Tendenz zur "Event-Kritik"

Vor dem Auftritt ... © Stock.XCHNG / trevor kirpaul
Moderation: Liane von Billerbeck · 23.02.2006
Der Theaterkritiker Gerhard Jörder hat angesichts des Frankfurter Theatereklats Kritik an seiner Zunft geübt. Um ihren Platz in den Feuilletons zu verteidigen, sei die Kritik schriller, wütender und rücksichtsloser geworden, sagte Jörder. Man versuche, die Kritik zu legitimieren, indem man sie selbst zum Event erhebe. Im Frankfurter Theaterskandal bezeichnete er die Reaktionen beider Seiten als überzogen.
Billerbeck: Die Gesichte, die sich Ende vergangener Woche in einer Nebenspielstätte des Frankfurter Schauspiels zugetragen hat, könnte man einen Theaterskandal nennen oder auch eine Posse. Sie könnte auch ein Stück sein. In einer – je nach Standpunkt – interaktiven oder krawalligen Inszenierung sitzt ein bekannter Kritiker und muss – wie Kritiker das manchmal tun – an bestimmten Stellen grienen. Manchmal kommentiert er auch halblaut, was er sieht, und macht vielleicht eine Handbewegung. Ein Schauspieler, der die Entgrenzung per Regieanweisung geübt hatte, fällt aus der Rolle. Er entreißt dem Kritiker dessen Notizblock und versucht zu entziffern, was darauf steht. Als das nicht gelingt, reicht er ihn zurück. Als der Kritiker daraufhin den Saal verlässt, ruf er ihm so etwas wie "Arschloch, verpiss dich" hinterher. Soweit die Geschichte, die so oder ähnlich geschehen ist. Und wie immer, wenn was los ist, mit Betonung der einen oder anderen Nebensächlichkeit von den deutschen Feuilletons weiter getragen wurde. Am Telefon ist jetzt Gerhard Jörder, er ist Theaterkritiker und Autor bei der Wochenzeitung "Die Zeit". Guten Morgen Herr Jörder.

Gerhard Jörder: Guten Tag!

Liane von Billerbeck: Welcher Autor würde so eine Geschichte schreiben, wie ich Sie Ihnen eben erzählt habe?

Jörder: Naja, ein Boulevardautor. Also, das Wort Posse, das Sie im Vorspann verwendet haben, trifft natürlich zu. Also das Feuilleton macht daraus natürlich einen enormen Skandal, ein enormer Aufreger. Und man kann da ja auch gewisse symptomatische Reaktionen feststellen, darauf werden wir ja wahrscheinlich zu sprechen kommen. Aber natürlich hat es auch irgendwie etwas Possenhaftes. Und deswegen würde ich es ganz gerne vom Boulevard auch noch irgendwie auf der Bühne realisiert sehen. Denn in der Sache selbst, das liegt ja jetzt schon einige Tage zurück, hat man doch bemerkt, dass eigentlich die Sache viel zu hoch gekocht worden ist, und dass die Überreaktionen auf beiden Seiten ja stattgefunden haben. Eigentlich kann man im Moment nur empfehlen Gelassenheit, denn weder, glaube ich, ist die Pressefreiheit bedroht, das wäre ja nun wirklich grober Unfug zu glauben, der selbstbewusste, grimmige Chef-Kritiker der FAZ, Herr Stadelmaier, würde jetzt mit einem Maulkorb herumlaufen. Und auf der anderen Seite glaube ich auch nicht, dass die Kunstfreiheit bedroht ist, wie jetzt von manchen Theaterleuten beschworen wird, denn also ich bin ganz sicher, das deutsche Theater nimmt sich alle Freiheiten dieser Welt heraus. Also ich sehe das nicht in Gefahr.

Billerbeck: Wie außergewöhnlich ist denn das, wenn man mal vom tätlichen Angriff absieht, wie schlimm er denn nun auch immer gewesen sein muss, was da so zwischen Schauspielern, Regisseuren und Kritikern passiert? Sie sind lange genug selber Kritiker, Sie wissen, dass da die Emotionen schon mal hoch kochen.

Jörder: Naja, das passiert natürlich jedem Kritiker, dass er mal von der Bühne herunter angemotzt wird. Ich habe das auch erlebt, mit meinem Namen wurde gerne Schindluder getrieben. Der Jörder ist immer der Mörder, hieß es dann gelegentlich, und solche Dinge. Also man kennt solche Situationen. Ja, man kann eigentlich nur empfehlen, Spielregeln zu beachten. Mit Sicherheit muss man sich als Kritiker nicht zum Hanswurst machen lassen. Das ist das eine. Aber man muss auch nicht sofort Majestätsbeleidigungen wittern. Es sind natürlich Spielregeln, die wichtig sind. Und eins bleibt festzuhalten, der Schauspieler Thomas Lawinky hat natürlich die Spielregel verletzt, also das ist ein Verhalten, vor allem diese nachgeworfenen wüsten Worte, als der Kritiker Stadelmaier den Raum verließ. Das ist zwar situativ und psychologisch nachvollziehbar, erklärbar, aber es ist unentschuldbar. Allerdings hätte dann auch eine Entschuldigung, meine ich, gereicht. Alles das, was jetzt auch noch beschworen wird, also Anzeige oder... ich fand auch die Entlassung völlig überzogen.

