeknackstes Fortleben die Feuilletonistinnen hellauf begeisterte.

Nicht nur Katja Nicodemus freute sich über die Maximalbeschneidung Bonds, für die sie die Produzentin Barbara Broccoli, Tochter des Ex-Bond-Produzenten Albert Broccoli, verantwortlich machte.

Katja Nicodemus: "Barbara Broccoli hat ja den größten Macho-Helden der Populärkultur von ihrem Macho-Papa geerbt. Und was macht Sie? Sie lässt ihn eigentlich erstmal kastrieren, symbolisch, indem sie ihm eine Chefin vorsetzt. Ne ganz taffe Frau, Julie Dench."

James Bond, der Film, wurde fünfzig - und die Feuilletons holten alles raus aus dem Jubiläum.

Die Rolling Stones feierten fünfzigjähriges Bühnen-Jubiläum - und die Feuilletons sahen’s nicht einmal als geriatrische Sensation an. Dafür rocken die faltigen Steine jetzt Kinderherzen.

Rolling Stones, Kinderstimmen: "[Musik] ‚and now, the Rolling Stones‚ - Die Rolling Stones wurden 1962 gegründet’ - ‘Ne Rockband muss sein irgendwas mit Trommel oder E-Gitarre oder irgendwas. Und dann richtig lauten Gesang dazu tun: Das ist Rock.’ [Musik]."

Richtig lauten Schmähgesang bekam Hans Barlach zu hören. Bei der Charakterisierung des Suhrkamp-Mitgesellschafters, dessen Klage Ulla Unseld-Berkewicz den Geschäftsführer-Posten gekostet hatte, suchten alle nach den abfälligsten Worten: Peter Handke, Rainald Götz und auch Michael Naumann:

Michael Naumann: "Wenn man den Suhrkamp-Verlag mit einer Bachschen Fuge vergleicht, dann ist Herr Barlach der Mann mit der Fahrradklingel."

Was wirklich lustig war, aber auch wirklich dämlich - wollte sich Naumann doch gleichzeitig als Vermittler zwischen Barlach und Berkewicz andienen. Barlach winkte dezent ab.

Summa summarum: Falls Hans Barlach und Günter Grass demnächst einen trinken gehen, weil sie in diesem Jahr in den Feuilletons am meisten Fett wegbekommen haben, können sie ruhig ein paar Piraten mitnehmen.

Die Debatte um Suhrkamp indessen, zuletzt im Feuilleton eine Seifenoper um die verzankten Hauptdarsteller Frank Schirrmacher, FAZ, und Richard Kämmerlings, Die Welt, ist der Cliffhänger, der uns Unlust auf 2013 macht.

Deshalb zuletzt eine Frage an die Kristall-Kugel: Wie wird denn die Debatte im neuen Jahr?

Frauenstimme: "Die Debatte nimmt an Qualität zu. Manchmal nur sehr wenig - aber eben doch."

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