Technikspielzeug zum Zusammenstecken

Von Arndt Reuning |
Ein blinkender Plastiktannenbaum mit USB-Anschluss, das neueste Smartphone, ein T-Shirt mit WLAN-Detektor und ein Lesegerät für elektronische Bücher. All das sind Beispiele für ein sogenanntes Gadget - ein kleines, technisches Gerät für mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben, irgendwo zwischen Hochtechnologie und Spielerei. Für besonders technikbegeisterte Gadget-Liebhaber hat eine Firma aus New York nun etwas Besonderes auf den Markt gebracht: eine Art Baukastensystem, mit dem man sich aus einzelnen Modulen das eigene Elektro-Lieblings-Spielzeug zusammen stecken kann.
Ein regnerischer Tag in Manhattan. Der Broadway, südlich der Houston Street. Historische Gebäude mit reich verzierten Klinkerfassaden und schmiedeeisernen Feuertreppen an der Front. Zwischen Markenboutiquen und Edelsupermärkten versteckt sich der Eingang zu den Bug Labs, einem jungen Unternehmen, das sich auf elektronische Kleingeräte spezialisiert hat.

Ein düsteres Treppenhaus führt in den dritten Stock. In einem hellen Großraumbüro sitzen fünf Mitarbeiter an ihren Rechnern, ganz in ihre Arbeit vertieft. Im Konferenzraum hat der Geschäftsführer Peter Semmelhack schon ein paar der Einzelteile ausgebreitet, aus denen sich eine Unzahl verschiedener Geräte zusammen stecken lassen. Kleine, schwarze oder weiße Plastikkästchen, nicht viel größer als ein Handy. Das sind die Bugs.

"Das ist tatsächlich nur ein Haufen von Einzelteilen, die wir als Module bezeichnen. Es gibt ein Grundmodul, das ist ein kleiner Linux-Computer. Außerdem gibt es verschiedene andere Module, wie zum Beispiel einen LCD-Bildschirm, eine Kamera, einen GPS-Empfänger, einen Bewegungsmelder, eine Mobilfunkeinheit, ein Datenmodem und verschiedene Sensoren. Und daraus kann man sich jetzt das Gadget, das man haben will, einfach zusammenbauen, indem man die Module zusammensteckt."

Peter nimmt die Basisstation, einen kleinen Computer. Bis zu vier Module lassen sich dort einrasten. Weitere Bugs kann der Prozessor kabellos über WiFi oder Bluetooth ansprechen. Für die erste Anwendung, die Peter vorführen will, reichen aber erst einmal drei Module.

"It's a camera, GPS and a screen. And the idea here is: We want a geo-tagging camera. So that I can take a picture and geo-tag it and I want to upload it to Flickr."

Aus dem Kameramodul, dem GPS-Empfänger und der LCD-Anzeige baut er mit wenigen Handgriffen einen Fotoapparat, der die Bilder mit geographischen Koordinaten versehen kann, um sie dann beim Fotodienst Flickr zu präsentieren. Bevor er jedoch losknipsen kann, muss Peter auch noch die entsprechende Software runterladen. Dazu verbindet er das Gerät mit seinem Laptop und loggt sich beim sogenannten BUGnet ein.

Die Anwendungsprogramme werden entweder von Bug Labs Mitarbeitern geschrieben oder von Nutzern hochgeladen. Nach dem Open Source Konzept sind alle Quelltexte frei zugänglich. Und auch alle Informationen über seine Hardware legt das Unternehmen offen.

"It's downloaded the application and I can now take a picture. You cannot see it but maybe you'll hear the shutter go off."

Die Kamera ist nun bereit für eine Probeaufnahme. Und schon kann das Gerät umgebaut werden für die nächste Anwendung: Nun soll es die Route eines Fahrzeuges in Echtzeit aufzeichnen.

"Ich stecke jetzt den GPS-Empfänger ein und ein Mobilfunkmodem. Nur diese zwei Einheiten, und schon habe ich ein Tracking-Gerät, das ich in den Kofferraum oder das Handschuhfach eines Autos legen kann. Ein kleines Programm schickt dann alle zehn Sekunden die aktuelle Position des Gerätes an eine Datenbank, und ich weiß genau, wo sich das Fahrzeug befindet."

Insgesamt zehn einzelne Module hat Bug Labs schon entwickelt. Mindestens weitere zehn sollen bis zum Ende des kommenden Jahres folgen. An Ideen mangelt es nicht. Die Glaswand zwischen Großraumbüro und Konferenzzimmer der Firma ist mittlerweile nahezu zugepflastert mit kleinen bunten Selbstklebezetteln. Jede Skizze und jedes Stichwort darauf steht für einen neuen Einfall, für einen neuen Bug.

Auch Drittfirmen steigen nun langsam ein und entwickeln eigene Hard- und Software für das Stecksystem – so zum Beispiel auch JLM Innovation, ein kleines Unternehmen aus Tübingen, das sich auf Sensoranwendungen spezialisiert hat. Es hat die sogenannte BUGnose erfunden, eine künstliche Nase für eine Vielzahl schädlicher Gase in der Luft. Damit lassen sich dann beispielsweise Überwachungsnetzwerke in chemischen Anlagen aufbauen. Denn Bug Labs aus New York möchte nicht nur privaten Nutzern ein Technikspielzeug liefern, sondern professionellen Entwicklern eine Plattform zur Verfügung stellen, an der sie neue Ideen erproben können.

"Jemand sucht ein Gerät mit bestimmten Funktionen, aber solch ein Modell gibt es nicht zu kaufen. Viele Entwickler versuchen dann, ihre Ideen auf einem Smartphone oder einem PDA zu verwirklichen, obwohl die dafür eigentlich gar nicht gedacht sind. So nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Bei uns kann man aber genau die Hardware bekommen, die man sich für eine bestimmte Anwendung wünscht – ohne Kompromisse."

Das erklärt dann auch den Namen, Bug Labs. Normalerweise ist ein Bug ja ein Programmierfehler. Also nichts, womit man hausieren gehen möchte, sagt der Firmenchef.

"Aber ein Bug ist auch etwas, was Aufmerksamkeit verlangt: 'Hallo, ich bin ein Bug! Schau mich an!' Wir wollen im Bereich der Elektronik ein Bug sein und sagen: 'So wie es im Moment läuft, das ist nicht in Stein gemeißelt. Man kann das besser machen.' Und wir wollen die treibende Kraft hinter diesem Wandel sein."