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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 16.04.2011

Technikshow für Ballonfahrtfans

Vor 200 Jahren startete Wilhelmine Reichard eine Alleinfahrt in einem Ballon

Von Ulrike Rückert

Der Nachbau einer Ballongondel aus dem Jahr 1786 (picture-alliance/ dpa)
Der Nachbau einer Ballongondel aus dem Jahr 1786 (picture-alliance/ dpa)

Ballonfahren war mal großes Showbiz. Wo ein Start angekündigt war, strömten Touristen herbei. Die Stars tingelten durch Europa und übertrumpften sich gegenseitig mit Special Effects: Wilhelmine Reichard war eine davon. Am 16. April 1811 ging sie als erste deutsche Frau in die Luft.

"Mit allerhöchster Erlaubniß wird Madame Reichard am 16. April ihre erste Luftreise unternehmen. Da Madame Reichard die erste deutsche Frau ist, welche es wagt, allein das Luftschiff zu besteigen, so wird diese Unternehmung gewiß sehr interessant seyn",

versprach die Berliner Presse im April 1811. Ballonfahrten zogen zehntausende Zuschauer an, seit 1783 zwei Franzosen mit dem Heißluftballon der Brüder Montgolfier gen Himmel gestiegen waren und zum ersten Mal den Traum vom Fliegen wahrgemacht hatten. Wo einer der bunten Riesenbälle in den Äther schwebte, jubelten die Menschen den Helden der Lüfte zu – und noch mehr den Heldinnen.

"Man weiß nicht, wie in ein so zartes, junges Frauenzimmer diese Kühnheit eingekehrt ist; aber sicher begleiten alle fühlenden Herzen diese merkwürdige Luftschifferin, so wie sie den redensten Beweis ablegt, dass auch Frauen-Seelen zu Zeiten mit beherzten Männern an Muth wetteifern."

Wilhelmine Reichard war nicht die erste Frau, die solchen Mut bewies. Schon 1784 war Elisabeth Thible in Lyon zusammen mit einem Mann aufgestiegen. Kostümiert als Göttin Minerva, hatte sie dabei Verse deklamiert und Arien geschmettert. 14 Jahre später hatte die Französin Jeanne Labrosse als erste Frau selbst einen Aufstieg bewerkstelligt. Und Sophie Blanchard, der größte Star im Schaugeschäft der Luftschiffer, glitt mit ihrem Ballon lichterfunkelnd und feuerwerksprühend durch die Nächte von Paris. Bei Napoleons Hochzeit war sie der Höhepunkt des Festes und 1810 schwebte sie von Frankfurt aus über den Taunus, an einer Schaukel unter dem Ballonkorb baumelnd. Doch seit Napoleon halb Europa erobert hatte, waren die Taten französischer Heldinnen ein Stachel in der gekränkten deutschen Seele. Und die Berliner feierten:

" ... unsere unerschrokene Deutsche – ein junges 23jähriges Frauenzimmer, von zartem Körperbau und feiner Gestalt."

Wilhelmine Reichard, 1788 als Tochter eines Hofbeamten in Braunschweig geboren, war mit einem Chemiker verheiratet, der als Wissenschaftler von den "Luftbällen" fasziniert war und sich selbst als Aeronaut versuchte:

"Schon bei dem ersten Aufsteigen meines Mannes lag ich ihm an, mich zur Begleiterin zu nehmen."

Das war ihm zu gefährlich gewesen, doch ein Jahr später, am 16. April 1811, startete Wilhelmine dann sogar allein. Nach 85 Minuten landete sie wohlbehalten auf einem Acker bei Berlin und wiederholte es nach zwei Wochen gleich noch einmal. Bei der dritten Fahrt war sie schwanger. In einigen tausend Metern Höhe wurde Wilhelmine Reichard bewusstlos.

"Ich erwachte nur noch auf einen Augenblick. Und dieser war der schrecklichste meines Lebens. Mein Blick fiel sogleich auf den Ball. Man denke sich, welches Entsetzen mich ergriff, als ich ihn gänzlich zersprengt, alles Gases entledigt, und stückweise durch das zerrissene Netz flattern sah."

Auf wundersame Weise kam sie fast unbeschadet auf die Erde zurück. Das Kind brachte sie gesund zur Welt – von weiteren Abenteuern nahm sie vorerst Abstand. Doch als ihr Mann einige Jahre später von einer eigenen Fabrik träumte und das Geld dafür fehlte, bestieg Wilhelmine wieder ihren Ballon. 14 Schaufahrten unternahm sie in verschiedenen Städten. Madame Reichard ließ Blumen, Fähnchen und Zettel mit Gedichten auf das zahlende Publikum niederregnen und bot den technikbegeisterten Zuschauern eine regelrechte Wissenschaftsshow: Sie stellte ihren rotgelben Ballon aus sowie ...

"... alle zur Luftschiffahrt noch ferner gehörende Geräthe, wobei den Anwesenden sowohl die Füllungsmethode als auch die Behandlungsart des Luftballs während einer Luftreise anschaulich erläutert werden kann. Täglich werde ich daselbst einige kleine Luftbälle füllen und aufsteigen lassen."

Gleichzeitig betrieb sie eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit und verschickte nach jedem Aufstieg ausführliche Pressemitteilungen. 1820 schwebte sie in München über dem Oktoberfest. Es war ihre letzte Fahrt. Das Kapital für die Fabrik war verdient. Im Vorjahr war Sophie Blanchard auf dem Straßenpflaster von Paris zu Tode gestürzt, weil ihr Ballon Feuer gefangen hatte. Wilhelmine Reichard stieg nie wieder in eine Ballongondel.

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