Billerbeck: Geht es denn bei dieser Auseinandersetzung eigentlich noch um das, was geschehen ist in Frankfurt, oder werden da inzwischen ganz andere Dinge verhandelt, ganz andere Rechnungen auch beglichen?

Jörder: Ja, also ich meine auffällig war natürlich zum ersten, dass da auch ein Machtspiel getrieben wurde. Also es war schon auffällig, wie stark die FAZ die Muskeln hat spielen lassen, wie schnell die Oberbürgermeisterin Petra Roth meiner Ansicht nach willfährig sich diesem Druck der FAZ gebeugt hat und dann stand natürlich die Intendantin von vornherein so unter Druck, dass sie dann auch sehr schnell eingeknickt ist in der Sache. Also als Fazit muss man sagen, viel Machtprobleme mit im Spiel, aber natürlich auch zeigt diese Kausa Stadelmaier etliches Symptomatisches, was das Verhältnis von Kritik und Theater angeht. Ich glaube, das könnte jetzt auch das Produktivste sein, dass sich hier die Zunft, oder das Theater und die Kritik gemeinsam mal überlegen, was ist da eigentlich in letzter Zeit schief gegangen. Und ich glaube, es ist einiges schief gegangen.

Billerbeck: Welche Tugenden braucht denn nun der Theaterkritiker und welche Macht, um das Wort, das Sie mehrfach erwähnten, noch mal zu wiederholen, hat er denn, wenn er bei der FAZ schreibt?

Jörder: Sie fragen, ob er Macht habe? Ja, ganz zweifellos. Ich meine, da liegt ein Problem, die Theater brauchen die Kritik, sie brauchen sozusagen den medialen Echoraum, und sie brauchen die Kritik auch als Geräuschpegelhersteller. Aber wenn Sie mal genau hinschauen und wenn Sie die letzten Jahre verfolgt haben, dann ist im Verhältnis zwischen Theater und Kritik etwas passiert, was ich als ungut bezeichnen würde. Es hat sich so etwas wie eine Entfremdung hergestellt, eine zunehmende Entfremdung. Und die Distanzen von Theater und Kritik wachsen und wachsen. Es gibt zwar auf der einen Seite merkwürdige falsche Kumpaneien bei Theaterpremieren, bei Premierenfeiern sehen sie eine Menge Kritiker rumlaufen, das finde ich ja ganz und gar falsch von den Spielregeln her. Da muss man übrigens jemanden wie Herrn Stadelmaier vollkommen in Schutz nehmen, er hält sich an diese Spielregel, das heißt zum Beispiel, dass bei Premierenfeiern Theaterkritiker nicht dabei sein sollten. Aber was sich zwischen Theater und Kritik in den letzten Jahren zunehmend ergeben hat, diese Entfremdung, von der ich sprach, ich habe den Eindruck man hört sich gar nicht mehr zu, man instrumentalisiert sich.

Billerbeck: Hat das vielleicht auch damit zu tun mit der Kritik an vielen Theateraufführungen, die derzeit laufen, dass man so ein bisschen, ich will sagen, erschlafft ist, oder enttäuscht? Und weil Sie sagen, man hört nicht mehr zu, man sieht nicht mehr hin, das heißt ja auch, das Theater ist offenbar nicht mehr so, dass man überhaupt noch was erwartet?

Jörder: Na gut, dieses Wörtchen man ist ganz schwierig. Das Publikum differenziert sich im Moment ungeheuer aus, also man kann ja überhaupt nicht mehr von großen ästhetischen Entwicklungen in der Form sprechen, dass man sagt, das ist der große Trend. Das Theater differenziert sich aus. Es gibt nach wie vor diese dekonstruktivistischen Tendenzen, es gibt nach wie vor Pop- und Trashtheater. Auf der anderen Seite gibt es schon wieder ganz viele junge und jüngste Regisseure, die dagegen opponieren und sagen, nein, wir wollen zurück, wir wollen auch wieder fast so was wie Einfühlungstheater, das sind ja fast altmodische Programme, die da schon wieder entworfen werden. Es heißt die Publiken, die Regisseure differenzieren sich aus. Und unterschiedliche Häuser bedienen auch unterschiedliche Interessen. Also man darf da, man muss da sehr aufpassen mit dem ganz großen Trend. Ich finde, dass das deutsche Theater im Moment eher in einer sehr differenzierten und sehr vielfältigen Form, doch wieder sehr viele ästhetische Stränge bedient. Also so ist es nicht, dass wir alle auf einem Weg ins Pop- und Trashtheater wären.

