"Tannbach"-Produzentin Gabriela Sperl

"Ein Schwein bleibt ein Schwein"

Komparsen stehen in Besno, Tschechien, am Set des historischen ZDF-Dreiteilers "Tannbach".
Komparsen stehen in Besno, Tschechien, am Set des historischen ZDF-Dreiteilers "Tannbach". Das fiktive Dorf hat nach Angaben der Produzentin eine reales Vorbild. © picture alliance / dpa / Michael Heitmann
Moderation: Patrick Wellinski · 03.01.2015
Der ZDF-Dreiteiler "Tannbach" erzählt anhand eines fiktiven Dorfs von der Nachkriegszeit und der deutschen Teilung. Im Gespräch betont die Produzentin Gabriela Sperl: Eine "Stunde Null" habe es nach der Befreiung vom Naziregime in Deutschland nie gegeben.
Patrick Wellinski: Frau Sperl, Sie bekommen sicherlich regelmäßig eine Masse an Themen geschickt. Was war das Besondere an "Tannbach", das Sie als Produzentin fasziniert hat?
Gabriela Sperl: Ich hab vor Jahren, das ist jetzt 2006, "Die Flucht" gemacht und hatte eigentlich immer den Wunsch, das weiterzuerzählen. Was passierte am Ende des Krieges? Und dann boten mir eben Josephin und Robert von Thayenthal das an, kamen gleich mit einem riesen Vorschlag von '45 bis '91 die Geschichte deutsch-deutsch zu erzählen, was ich natürlich toll fand. Und alle haben gesagt, wie bescheuert ist das denn, es wird nie produziert werden. Und da hab ich gesagt, gut, dann fangen wir jetzt mal klein an – klein-groß an, muss man schon sagen, weil wir haben ja jetzt, diese drei Teile sind ja doch ein großer Event-Mehrteiler.
Ja, und da das mir als Historikerin unheimlich am Herzen liegt, auch diese Geschichten, die verloren gehen, die tabuisiert werden, wo man nicht mehr hinschaut. Was war mit der Entnazifizierung, was war mit der Enteignung, was war mit dem Beginn der DDR, mit dieser großen Hoffnung, ein neues Land zu schaffen, was keine Nazis hat, was antifaschistisch ist. Und diese ganzen Dinge, wie ist es entstanden, was ist daraus geworden – und das finde ich spannend, zumal, wenn man heute schaut, wo wir heute stehen und sich dann fragt, woher kommt das.
Wellinski: Im Prinzip erzählen Sie ja auch im "Tannbach" die Geschichte, wie wir wurden, was wir sind, und das 25 Jahre nach der Vereinigung von BRD und DDR.
Sperl: Ich glaube, ähnlich wie bei der "Flucht", dass ganz viele Familien eine Tante, einen Onkel, eine Großmutter, einen Großvater, irgendjemand in der Familie haben, der Regisseur, der 35 ist, dessen Vater und sein Bruder sind über einen Fluss geschwommen, der eine ist dann zurückgeblieben, weil er sich nicht getraut hat, und sein Vater ist geflohen. Es hat jeder in der Familie irgend so was. Also insofern glaube ich, dass ganz viele Menschen sich einklinken werden, ganz viele Menschen, die auch nicht geflohen sind, die geblieben sind, deren Eltern aus bestimmten Gründen geblieben sind, werden das anschauen und werden ihre Geschichte wiedererkennen.
"Das Dorf ist ein fiktives Dorf, aber Mödlareuth ist das Vorbild"
Wellinski: Das Spannende, und ich meine das Spannende auch durchaus dramaturgisch, ist zumindest im ersten Teil dieses fiktive Dorf an der thüringisch-bayerischen Grenze. Es wird ja überfallen, fast täglich von neuen Informationen: Nazi-Deutschland ist besiegt, dann kommen die Amerikaner. Treibt das die Figuren durch alle Teile, dieses ständig sich Wechseln der Weltgeschichte in diesem Dorf.
Sperl: Das ist jetzt sicherlich der dramaturgische Bogen der Eins. Und das Dorf ist ein fiktives Dorf, aber es gibt das Vorbild, das ist Mödlareuth. Mödlareuth liegt zwischen Bayern und Thüringen, und durch Mödlareuth ging direkt diese Grenze. Und was viele Menschen erinnern, ist, dass die Amerikaner zu weit vorgestoßen sind, dann wieder zurückgingen, die Russen nachkamen und dann sich doch wieder zurückgezogen haben auf die Grenzen, die sie in Jalta damals beschlossen hatten. Und wenn man es innerhalb dieses Dorfes erzählt, erzählt man einfach halt, wie einfach Familien in der Mitte auseinandergerissen werden. Sie erzählen sozusagen in einem Mikrokosmos die großen Entwicklungen.
