Teure Schmuckstücke

21.09.2011
E. T. A. Hoffmann setzt in "Die Fräulein von Scuderi" der Schriftstellerin Madeleine de Scuderi ein Denkmal. In der Novelle geht es um den Juwelier Cardillac, dessen Schmuckstücke zum Tode seiner Käufer führten. Nun ist das Werk als Graphic Novell zu lesen.
Mit modernen Sprachmitteln gesagt: Unterm Sonnenkönig hatten Romane von Madeleine de Scudéry (1607-1701) ein Abo auf die Bestsellerlisten. Ihr Stil, preziös, galant, heroisch, kultiviert, traf Lifestyle und Selbstbild der Beautiful People - Adel und aufstrebendem Bürgertum -, und die niedereren Pariser Stände waren scharf auf die Einblicke in deren pikantes Treiben.

Mätressen, Kabbalen samt Giftmorden, Shame & Scandal war bei Louis XIV. so angesagt wie Puder, Perücken und ungeniert gefüllte Pots-de-chambre. Die Zeit ihres langen Lebens ledige Mademoiselle stieg auf zur moralischen Instanz mit Popstarstatus.

Ihren Nachruhm aber verdankt sie einem preußischen Kollegen, der in seinen Landen nicht beliebt war, schon gar nicht bei Obrigkeiten: E. T. A. Hoffmann. 1819 erschien seine Novelle "Das Fräulein von Scuderi" vorab als Taschenbuch, kurz darauf in der vierbändigen Anthologie "Die Serapionsbrüder", dem ästhetisch-politischen Manifest der gleichnamigen Berliner Widerstandsclique um den armen Hoffmann.

Die Story vom Juwelier Cardillac, der seine Kunden ersticht, um sich seine Meisterwerke wiederanzueignen, und von der mitfühlenden, scharfsinnigen und -züngigen Schriftstellerin Scuderi, die einen Justizmord verhindert, ist feinste Weltliteratur: komplex, atmosphärisch dicht, mit Zügen von Sozialreportage und Gesellschaftssatire und klaren politischen Positionen, etwa gegen Folter.

Man kann sie mit Fug als doppelte Künstlernovelle lesen - über die Künstlerin und ihre mit ihrer Kunst identischen Sensibilität, über den Künstler und seine Identität mit seinem Werk; man kann sie interpretieren als vorauseilende Analyse der entfremdeten Arbeit oder Psychogramm der dissoaziativen Identitätsstörung. Eins ist das literarische Kleinod nicht: "der Ur-Krimi der Weltliteratur", wie der Verlag tönt. Ebenso wenig wie Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre" (1786), Stevensons "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" (1886) oder "Kain & Abel" eines unbekannten Autorenkollektivs (weit v. Chr.).

Zum Glück hat sich das wohlbekannte Kollektiv Drushba Pankow von derlei Unfug nicht beirren lassen. Die beiden Bildkünstler haben vielmehr in einem intelligent-dreisten Coup den Stoff zur Graphic Novel umfunktioniert. Mit modernen Bildmitteln erzählt. Entstanden ist ein gesampeltes Remake, ein Hybrid aus Zeit- und Stilbrüchen, jedes Tableau ein Suchbild voller keck-komischer Kassiber.

Als die Scuderi wünscht, dass man den Wagen hole, sagt ihre Sprechblase "Harry!" Irgendwo steht eine Bulldogge, daneben "Un chien andalou". Ganze Plot-Tranchen kommen als Piktogramm- oder Miniaturenserie daher, mit Enjambements über Bild- und Seitenränder. Die Hauptfiguren sind Papp-Puppen, deren Glieder nach Monty-Python-Manier animiert, also bewegt, collagiert, umzeichnet werden. Die Kostüme sind epochal korrekt, aber die Gesichter oft irritierend bekannt. Von Geldscheinen. Oder es ist Dépardieu mit Karl Maldens Nase oder Terminator Arnie samt "Hasta la vista, Baby".

Das Buch ist ein Genuss, bis auf (s)eine Kleinigkeit: Es hätte das doppelte Format verdient.

Besprochen von Pieke Biermann

E. T. A. Hoffmann/Drushba Pankow:
Das Fräulein von Scuderi

Mit dem Originaltext und einem Nachwort von Alexandra Kardinar und Volker Schlecht
Graphic Novel
Edition Büchergilde, Frankfurt/Main 2011
160 Seiten, geboren, 24,90 Euro