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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.08.2014

TerrorismusBoko Haram und ISIS sind "Rebellen" und keine "Milizen"

Wissenschaftler kritisiert Begrifsverwirrung

Wolfgang Schreiber im Gespräch mit Nana Brink

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Kämpfer der Boko Haram in Nigeria (AFP)
Kämpfer für einen islamischen Staat: die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria (AFP)

Ob im Irak, in der Ukraine oder in Nigeria - überall sind "Milizen" auf dem Vormarsch, heißt es oft. Ein falscher Begriff, meint Wolfgang Schreiber, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung an der Universität Hamburg. Bei den meisten dieser Gruppierungen handele es sich schlicht um "Rebellen". Auch dass diese eine völlig neue Art von Kriegsführung betreiben, bezweifelt er: Heute habe man durch das Internet lediglich mehr Informationen.

Nana Brink: Egal, wo wir hinschauen, in welchen Erdteil, wir treffen immer wieder auf sie, immer häufiger: Milizen. Laut Definition ein Bürger- oder Volksheer. Im Irak haben islamische Milizen ein Kalifat errichtet und bringen das Land an den Rande des Abgrundes. Nach den Gotteskriegern im Irak haben nun radikale Milizen auch im Osten Libyens ein islamisches Emirat ausgerufen. Das Land versinkt im Chaos. In Nigeria entführen und terrorisieren die Boko-Haram-Milizen weite Teile der Bevölkerung, ähnlich in Somalia. Die Liste lässt sich verlängern bis nahe zu uns. In der Ukraine versuchen seit Monaten prorussische Milizen, den Osten des Landes abzuspalten. Gibt es ein Muster, und wie reagieren Staaten darauf? Wolfgang Schreiber leitet die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung an der Uni Hamburg. Guten Morgen, Herr Schreiber!

Wolfgang Schreiber: Guten Morgen!

Brink: Vielleicht klären wir erst mal den Begriff am Beispiel Ukraine: Sind diese Milizen Volksheere, wirklich?

Schreiber: Nein, also die würde ich auch nicht Milizen bezeichnen, die prorussischen Gruppen, sondern die würde ich als klassische Rebellen bezeichnen. Unterschied zwischen Milizen und Rebellen: In der Regel würde man sagen, Milizen kämpfen auf Seite der Regierung und Rebellen versuchen die Regierung zu stürzen.

Milizen gibt es in der Schweiz und in den USA

Brink: Also Miliz hat ja für mich immer erst mal etwas Defensives, also im Sinne von Verteidigung gegen einen Staat oder eine Art Bürgerwehr, ist das falsch?

Schreiber: Das ist sicherlich ein Teil des Selbstverständnisses von Milizen auch, es liegt auch so ein bisschen in dem Ursprung des Milizbegriffs. Ich versuch mal so ein bisschen aufzumachen, was es für Typen von Milizen gibt.

Brink: Bitte!

Schreiber: Wir kennen ganz klassisch das Milizsystem in der Schweiz. Also es gibt die Schweizer Armee, das Schweizer Heer, und es gibt eine Ergänzung dazu, wo sozusagen alle wehrfähigen Männer ab und zu mal Reserveübungen machen und die im Kriegsfall dann dazugezogen würden. Und dieses System bezeichnet man als Milizsystem. Ähnliches gibt es auch in anderen Ländern, also die Bundesstaaten der USA zum Beispiel unterhalten auch in der Regel Milizen. Das hat historische Gründe, die mögen im Moment nicht so wichtig sein, aber die gibt es. Das ist sozusagen die eine Sache.

Isis-Kämpfer mit Maschinengewehren posieren mit der schwarzen Flagge der Gruppe für ein Foto (AFP Photo / Ho / Welayat Salahuddin)Auch keine Miliz: Isis-Kämpfer mit der schwarzen Flagge der Gruppe (AFP Photo / Ho / Welayat Salahuddin)

Dann gibt es spezielle Milizen, die von Regierungen in Kriegen aufgebaut werden. Bekanntestes Beispiel ist vielleicht die Türkei und der Kampf gegen die kurdische PKK, wo halt aufgrund von mangelnder Ortskenntnis und Ähnlichem ein sogenanntes Dorfwächtersystem aufgebaut wurde. Das heißt, in den kurdischen Gebieten der Türkei wurden Leute rekrutiert, die nicht in die Armee übernommen wurden, sondern die sozusagen auf lokaler Ebene für die Türkei bewaffnet agiert haben. Also solche Milizen vor Ort halt durch den Staat aufgebaut. 

Und als Drittes gibt es Milizen, die halt für sich in Anspruch nehmen, auf der staatlichen Seite zu kämpfen, aber doch eben die privat organisiert sind, also privat aufgebaut wurden. Auch da das bekannteste Beispiel: Kolumbien, die sogenannten, von der linken Seite werden sie sozusagen als Paramilitärs bezeichnet, sie selber nennen sich "Autodefensas". Das ist ein bisschen schwierig zu übersetzen, weil es als Substantiv zusammengesetzt im Deutschen, nennt man in der Regel Selbstverteidigungskräfte, man könnte auch sagen Selbstverteidigungsmilizen. Das sind sozusagen die drei großen Gruppen von Milizen, und alle kämpfen sozusagen auf Seiten des Staates, im Gegensatz zu Rebellen.

