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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 08.12.2006

"Tempo"-Sonderausgabe mit fingierter Ehrendoktorwürde

Peichl besorgt über Empfänglichkeit für Rechtsradikalismus in deutscher Elite

Moderation: Liane von Billerbeck

"Tempo" sorgte in den 80er Jahren u.a. mit einer gefälschten Ausgabe des "Neuen Deutschland" für Aufsehen.  (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)
"Tempo" sorgte in den 80er Jahren u.a. mit einer gefälschten Ausgabe des "Neuen Deutschland" für Aufsehen. (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Das Magazin "Tempo" hat verschiedene Prominente mit einer erfundenen Verleihung einer Ehrendoktorwürde auf ihre Empfänglichkeit für rechtsradikales Gedankengut getestet. Die Zeitschrift erfand eine "Deutsche Nationalakademie", deren Programm mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" und aus dem NPD-Programm gespickt gewesen war, so "Tempo"-Chefredakteur Markus Peichl. Dass von 100 Teilnehmern 16 zustimmend reagiert haben, sei besorgniserregend, so Peichl.

Von Billerbeck: Die neue "Tempo" ist wieder da, wenn auch als angebliche Eintagsfliege, und die hat sich mit einem Knalleffekt in die Öffentlichkeit gebeamt. Markus Peichl war und ist der "Tempo"-Chefredakteur, und er ist jetzt am Telefon. Guten Morgen, Herr Peichl!

Peichl: Guten Morgen!

Von Billerbeck: 300 Seiten "Tempo", 1267,5 Gramm, welche Geschichte wiegt denn am schwersten?

Peichl: Es sind sogar ein bisschen mehr, es sind 388 Seiten.

Von Billerbeck: Jetzt korrigieren Sie mich auch beim Gewicht, oder wie?

Peichl: Nee, das habe ich nicht nachgewogen, das kann ich gar nicht sagen. Aber welche Geschichte am meisten wiegt, ist für mich schwer zu sagen, weil ich hänge an vielen Geschichten, die drinnen sind, und diejenige, die sicherlich im Moment am meisten Wirkung hat, ist die, die Sie schon erwähnt haben, die Geschichte über die "Deutsche Nationalakademie", die wir fingiert haben.

Von Billerbeck: Sie haben da eine Nationalakademie gegründet und mit Auszügen aus Hitlers "Mein Kampf" und aus dem NPD-Programm operiert, und Prominenten die Ehrendoktorwürde angetragen. Es gab eine Menge Absagen, aber es gab auch sehr viele Zusagen. Was meinen Sie, ist das Eitelkeit oder politische Übereinstimmung?

Peichl: Also man muss zunächst einmal sagen, worum ging es uns mit der Geschichte. Wir wollten einfach sehen, wie empfänglich Prominente, wie empfänglich unsere so genannte Elite für rechtsradikale Gesinnung ist, oder wie wenig aufmerksam sie gegenüber rechtsradikaler Gesinnung heutzutage noch ist. Es hat sich ja in Deutschland viel verändert. Es hat sich in der Welt viel verändert. Wir sprechen nicht nur von einem neuen Nationalismus, wir erleben ihn auch immer wieder ein Stück weit, und wir wollten einfach feststellen, wie verantwortungsvoll geht man heute eigentlich noch mit der eigenen Geschichte um, wie aufmerksam ist man ihr gegenüber, merken Prominente, merken gebildete Menschen, wo der fröhliche Patriotismus aufhört und Adolf Hitler anfängt.

Und - Sie haben es selber gesagt - es gab die eine oder andere Zusage, und meiner Meinung nach wäre jede Zusage eine zuviel gewesen, es waren dann insgesamt 16 Stück, und ich fand bei einer Aussendung für 100 Leute dann doch relativ viel. Allerdings muss ich auch eins sagen, genauso wie mich jede Zusage, jede Annahme dieser Ehrendoktorwürde mit rechtsradikaler Gesinnung geärgert hat, auch schockiert hat, genauso habe ich mich auch über jede Absage gefreut.

Von Billerbeck: Welche Zusage hat Sie denn am meisten überrascht?

Peichl: Also sehr überrascht waren wir zunächst über die Zusage des ehemaligen Staatsministers für Kultur Julian Nida-Rümelin, der sehr begeistert zurück geschrieben hat und das als eine große Ehre empfunden hat, sich auch mit dem Programm wörtlich "einverstanden erklärt hat", der dann allerdings, als das, glaube ich, ein bisschen weiter durchgesickert war, was sich natürlich auch rumgesprochen hat, manche Prominente hatten es ja auch gemerkt, vier oder fünf Wochen später flugs eine Absage geschickt hat danach.

Sehr gewundert hat mich auch die Zusage von jemandem wie Rolf Bossi, dem Strafverteidiger, der ja eigentlich eine relativ lupenreine antifaschistische Vergangenheit durch seine Familie hat, und wenn man den Text und die Zusage von Herrn Bossi liest, dann kommt man schon ein bisschen ins Grübeln.

Von Billerbeck: Es waren auch Zusagen von Meinhard von Gerkan, Udo Waltz, Udo Jürgens, Benedikt Taschen, dem Verleger, von Reinhold Messner und dem Schauspieler Fritz Wepper, das nur für unsere Hörer, die "Tempo" noch nicht in der Hand hatten, ich bin ja hier privilegiert, ich habe das Blatt schon. Die lustigste Absage kam von Jürgen von der Lippe, der geschrieben hat, "liebe Titanic, oder welcher Scherzkeks auch immer dahinter steckt, schöner Versuch, hat aber nicht geklappt". Deshalb meine Frage: Haben Sie "Tempo" unter anderem jetzt raus gebracht, weil "Titanic" so lau geworden ist?

Peichl: Also ich werde jetzt keine "Titanic"-Schelte hier veranstalten. Ich finde, dass Titanic immer noch ganz gute Sachen macht. Es ist, glaube ich, bei uns ein bisschen ein etwas ernsterer Hintergrund gewesen. Ich meine, es ist auch in dem Heft eine sehr ernsthafte Kolumne von Maxim Biller, unserem Kolumnisten, der früher bei "Tempo" diese legendäre Kolumne "100 Zeilen Hass" geschrieben hat, die er jetzt für diese Ausgabe noch einmal aufleben hat lassen, der dann auch, glaube ich, diese Aktion mit der Deutschen Nationalakademie auch sehr genau einordnet.

Von Billerbeck: Und der im Moment - das muss ich für die Hörer vielleicht hinzufügen - angekündigt hat, Deutschland zu verlassen und nach Israel zu gehen, wo "Katjuschas vom Himmel regnen".

Peichl: Ja gut, Maxim Biller tendiert manchmal zu sehr radikalen Äußerungen, das kennt man, das liebt man ja auch an ihm. Aber der Text, den er da geschrieben hat, da ist schon auch, sagen wir mal, sehr viel Besorgnis drin von einem deutsch-jüdischen Schriftsteller, und ich meine, das, worum es uns ging, ist, wir haben gesagt, wenn wir mit dem Heft noch einmal kommen, dann macht es keinen Sinn, hier eine Reminiszenz, ein Revival, eine Nostalgienummer zu machen, sondern wir müssen uns mit dem Hier und Heute befassen. So wie wir uns in den achtziger Jahren mit der Gegenwart befasst haben, so müssen wir uns mit unseren Mitteln, mit den "Tempo"-Mitteln auch jetzt wieder mit der Gegenwart, mit der Jetzt-Zeit befassen.

Von Billerbeck: Das klingt so, als ob "Tempo" so besonders ernsthaft geworden ist mit diesem einmaligen Magazin. Nun haben Sie ja Kate Moss auf dem Titel als die Frau unserer Zeit quasi. Interessanterweise hat das Glamourmagazin "Park Avenue" sie auch drauf. Was ist so besonders, dass Sie nun Kate Moss featuren?

Peichl: Also das ist ein sehr guter Punkt, den Sie jetzt ansprechen. Ich muss auch gleich dazu sagen, nicht nur wir, sondern auch die "Max" hat Kate Moss abgebildet. Es sind im Moment drei Zeitschriften am Markt, die Kate Moss auf dem Titel haben. Aber in genau diesem Punkt unterscheidet sich etwas ganz Wesentliches, und zwar etwas Wesentliches, warum ich auch dieses Blatt noch einmal machen wollte: Der Titel, den wir fotografiert haben, der ist von uns selbst. Wir haben dieses Foto, wir haben dieses Shooting selbst gemacht, das ist ein "Tempo"-Shooting, dieses Foto gibt es nur bei "Tempo". Auf der "Max" ist ein Foto vorne drauf, das aus einer Werbekampagne, aus einer Dessouswerbekampagne der Firma "Agent Provocateur" genommen ist, und auf dem Titelbild selbst ist dann auch noch zusätzlich eine kleine Werbegeschichte über "Agent Provocateur" drauf, das heißt, man kann davon ausgehen, dass diese Geschichte erst nicht nur selbst fotografiert ist, sondern auch noch irgendwelche anderen Hintergründe hat.

Von Billerbeck: Das ist für die Macher sicher entscheidend. Der Leser sieht Kate Moss, in dem Fall mit Zigarette, und sagt, ja, es ist Kate Moss.

Peichl: Also ich glaube schon, dass es auch für den Leser und für den Konsumenten entscheidend ist, weil nämlich auf dem einen Blatt wird er verarscht und auf dem anderen nicht, und ich glaube, das ist übrigens etwas, was die Leser und die Konsumenten auch zunehmend merken, und genau aus diesem Grund wenden sie sich auch sehr oft von Zeitschriften und von Magazinen ab.

Von Billerbeck: Nun ist ja bei "Tempo" immer das Wort der Generationen so gefeaturet worden, es gab die Generation X, an die sich heute vermutlich kaum noch jemand erinnert, weil es inzwischen auch die Generation Golf, Praktikum, Ipod und weiß der Teufel was gab. Wie würden Sie denn die jetzige Generation nennen?

Peichl: Ich habe ein wahnsinniges Problem mit diesen Bezeichnungen Generation X, Generation Golf, Generation Blablabla, und genau aus diesem Grund werden Sie in unserer neuen Ausgabe von Tempo zumindest eins nicht finden, eine von diesen inflationären Generationenbezeichnungen. Wir haben einen Artikel in dem Heft drin, den der Georg Diez geschrieben hat, der gegen die neue Eigentlichkeit Stellung nimmt. Ich glaube, es gibt so eine Tendenz, die wir eben dann ein bisschen ironisch mit diesem Begriff "neue Eigentlichkeit" beschrieben haben, dass man sich auf nichts und zu nichts mehr festlegt. In Ihrem Vorspann war ja "Tempo" sehr gut beschrieben, unter anderem auch damit, dass "Tempo" ein Heft war, das immer klar Stellung bezogen hat, das immer Ross und Reiter genannt hat, das einen unmissverständlichen Standpunkt hatte.

Von Billerbeck: Herr Peichl, dann beziehen Sie jetzt zum Schluss genau Stellung. Es soll ja keine dauerhafte Wiederauflage von "Tempo" geben. Dabei bleiben Sie, auch wenn das Volk nach "Tempo" schreit?

Peichl: Ja, absolut.

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