Teufelskreis der hilfreichen Mittelchen

Immer mehr Menschen greifen zu leistungssteigernden Mitteln. © Stock.XCHNG / Carlos Paes
25.08.2010
Erfolg macht süchtig und das im doppelten Sinne. Immer mehr Menschen greifen zu Amphetaminen und Beruhigungsmitteln, um dem Leistungsdruck standzuhalten. Klaus Lieb, Direktor für Psychiatrie und -therapie an der Uniklinik Mainz, warnt in "Hirndoping" vor einem beunruhigenden Trend.
Schneller lernen? Effektiver arbeiten? Ein paar bunte Pillen und schon kommt der Geist auf Trab. Und weil das so einfach ist, nimmt die Bereitschaft zum Hirndoping in den letzten Jahren stetig zu.

Schon Schüler greifen immer häufiger zu Leistung steigernden Medikamenten, warnt Klaus Lieb und schlägt Alarm. Denn harmlos ist Hirndoping bei weitem nicht. Aufklärung tut Not, so Lieb. Dabei weiß der Mann, wovon er schreibt: Er ist Direktor für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum in Mainz. Und so nimmt er den Leser mit in seine Welt: Detailliert beschreibt er Nebenwirkungen und Gefahren verschiedener stimulierender Medikamente, geht der Frage nach, warum Menschen Hirndoping betreiben und diskutiert, welche Folgen die künstliche Leistungssteigerung für unsere Gesellschaft haben kann.

Dass Klaus Lieb erklärter Gegner des Hirndopings ist, ist dabei nicht überraschend. Allerdings nervt der häufig erhobene Zeigefinger, der in zahlreichen Formulierungen immer wieder auftaucht. Insgesamt tut das dem Buch aber keinen Abbruch. Alle Medikamente, Hintergründe über die Hersteller und ethische Debatten, werden sehr präzise erläutert, so dass man sich durchaus ein eigenes Bild zum Thema machen kann. Besonders erwähnenswert ist eine Untersuchung zum Gebrauch von leistungsfördernden Substanzen, die der Autor selbst durchgeführt hat: 1500 Schüler und Studenten hat der Psychiater befragt und herausgefunden: zwei Prozent nehmen Ritalin, Antidepressiva oder Tabletten gegen Narkolepsie, um bessere Ergebnisse bei Prüfungen zu erzielen. Und das dürfte nur der Anfang sein.

In den USA nehmen heute schon an 20 Prozent der Amerikaner regelmäßig Neuropusher, wie Studien belegen. Manager in Entziehungskliniken sind in den Staaten längst nicht ungewöhnlich. Und auch unter Forschern wird gerne zu Wachhaltepillen gegriffen, wenn ein wichtiger Kongress ansteht, wie eine Umfrage des renommierten Wissenschaftsmagazins "Nature" ergab. Europa holt auf, warnt Klaus Lieb. Besonders erschreckend dabei sei, dass über die Hälfte der Konsumenten ihre Pillen von Ärzten und Apothekern beziehen. Leichtfertig scheinen Kollegen ihren Rezeptblock zu zücken und Mittel zu verschreiben, die nur für psychisch Kranke, Alzheimerpatienten oder Depressive zugelassen sind, lautet Liebs deutliche Kritik und wiederholt seinen Verweis auf die Nebenwirkungen.

Amphetamine, Psychopharmaka, Beruhigungsmittel – all diese Substanzen nehmen Einfluss auf die Signalübertragung im Gehirn, wie dauerhaft ihre Wirkung ist, ist dabei oft unbekannt. Fest steht nur, so der Facharzt: Solche Substanzen machen nicht nur wacher, sondern auch unruhiger. Bei entsprechender Veranlagung können sie auch psychische Erkrankungen wie Psychosen oder Manien auslösen. Darüber hinaus haben die Mittel hohen Suchtcharakter. Ein Teufelskreis beginnt. Dem zu entgegen sei einfach, so Klaus Lieb. Trinken Sie lieber Kaffee, so sein lakonischer Rat. Koffein wirkt ähnlich wie Amphetamine und andere Psycho-Stimulanzien, nur greift es nicht in den Gehirnstoffwechsel ein.

Besprochen von Susanne Nessler

Klaus Lieb: Hirndoping. Warum wir nicht alles schlucken sollten
Artemis und Winkler Verlag, Mannheim 2010
172 Seiten, 16,90 Euro
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