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Buchkritik | Beitrag vom 12.09.2019

Tarjei Vesaas: "Das Eis-Schloss"Poetischer Blick ins kindliche Seelenleben

Von Manuela Reichart

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Lyrische Studie über Einsamkeit und Trauer: "Das Eis-Schloss" von Tarjei Vesaas. (Guggolz Verlag / Deutschlandradio)
Lyrische Studie über Einsamkeit und Trauer: "Das Eis-Schloss" von Tarjei Vesaas. (Guggolz Verlag / Deutschlandradio)

Norwegen ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, zu diesem Anlass erschei­nen viele neue Übersetzungen. Wenn man aber nur Zeit für die Lektüre eines einzigen norwegischen Romans hat? Dann sollte man "Das Eis-Schloss" von Tarjei Vesaas lesen.

Die verstorbene Schriftstellerin Doris Lessing schrieb über dieses Buch, es sei einzigartig: "So feinsinnig. So stark. So an­ders als alle anderen."

Das hymnische Plädoyer der britischen Literaturnobelpreisträ­­­ger­in ist als Nachwort in diesem besonders schön gemachten Band abgedruckt. Und man möchte nach der Lektüre jedes Wort unterschreiben.

Der norwegische Schriftsteller Tarjei Vesaas (1897-1970) ist einer der großen und bedeutenden Autoren seines Lan­des. Zu seinem Anwesen pilgern bis heute noch viele Anhän­ger. Und dass er nie den No­belpreis erhalten hat, kann kein norwegischer Leser verstehen.

Eine Mädchenfreundschaft 

Im Zentrum des Romans stehen zwei kleine Mädchen. Sie gehen in dieselbe Schulklasse: Die mun­tere Siss und die in sich gekehrte Waise Unn. Die eine gehörte immer schon zur Dorf­gemein­schaft, die andere ist gerade erst zugezogen. Ihre Mutter ist gestorben und nun lebt sie bei ihrer Tante.

Beide Mädchen sind elf Jahre alt und von Anfang an fühlen sie sich zuein­ander hingezogen. Es dauert jedoch eine Weile, bis sie Freundinnen werden, bis die eine die andere einlädt und sie sich einen Abend lang nah sind, voller Vor­freude auf ihre kommende gemeinsame Zeit.

Am nächsten Tag, als beide noch von der Intensität der Begegnung erfüllt sind, geht Unn nicht in die Schule. Sie will die Wie­der­begegnung hinaus zögern. Stattdessen macht sie einen Ausflug zum eingefrore­nen Was­serfall, zum titelgebenden Eis-Schloss. Sie geht hinein, angezogen von den glitzern­den Räumen, dem hellen Licht – und findet nicht wieder hinaus.

Trauer der zurückgebliebenen Freundin 

Im zweiten Teil des Romans, der auf eindrucksvolle Weise vom kindlichen Seelenleben erzählt, trauert die zurückgebliebene Freundin. Sie wird so scheu und in sich gekehrt wie die andere es war, sie will um jeden Preis verhindern, dass Unn vergessen wird. Fast ver­schwindet auf diese Weise auch sie selbst, aber ihre Klassenkameradinnen holen sie am Ende wieder heraus aus der selbst auferlegten Isolation.

Dem Autor ist eine ungewöhnliche Studie über Einsamkeit und Trauer gelungen, geschrieben in einer wunderbaren lyrischen Sprache. Er entwirft poetische Bilder von enormer Kraft, die der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel bezwingend ins Deutsche übertragen hat.

Man meint, die beiden Mädchen zu kennen, ist mit ihnen heiter und vor­freu­dig und voller Schmerz, weil die Nähe – im wahren Sinn des Wortes – endgültig er­kaltet ist.

Tarjei Vesaas: "Das Eis-Schloss"
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Guggolz Verlag, Berlin 2019
199 Seiten, 22 Euro.

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