Wellinski: Man erzählt aber auch von Menschen, die sich fast täglich auf neue Begebenheiten einstellen müssen, nicht wahr? Es gab noch nicht die Nachrichten, dass eine Pressemitteilung übergeben worden ist, jetzt sind die Russen da, oder jetzt sind die Amerikaner da. Diese Menschen mussten immer darauf warten, bis die Informationen sie erreicht haben. Ist das auch das Tragische an den Figuren, dass sie sich ständig neu behaupten müssen, dass sie überhaupt nicht zur Ruhe kommen? Weil das sieht man vielen an, eigentlich wollen viele einfach nur Ruhe.
Die Film- und Fernsehproduzentin, Dramaturgin und Drehbuchautorin Gabriela Sperl im Oktober 2013.
Die Film- und Fernsehproduzentin, Dramaturgin und Drehbuchautorin Gabriela Sperl im Oktober 2013.© picture alliance / dpa / Horst Galuschka
Sperl: Viele hoffen, dass es endlich vorbei ist. Viele hoffen, dass auch dieses schreckliche Nazi-Regime endlich vorbei ist. Und viele, die sich damit arrangiert hatten, haben natürlich jetzt wahnsinnige Angst, was kommt jetzt? Und insofern ist das wirklich etwas, was viele dieser Figuren auch entwurzelt. Sie sind hin- und hergeworfen, wie Sie das beschrieben haben, und müssen dann in sich selber diesen Anker finden, um sich zu verorten und zu sagen, nein, ich möchte, dass es anders wird, und ich möchte, dass es besser wird.
Ich möchte, dass eine bessere Welt kommt. Und das ist die Hoffnung, die viele damals ja wirklich auch angetrieben hat. Und wenn man sich überlegt, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist an wirklich barbarischem Unrecht, ja – wir schauen jetzt irgendwie auf den IS und sagen, wie grauenvoll, dass Menschen sich so was antun können, dass Menschen irgendwie einfach in ein Dorf einfallen und Frauen, Kinder, Alte ermorden, ihnen die Hälse durchschneiden. Der Eroberungskrieg in Russland, da wurden ganze Dörfer einfach exekutiert. Und ich finde immer wichtig, dass man auch dieses Unrecht, das es hier gab, nicht vergisst.
"Es gab keine Stunde Null"
Wellinski: Was Sie ja auch damit indirekt noch mal bestätigen, ist, dass es die berühmte Stunde Null gar nicht gegeben hat, weil ständig alles in Bewegung war.
Sperl: Genau. Das, denke ich, ist natürlich etwas, was sich so eingeschlichen hat, dass man gesagt hat, es gab die Stunde Null, es wurde alles besser, man ließ alles hinter sich. Und das war für mich eigentlich immer auch schon so ein Antrieb, diese Geschichte zu erzählen, dass man sagt, es gab keine Stunde Null. Und die Menschen, die einen miesen Charakter hatten, sind nicht plötzlich, weil irgendwie eine Demokratie kam, anständige Menschen geworden. Wenn einer ein Schwein ist, der bleibt auch ein Schwein und zieht halt nur die Uniform um. Und das erzählen wir halt.
Wellinski: Daraufhin ist der Blick auf die Frauenfiguren, finde ich, besonders spannend, weil die waren so exponiert, zumindest im ersten Teil sind sie das. Henriette Confurius spielt die junge Gutstochter, die eine Jugend haben will, die sie wahrscheinlich gar nicht bekommt, Martina Gedeck spielt eine Frau, in deren Beziehungsleben der Blitz schon häufiger eingeschlagen hat, die dann auch zur Verräterin wird, und letztendlich auch Nadja Uhl, die Frau, die einfach nur weg will, Paris, New York. Sie kann hier nicht mehr atmen, sagt sie. Es gibt auch starke Männerfiguren, aber es ist schon auffällig. Was unterscheidet diese Frauenfiguren von den Männerfiguren?
Sperl: Die Problematik war ja, dass die Männer fast alle im Krieg waren, viele Männer kamen einfach nie zurück. Viele Männer kamen zurück, wie der Graf, und brachten all das wieder mit nach Hause, was sie erlebt hatten an Schrecklichem und verstummten darüber. Und das war das Wichtige auch an dieser Figur, die der Heiner Lauterbach spielt, dass man eigentlich eine autistische Figur erzählt, die plötzlich verstummt ist, die auch einfach nicht darüber reden kann. Und das haben wir damals, als wir die "Flucht" gemacht haben, erlebt.
Wir haben danach wirklich Tausende von Zuschriften gekriegt, wo die Menschen zum ersten Mal mit ihren Eltern, mit ihren Großeltern überhaupt über ihre Vergangenheit geredet haben. Weil man natürlich auch, wenn man darüber redet, auch wieder eine Retraumatisierung erfährt, das, was man hinter sich gelassen hat, einfach nicht anrühren will. Und das ist sozusagen das Los vieler Männer gewesen, und diejenigen, die 16 waren, die 15 waren, die eigentlich gerade noch drum herum gekommen sind, dass man sie eingezogen hat, die mussten sich auch erst mal orientieren, weil die waren natürlich aufgeputscht, sie müssen jetzt als zurückgebliebene junge Männer verteidigen bis zum letzten Blutstropfen. Und das ist natürlich dann schwierig, wenn man dann in eine neue Zeit rein kommt und einfach erst mal erfährt, was hinter diesem Regime überhaupt stand.
"Unsere Figuren gehen alle in eine ungewisse Zukunft"
Wellinski: Wie wichtig ist Ihnen – es klang schon an –, bei so einem im ersten Moment fiktionalen Stoff diese historische Authentizität eines solchen Stoffs, den Sie ja dann jetzt als "Tannbach" verfilmt haben?
Sperl: Worauf wir großen Wert gelegt haben, dass wir sehr stark auch von realen Geschichten ausgegangen sind und die zusammengesetzt haben zu fiktiven Geschichten. Wir haben Figuren geschaffen, die es so hätte geben können. Die Menschen identifizieren sich damit, weil sie sagen, ja, es ist keine Sülze, es sind keine Liebesgeschichten, wo man sagt, es gibt ein Happyend. Unsere Figuren gehen alle in eine ungewisse Zukunft.
Wellinski: Ist dann der Mehrwert der Fiktion – ich frage, weil nach dem ersten Teil wird noch eine Dokumentation über das reale Tannbach gezeigt – ist der Mehrwert dann der Fiktion die emotionale Involvierung des Publikums, dass man dann mitfühlt und noch mal die Fakten in der Dokumentation aufgearbeitet bekommt?
Sperl: Ich glaube, dass man in einem fiktionalen Universum – und deswegen war es mir so wichtig, dass Alex Dierbach mit 35 diesen Film gemacht –, dass man von der Historisierung weg kommt, sondern wenn man "Tannbach" anschaut, geht man in diese Geschichte rein. Ich weiß nicht, wie es Ihnen gegangen ist, aber wir haben das jetzt inzwischen schon sehr vielen Leuten gezeigt, die einfach mit dabei waren, also die nicht das Gefühl hatten, sie schauen aus einer Distanz. Und das ist mir als Historikerin auch immer wichtig, weil aus der Perspektive von 2014 70 Jahre zurückzuschauen und besserwisserisch zu sein, bringt niemandem was.
Aber die Menschen an die Hand zu nehmen und zu sagen, schaut mal, die hatten keine Ahnung, die wussten vieles nicht. Oder sie wussten es schon und haben weggeschaut, was ja die Geschichte auch von Nadja Uhl ist, die das dann auch sagt: Was ist normal? Was war damals normal? Wir haben weggeschaut, wir wollten es nicht sehen, weil wir wollten alle normal sein. Man will nicht auffallen in so einer Zeit. Das kann nur die Fiktion, dass plötzlich einfach Emotionen freigesetzt werden, wo man sich dann mit solchen Figuren identifizieren kann und aus dieser Überheblichkeit der Rückschau raustritt.
"Man kann nie für einen Markt produzieren"
Wellinski: Produziert man denn auch so einen Mehrteiler in dieser Wucht – weil der Film ist wirklich wuchtig –, auch mit dem Blick vielleicht auf den internationalen Markt, nach Erfolgen wie "Unsere Mütter, unsere Väter" oder halt "Die Vertreibung"?
Sperl: Man kann nie für einen Markt produzieren. Also, meine Erfahrung, auch, als ich "Operation Zucker" gemacht habe, da hat mich einfach nur der Gedanke getrieben, die Menschen müssen wissen, was hier abgeht. Was mit dem Kinderhandel weltweit los ist und in Deutschland los ist, was keiner weiß. Und es treibt dich dann sozusagen diese Leidenschaft, dass man sagt, das müssen jetzt alle wissen. Was ich weiß, muss ich jetzt allen erzählen. Wenn Sie anfangen zu überlegen, was geht auf dem Markt, was verkauft sich, sind Sie komplett verloren.
Wellinski: Frau Sperl, vielen Dank für die Zeit, für den wunderschönen Dreiteiler, und viel Erfolg noch für die Zukunft!
Sperl: Vielen herzlichen Dank! Danke schön!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Der ZDF-Dreiteiler "Tannbach" läuft am 4., 5. und 7. Januar 2015 jeweils um 20:15 Uhr. Mehr Informationen auf der Webseite des ZDF, hier der Link.

Mehr zum Thema