Ich glaube eher, dass das Problem ist, dass sich in der Kritik auch Veränderungen ergeben haben und zwar nicht unbedingt auf Grund dessen, was im Theater sich abspielt. Die Kritik ist heute auch medialen Konkurrenz- und Profilierungsprozessen unterworfen. Sie ist schriller geworden, sie ist wütender geworden, sie ist auch rücksichtsloser geworden. Warum? Das hat wesentlich damit zu tun, dass die Kritik, die Theaterkritik zum Beispiel in Feuilletons keineswegs mehr von vornherein ihren Platz beanspruchen kann. Das heißt, es wird jetzt stärker auch hoch geschrieben, runter geschrieben, Top oder Flop. Das heißt, man versucht sozusagen Kritiken auch dadurch zu legitimieren, dass sie gewissermaßen selbst ein Event darstellen. Also diese Tendenz zur Event-Kritik ist auffällig im deutschen Feuilleton. Und ich glaube das hat sowohl das Theater wie umgekehrt auch das Publikum bemerkt, dass da Dinge laufen, die zum Teil gar nicht mit der genauen Beschreibung und Beobachtung von Theater zu tun haben, sondern sehr stark mit der Profilierung der Kritik selbst.

Billerbeck: Wenn man Theaterkritiker werden soll, dann wird man das ja durch Bildung und durch Seh- und Hörerfahrung. Welche Tugenden braucht denn nun ein junger Mensch, der sich auf den Weg macht, Theaterkritiker zu werden, und diese Erfahrungen, vielleicht Bildung, aber diese Seh- und Hörerfahrung noch gar nicht hat? Was muss der für Tugenden haben, um diesen Beruf überhaupt ausüben zu können, der ja solchen Drücken, wie Sie gerade beschrieben haben, ausgesetzt ist?

Jörder: Also, nach wie vor ist Seherfahrung was sehr wichtiges. Es gehört vor allem die Bereitschaft vom Kritiker dazu wirklich hinzuhorchen, hinzuschauen, mitzufühlen, mitzudenken, Empathie auszubilden. Es ist gewissermaßen ein starker Überhang an Meinung auch in der deutschen Kritik auf einem relativ schwachen Fundus an Beobachtung, das wird von Theaterleuten auch immer beklagt, und ich glaube, da ist was wahres dran, dass sozusagen die Qualität der Beschreibung, das Material des Verwendeten auf der Bühne, dass die im Vergleich zu dem, was dann als Meinung aufgebaut wird, von vornherein unterlegen ist. Also Kritiker, junge Kritiker müssten in der Richtung auch stark ausgebildet werden.

Ich muss auch sagen, dass da Defizite in den Redaktionen herrschen. Die Redaktionen, die immer stärker Ressourcenmangel haben, es wird gearbeitet, es wird rausgepuscht. Da gibt es wenig interne Diskussionen über Regeln, über Qualitäten der Theaterkritik und insofern muss man sagen, da liegen auch Defizite intern in den Redaktionen vor, gegen die man vielleicht auch nur mit sehr viel Ausbildung, Seminarausbildungen und Fortbildung auch ankommen kann.

Aber natürlich bleibt Kritik auch immer eine Sache, die vom Temperament des einzelnen Kritikers abhängig ist. Also Sie können daraus ja, aus Kritik nicht so was wie eine theaterpädagogische Veranstaltung machen. Also das können Sie nicht heruntermändeln aufs brave, biedere, also es ist ein Kollisionsfeld, in dem auch Temperamente, in dem Naturelle ganz klar mit entscheiden über das, was rauskommt. Aber vielleicht sollte man sich manchmal an einen Satz von Friedrich Luft erinnern: Die Kritik, sagte er mal, kann nie aufregender sein als das Theater selbst. Das ist ein Programm, das man vielleicht auch stärker beherzigen sollte. Das heißt, die Kritik sollte sich nicht an die erste Stelle setzen. Sie sollte eigentlich immer daran denken, dass Priorität das Theater ist und dass die Kritik eine nicht unbedingt nur dienende Funktion, aber selbstverständlich keine prioritäre Funktion einnehmen kann.

Billerbeck: Im Radiofeuilleton sprachen wir mit dem Theaterkritiker Gerhard Jörder. Herzlichen Dank!

Jörder: Danke schön!