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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.09.2016

Tetsumi Kudo im Kasseler FridericianumPenisse als Antisymbole der Macht

Susanne Pfeffer im Gespräch mit Moderatorin Britta Bürger

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Tetsumi Kudos "Human Bonsai – Freedom of Deformity – Deformity of Freedom" aus dem Jahr 1979 (Jessica Eckert / Fridericianum Kassel)
Tetsumi Kudos "Human Bonsai – Freedom of Deformity – Deformity of Freedom" aus dem Jahr 1979 (Jessica Eckert / Fridericianum Kassel)

Im Kasseler Fridericianum wachsen Penisse aus der Erde, sie liegen im Raum herum oder sind in einem Vogelkäfig eingeschlossen. Der japanische Künstler Tetsumi Kudo sperrt aber auch Augen, Nasen und Gehirne in Boxen und Aquarien, in Käfige und Würfel. Susanne Pfeffer, die Kuratorin der Ausstellung, über die Bedeutung des Phallus in Kudos Werk.

Tetsumi Kudos Werk aus den 1950er bis in die 1980er-Jahren ist jetzt in einer ersten großen Retrospektive in Deutschland zu entdecken – im Kasseler Fridericianum.

Es geht in den Arbeiten des Künstlers, der 1935 in Japan geboren wurde, häufig um Versehrtheit, Verletzungen, Zerstörung.

Im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur erläuterte die Kuratorin der Ausstellung, Susanne Pfeffer, die Hintergründe der Entstehung dieses künstlerischen Werks.

Stark geprägt durch Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki

So sei Kudo in den 1960er-Jahren - unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki - nach Paris gegangen. Für ihn sei schon damals ganz klar gewesen, dass vor dem Hintergrund des Katastrophen des Zweiten Weltkriegs auch das westlich-humanisitsche Menschenbild überdacht werden müsse.

"Er hat angefangen, sehr kritisch auf die westliche Welt zu schauen. Und etwas, was ihm sehr wichtig war, war die so genannte Philosophy of Impotence."

Mit dieser Philosophie meinte er, dass sich der Mensch, durch die von ihm selbst geschaffenen Übel im Grunde selbst vernichten könnte - "in dem Sinne, dass der Mensch sich nicht weiter vermehrt, sondern sich in andere Teile der Natur transformiert", so Pfeffer.

Kritik am Humanismus der westlichen Welt

Kudo habe in vielen seiner Texte zum Ausdruck gebracht, "wie lächerlich er eigentlich den westlichen Humanismus findet oder wie fragwürdig damit umgegangen wird".

Er habe zudem beklagt, dass so genannte technische Errungenschaften, die auch den Zweiten Weltkrieg in seinem grauenhaften Ausmaß erst ermöglichten, im Westen nicht hinterfragt würden - genauso wie auch die Naturwissenschaften nicht.

Ist es ein Penis, ein Wurm, eine Pflanze?

Zugleich bringe Kudos Werk einen sehr "humoristischen Blick auf die Welt" zum Ausdruck, so die Kuratorin.

Kudo zeige das männliche Glied in seinen Skulpturen als Machtsymbol, wobei aber oft gar nicht mehr unterscheidbar sei, ob es sich um einen Penis, einen Wurm, eine Pflanze oder einen Schmetterlingskokon handele. "Die Formen transformieren sich ständig in andere."

Eine Rezeption des Werkes kann jetzt erst beginnen

Eine Kritik an der westlichen Moderne, wie sie im Werk von Kudo zu finden sei, komme in der westlichen Welt selbst erst seit etwa zehn Jahren auf, meinte Pfeffer. Erst seit Kurzem gebe es ein "neues Denken, dass man Natur und Kultur nicht mehr so stark trennt". Insofern könne das radikale Werk von Tetsumi Kudo auch erst jetzt rezipiert werden:

"Weil wir auch in unserer westlichen Gesellschaft anfangen, aufgrund der Probleme, die sich aus der Zerstörung der Natur ergeben oder auch letztlich in der Zuordnung der Geschlechter, die Kudo auch schon irgendwie infrage stellt, dass man noch mal einen ganz anderen Blick hat."

(huc)

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