Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Sonntag, 08.12.2019
 
Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Kompressor | Beitrag vom 08.02.2019

Teilchen als Licht und Klang in MünchenDem Universum auf die Schliche kommen

Von Michael Watzke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Licht- und Klanginstallation des Künstlers Tim O. Roth in einem alten Reaktorgebäude der Technischen Universität München. Die Installation macht unsichtbare Teilchen (Neutrinos) sichtbar und erlebbar. (T. O. Roth / imachination projects )
Die Installation des Künstlers Tim O. Roth macht unsichtbare Teilchen (Neutrinos) sichtbar und erlebbar. (T. O. Roth / imachination projects )

Neutrinos sind die Geisterteilchen der Wissenschaft: Sie sind unsichtbar, ultraklein und durchdringen alles. Astrophysikerin ist es jetzt in München gelungen, die Teilchen in einer verzaubernden Licht- und Klanginstallation erlebbar zu machen.

Stellen Sie sich vor, sie wären ein Neutrino. Ein geheimnisvolles Geisterteilchen. Sie könnten alles durchdringen: Stahlwände, Planeten, das ganze Weltall. Sie sausen mit Lichtgeschwindigkeit durch das ewige Eis der Arktis.

So klingt "Icecube" (AIS3), eine Installation von Tim Otto Roth. Der Künstler steht mitten in einem dreidimensionalen Würfel aus 444 schwebenden Kugeln und erläutert: "Sie leuchten, diese Kugeln mit einem Durchmesser von 12 Zentimetern. Vorne haben wir auf beiden Seiten einen Lautsprecher drin. Die sehen ein bisschen wie Augen aus, die einen angucken. Sie hängen an zwei Strängen. Und der Clou ist: das sind nicht nur Lautsprecher, sondern aktive Synthesizer. Das heißt, in dieser Kugel wird der Sound produziert."

Wie im Antarktis-Forschungsreaktor

Die Installation in München ist eine Art Kopie des IceCube – eines Forschungsreaktors in der Antarktis. Dort haben Astrophysiker 5000 Lichtsensoren in das – hoffentlich – ewige  Eis des Südpols gebohrt. Wissenschaftler wie Professorin Elisa Resconi kommen dort den kleinsten Elementarteilchen des Universums auf die Spur.

Nun steht Forscherin Resconi inmitten der Neutrino-Installation: "In diesem Moment gibt es viele, viele, viele Neutrinos hier. Sie gehen durch uns durch. Sie sind unsichtbar. Sie haben eine ultrakleinste Masse. ‚Elementar‘ bedeutet, dass sie praktisch keine Struktur haben. Es gibt kein mathematisches Modell, das Neutrinos beschreibt."

Was nur Kunst kann

Aber was Mathematik nicht kann, das schafft die Kunst: das Gefühl, dem Ursprung des Universums auf die Schliche zu kommen – durch Klang und Licht.

 "Was wir zeigen, sind Lichtbewegungen. Die werden ausgelöst durch Sekundär-Reaktionen der Neutrinos. Lichtbewegungen von einem Ort, an dem es eigentlich keine Lichtbewegungen geben dürfte. Das ist das Spannende."

Denn im ewigen Eis der Antarktis – in einem Kilometer Tiefe – dürfte es kein Licht geben. Doch die Forscher des IceCube messen mit ihren Sensoren dennoch Licht. Ausgelöst – so glauben sie – durch Neutrinos. Elisa Resconi:  "Und das ist faszinierend: eine mögliche Tür in Richtung aller Effekte, die wir nicht kennen – dunkle Materie, die Geschichte unseres Universums, die Geschichte von uns! Warum sind wir hier als Menschen?"

Mitten in Lichterblitzen

Am eindrucksvollsten erlebt man den IceCube, indem man ein Kissen nimmt und sich mitten im Würfel aus Lichtblitzen und Grundrauschen auf den Boden legt. Denn durch das Eis der Arktis kann man nicht laufen – durch die Münchner "Reaktorhalle" schon. In dieser Halle wollte die Technische Universität München nach dem zweiten Weltkrieg einen nuklearen Forschungsreaktor bauen – mitten in der Münchner Innenstadt.  Der Reaktor entstand schließlich in Garching, vor den Stadttoren. In der dunklen Reaktorhalle forscht nun die Kunst. Wenn hier Lichtblitze zucken...

 "Dann ist das für mich so eine Art natürliche Partitur. Mich reizt es, diese Partitur in etwas umzusetzen. In Klang." / " Tim Otto Roth hat den Bogen in Richtung Kunst geschafft. Deshalb können wir die Neutrinos zum ersten Mal fast sehen. Ich sage fast, denn natürlich sind Neutrinos unsichtbar."

Die Installation "AIS3" ist am 9. und 10. Februar ab 10 Uhr  in der Münchner Reaktorhalle zugänglich. Der Eintritt ist frei.

Mehr zum Thema

Lawrence Krauss: "Das größte Abenteuer der Menschheit" - Die Entschlüsselung des Universums
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 01.08.2018)

Neutrino-Suche am Südpol - Auf der Jagd nach Geisterteilchen
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 30.09.2016)

Suche nach der Weltformel - Wie Physiker das Universum erklären wollen
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 19.03.2015)

Fazit

Ersan Mondtags "Die Verdammten" in KölnUnter Untoten
Eine lange Tafel, an deren beiden Enden zwei Frauen sitzen. Eine Frau sitzt auf dem Tisch. Im Hintergrund ist ein überdimensioniertes Foto eines Babys zu sehen. Dahinter ist eine Treppe zu sehen, auf deren oberen Ende ein Mann sitzt. Über allem liegt eine Schicht weiße Federn. (Birgit Hupfeld / Schauspiel Köln)

Ersan Mondtag inszeniert Luchino Viscontis „Die Verdammten“ am Schauspiel Köln. Das Stück über eine deutsche Industriellenfamilie, die sich mit den aufstrebenden Nationalsozialisten einlässt, lässt für unseren Kritiker Michael Laages Fragen offen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur