Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
Samstag, 08.05.2021
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.05.2020

Telefon statt BühneBei Anruf Lyrik

Klaus Rodewald im Gespräch mit Britta Bürger

Der Schauspieler Klaus Rodewold (Maks Richter)
Für jeden Anrufer habe man 20 Minuten Zeit, sagt Klaus Rodewald – "und die werden wir nutzen". (Maks Richter)

Wer derzeit in Stuttgart von Fremden angerufen wird, dem wird nichts verkauft, sondern Gedichte vorgetragen. Abonnenten des Lyriktelefons können sich an Gedichten von Nelly Sachs, Hölderlin oder Paul Celan erfreuen, live vorgetragen von Schauspielern.

Theater am Telefon gab es schon lange vor Corona. Man denke nur an das "Théâtrophone". Damit wurden Opern- und Theateraufführungen in die Salons des Pariser Bürgertums übertragen – live per Telefon. Marcel Proust war begeistert davon.

Oder das Projekt "Dial-A-Poem" des amerikanischen Performancekünstlers und Lyrikers John Giorno. 1968 hat er Gedichte auf Tonband aufgenommen, die man dann per Telefon abhören konnte.

Das sind die Anknüpfungspunkte des neuen Lyriktelefons - einer Kooperation des Deutschen Literaturarchivs Marbach mit dem Stuttgarter Schauspiel. Ab Montag kann man Zeitfenster buchen, um mit einem Ensemblemitglied zu telefonieren - unter anderen mit Klaus Rodewald.

Eins-zu-eins-Begegnung mit dem Hörer

"Es macht mir so viel Freude - das können Sie sich gar nicht vorstellen, also es ist richtig toll", zeigt sich der Schauspieler begeistert von diesem Projekt. Rodewald vermisst die Begegnung mit den Zuschauern. Schauspieler können seit dem Shutdown nicht mehr auftreten und es ist weiter fraglich, wann sie wieder auf der Bühne stehen dürfen.

"Uns ist natürlich unser Arbeitsmittelpunkt genommen worden", sagt Rodewald. "Und das ist die Eins-zu-eins-Begegnung mit dem Zuschauer, die immer da war. Und das ist natürlich jetzt durch das Telefon wieder eine Eins-zu-eins-Situation - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes."

Rodewald ist sehr gespannt auf die Aktion, wie er sagt: "Ich habe noch gar keine Erfahrung damit. Der Raum ist auf jeden Fall gegeben für Kritik oder auch ein kurzes Gespräch." Für jeden Anrufer habe man 20 Minuten Zeit – "und die werden wir nutzen".

Da es sich hierbei für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen um Neuland handelt, könne die Aktion sehr emotional in alle Richtungen werden, sagt Rodewald.

Von Montag bis Freitag zwischen 17 und 19 Uhr

Er berichtet von Studien, wonach sich bei gelungenen Theateraufführungen die Atemfrequenz und der Puls von Darstellern und Zuschauern angleichen: "Und wenn einem das gelingt, dann ist das gut - und man spürt diesen Atem." Manchmal habe man sogar "das Gefühl, man kann auf diesem Atem surfen", erklärt Rodewald und rezitiert "Hälfte des Lebens" von Friedrich Hölderlin.

Der Schauspieler Elmar Roloff neben dem Lyriktelefon. (Björn Klein)Auch Elmar Roloff macht mit und trägt Gedichte am Telefon vor. (Björn Klein)

Das Lyriktelefon ist von Montag bis Freitags jeweils zwischen 17 und 19 Uhr geschaltet. Angerufen wird, wer bis spätestens 12 Uhr mittags am Vortag kostenlos ein Zeitfenster über die Homepage des Schauspiel Stuttgart gebucht hat. Im Programm sind Gedichte von Nelly Sachs, Friedrich Hölderlin, Paul Celan, Gertrud Kolmar, Rainer Maria Rilke, Hilde Domin und Else Lasker-Schüler.

Mehr zum Thema

Sehnsucht nach Privatheit - Plädoyer fürs bildlose Telefon
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 30.04.2020)

Das Telefon - Eine besondere Art der Kommunikation
(Deutschlandfunk Kultur, Sonntagmorgen, 14.10.2018)

Folge 25 - Zurück aus dem Netz: Theater unter Corona-Auflagen
(Deutschlandfunk Kultur, Der Theaterpodcast, 12.05.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsFliegen ist okay - Theater nicht!?
Eine Frau sitzt mit einer FFP2-Maske in einem Flugzeug am Fenster. (imago-images / Christian Offenberg)

Die "Süddeutsche" kann nicht verstehen, warum ein Theaterbesuch unter Pandemieaspekten eine gefährlichere Unternehmung sein soll als eine Flugreise. Schließlich gebe es im Theater viel mehr Kubikmeter Luft als in der Enge eines Flugzeugs.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 34Auf der Bühne mit Behinderung: Theater und Inklusion
Lucy Wilke & Paweł Duduś in dem Stück „Scores that shaped our friendship”. (Theresa Scheitzenhammer)

Die Nominierung der Schauspielerin Lucy Wilke zum diesjährigen Theatertreffen macht die Fragen nach der Vereinbarkeit von Theaterarbeit und Behinderung wieder aktuell: Was fehlt zur ganzheitlichen Barrierefreiheit? Mit Lucy Wilke suchen wir nach konkreten Handlungsansätzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur