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Studio 9 | Beitrag vom 14.04.2016

Terror in NigeriaBringt unsere Mädchen zurück!

Von Jens Borchers

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Ein Frau protestiert für die Befreiung der von Boko Haram entführten Mädchen. (imago stock&people)
Ein Frau protestiert für die Befreiung der von Boko Haram entführten Mädchen. (imago stock&people)

Vor zwei Jahren entführten Kämpfer der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram 276 Schülerinnen. 57 von ihnen konnten in den ersten Tagen nach dem Kidnapping fliehen, die anderen bleiben verschwunden. Die Eltern der Mädchen fordern jeden Nachmittag: Bring back our girls!

Sie treffen sich immer noch jeden Nachmittag um 17 Uhr. Treffpunkt: Der "Brunnen der Einheit" in Nigerias Hauptstadt Abuja:

"Was fordern wir?"
"Bringt unsere Mädchen zurück! Jetzt! Und lebendig!"

Das ist ein Ritual geworden. Ein Ritual, mit dem die engagierten Eltern und Aktivisten verhindern wollen, dass die von Boko Haram entführten Schülerinnen aus dem Ort Chibok vergessen werden. Ein anderes Ritual ist das Versprechen der nigerianischen Regierung an die Eltern der Entführten:

"Ich habe ihnen versichert, dass die Regierung nicht ruhen wird, bis die Mädchen wieder bei ihren Familien sind."

Das sagt Präsident Buhari. Aber er sagt auch: Wir wissen nicht, wo die Entführten sind. Immer noch nicht.

Mädchen werden als Sex-Sklavinnen missbraucht

219 Schülerinnen aus Chibok sind noch in der Gewalt von Boko Haram. "Amnesty International" sagt allerdings, das sei nur ein Zehntel der Kinder und Jugendlichen, die die Terroristen in den zurückliegenden zwei Jahren verschleppt haben. Sie machen aus ihnen Helfer oder Kämpfer.

Boko Haram beutet die jungen Frauen als Sex-Sklavinnen aus. Darin stimmen die Berichte vieler Opfer überein, die entweder fliehen oder befreit wurden konnten. Und Boko Haram zwingt immer häufiger Minderjährige, sich bei Selbstmordattentaten in die Luft zu sprengen. Vor allem Mädchen.

Die Attacken und Entführungen haben Langzeitfolgen. Rebecca Isyaku ist eines der entführten Mädchen aus Chibok, der kurz nach dem Kidnapping fliehen konnten. Auch zwei Jahre danach kann Rebecca nicht über den Angriff selbst erzählen. Nur etwas über ihre Gedanken an die, die immer noch bei Boko Haram sind:

"Bis heute denke ich immer – werden sie zurückkommen? Ich weiß nicht mal, ob sie noch leben. Aber ich denke an sie."

Rebecca geht jetzt auf eine Schule in der Nähe der Hauptstadt Abuja. Viele andere Jugendliche, die durch Boko Haram-Angriffe vertrieben wurden, können gar nicht zur Schule gehen.

700.000 Kinder können keine Schule besuchen

Eine neue Untersuchung der Vereinten Nationen ergab, dass fast 700.000 Schulkinder im Nordosten Nigerias und im benachbarten Kamerun länger als ein Jahr keine Schule besuchen konnten. Dass mehr als 1.800 Schulen zerstört, angezündet oder aus Sicherheitsgründen schlicht geschlossen wurden.

Nigerias Regierung verspricht zwar, anderswo Alternativen für den Schulbesuch anzubieten. Aber Mausi Segun, Rechercheurin für die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" in Nigeria, stellt fest:

"Sechs Jahre dauern jetzt die Kämpfe. Seit mindestens zwei bis drei Jahren gibt es Schwierigkeiten, z.B. im Bundesstaat Borno, den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Aber nur drei Prozent der Kinder, die nicht zur Schule gehen können, werden woanders untergebracht. Da ist sicherlich nicht genug getan worden."

Ausgebrannter Prüfungsraum einer staatlichen Schule in der Stadt Chibok im Nordosten Nigerias (dpa / picture alliance / Henry Ikechukwu)Ausgebrannter Prüfungsraum einer staatlichen Schule in der Stadt Chibok im Nordosten Nigerias (dpa / picture alliance / Henry Ikechukwu)

Viele Eltern der entführten Schülerinnen aus Chibok und anderen Gegenden im Nordosten Nigerias finden auch, dass nicht genug getan wurde. Deshalb halten sie verzweifelt an ihrem Ritual fest, jeden Tag, nachmittags um 17 Uhr:

"Bring back our girls!"

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