Häufig nur ein "Übersetzungsproblem"

Brink: Warum bezeichnen wir dann aber solche Leute, wie zum Beispiel die im Irak tätig sind, also das islamische Emirat errichtet haben, warum bezeichnen wir die dann als Milizen oder warum nennen die sich selbst oft Milizen? Ist das nicht verwirrend?

Schreiber: Die Frage ist erst mal, ob sie sich selber wirklich Milizen nennen, weil da ist natürlich häufig ein Übersetzungsproblem auch. Also der Begriff Miliz, den wir haben, also wenn man die arabische Entsprechung sucht, mag das ja unter Umständen ein Begriff sein, der ins Deutsche oder ins Englische mehrfach übersetzbar ist und die Übersetzung Miliz ist einfach vielleicht nicht die Entsprechung, wird aber trotzdem genommen. Das kann ich schwierig beurteilen, weil ich kein Arabisch kann, gilt auch für viele andere Sprachen.

Es mag gewisse Ursprünge geben, die halt auch anknüpfen an diesen Selbstverteidigungsgedanken. Also gerade im Irak gibt's ja halt die Verteidigung sozusagen, den die US-Besatzungsmacht und später gegen das neue Regime, was ja sehr stark auf den schiitischen Bevölkerungsteil rekrutiert, wo der sunnitische Bevölkerungsteil halt sich unterdrückt gefühlt hat und es da unter Umständen diesen Selbstverteidigungsgedanken sehr stark gegeben hat.

Hinter einem durch eine Explosion vollständig zerstörten Auto stehen mehrere bewaffnete Sicherheitskräfte. (AFP / Abdifitah Hashi Nor)Wurzeln in den islamischen Gerichtsmilizen: die somalische Al-Shabaab (AFP / Abdifitah Hashi Nor)

Milizen hat auch noch einen sehr starken lokalen Bezug. Also wenn es sozusagen lokal entstanden ist, mag's diesen Hintergrund auch geben. Also im Irak würde ich das eigentlich nicht so sehen, ich würde die ISIS oder den Islamischen Staat, wie sie sich jetzt nennen, auch nicht als Miliz bezeichnen. Anders ist es vielleicht der Fall Somalia. Also die Al-Shabaab, die hat einen ganz klaren Ursprung in sogenannten islamischen Gerichtsmilizen, die sich halt in den Wirrnissen des Bürgerkrieges Anfang der 2000er-Jahre gebildet haben, wo die erst auf lokaler Ebene entstanden sind und dann sich zu was Größerem zusammengeschlossen haben.

Brink: Nimmt man dann diesen Begriff auch oder versuchen die auch diesen Begriff für sich in Anspruch zu nehmen, um die Zivilbevölkerung auf ihre Seite, also ihre gute Seite zu ziehen?

Schreiber: Ja, jein, weil der Begriff Miliz eigentlich als solches erst mal relativ nichtssagend ist, also die meisten geben sich ja auch andere Namen. Al-Shabaab heißt Jugend, also auch das soll irgendwas suggerieren, es gibt andere Milizen, also die haben ja auch alle noch irgendwie Namen. Also wenn sich der Islamische Staat in Syrien und im Irak Islamischer Staat nennt, ist die Aussagekraft größer, als ob die sich Miliz nennen.

Keine "völlig neue Art" der Kriegsführung

Brink: Das ist ja eine völlig neue Art auch der Kriegsführung, die diese Milizen, Rebellen oder wie immer man sie nennt, auch führen. Wie reagiert man darauf als Staat, siehe im Irak? Ein Staat ist weitgehend machtlos, das sehen wir immer häufiger.

Schreiber: Ob das eine völlig neue Art ist, wage ich zu bezweifeln. Das Problem ist ganz einfach, also gehen wir mal 50 Jahre zurück, da war unser Blick auf die Welt ein ganz anderer. Also heute haben wir das Internet, wir können uns vielfältig informieren und kriegen sozusagen jede Schattierung eines Krieges mit. Das war vor 50 Jahren nicht möglich. Also vor 50 Jahren waren wir wesentlich mehr durch wenige Journalisten, Agenturen gesteuert, die halt den Blick dann unter Umständen eher auf das Wesentliche, auf die wesentlichen Konfliktlinien gerichtet haben, aber nicht so sehr auf die Details, die wir heute alle mitkriegen.

Brink: Also sagen Sie, sie sind nicht auf dem Vormarsch, und es ist einfach nur, wir haben mehr Informationen darüber. Es ist also nicht ein Vormarsch der Milizen.

Schreiber: Wir haben mehr Informationen und wie gesagt, es gibt eine gewisse Begriffsverwirrung. Also ich würde Gruppen wie die Boko Haram, die Sie am Anfang erwähnt haben, oder auch die ISIS im Irak eben nicht als Milizen bezeichnen, weil das mittlerweile klassische Rebellengruppen sind, deren Ziel es ist, eine Regierung zu stürzen bzw. eine eigene Regierung zu etablieren.

Brink: Wolfgang Schreiber leitet die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung an der Uni Hamburg. Schönen Dank, Herr Schreiber, für Ihre Einschätzungen!

Schreiber: Ja, schönen Tag noch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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