Seit 06:00 Uhr Nachrichten
Freitag, 26.02.2021
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten

Profil / Archiv | Beitrag vom 20.05.2010

Talentierter Autodidakt von der grünen Insel

Der irische Musiker, Dichter und Maler Connor O'Brien

Von Cornelius Wüllenkemper

Dublin. Hier ist Connor O'Brien aufgewachsen. (Stock.XCHNG / Mathias Mazzetti)
Dublin. Hier ist Connor O'Brien aufgewachsen. (Stock.XCHNG / Mathias Mazzetti)

Mit Schulfreunden gründete der irische Musiker Connor O'Brien die Band "The Immediate", die äußerst erfolgreich in Irland war, aber sich schon nach ihrem Debütalbum auflöste. Jetzt macht er solo weiter und hat sein Soloalbum im Alleingang aufgenommen.

Schwierig zu sagen, was einen bei Connor O'Briens Musik am meisten verblüfft: die poetischen Texte, sein musikalisches Können oder die düstere, fast morbide Atmosphäre seiner Songs. Und dann die Überraschung: Am meisten verblüfft einen Connor O'Brien selbst. Ein lustiger Bursche ist er, knapp 1 Meter 70 groß, schwarze Strubbelhaare, eine hagere Statur in äußerst jugendlicher Kleidung, ein blasses Gesicht.

Trotz seiner 27 Jahre wirkt O'Brien wie ein Schuljunge. Ganz anders seine musikalischen Gedichte: Sie erzählen von Einsamkeit, der Vergänglichkeit von Gefühlen, dem Ritual der Liebe, von Tod und Verlust. Alles nur Spaß, versichert der Ire.

"Musik ist für mich ein Spielplatz (lacht). Ich denke nicht unbedingt, dass dunkel auch griesgrämig bedeutet. Dunkel kann in Wirklichkeit auch eine sehr gute Art der Comedy sein. Comedy kann viel tragischer sein als ein trauriger Song. Diese Sachen sind alle vermischt. Keine Ahnung, jetzt bin ich verwirrt ..."" (lacht)

"Ich bin kein Anhänger der Idee des gequälten Künstlers. Ich habe keinen festen Plan, wohin es gehen soll. Ich will einfach nur mit Worten spielen und damit Spaß haben. Ich kann ja noch nicht mal den nächsten Tag planen. Es ist wie bei allem: Man hält sich heraus, und dann entsteht von ganz allein etwas Wunderbares."

Connor O'Brien spielt nicht nur mit Worten und mit Musik, auch als Maler entsteht bei ihm Wunderbares ganz von allein. Ob in seinen Songs, in seinen Bildern oder den ebenfalls von ihm verfassten Gedichten - ein außerordentlich talentierter Autodidakt wie O'Brien vertraut allein auf seine Eingebung. Mit acht Jahren schickten ihn seine Eltern zum Klavierunterricht, doch das fand er schon bald entschieden zu langweilig:

"Mein älterer Bruder hatte eine Gitarre. Also habe ich schon früh angefangen, darauf herumzuspielen. Außerdem war ich wie besessen von Rhythmen und habe auf allen möglichen Einrichtungsgegenständen rumgetrommelt und das dann auf meinem Kassettenrekorder aufgenommen. Irgendwann habe ich einem Schulfreund seinen Rhythmuscomputer abgekauft. Je mehr Musik ich gemacht habe, desto mehr Instrumente habe ich gelernt."

Bis heute lernt O'Brien weiter: Zuletzt versuchte er sich auf Banjo und Mandoline. Er nimmt die Dinge eben gern selbst in die Hand. Sein erstes Soloalbum stammt sogar komplett aus seiner Feder: Von den Kompositionen und Texten über die Einspielung der Songs bis hin zur visuellen Gestaltung von Album und Animationsvideo, alles trägt O'Briens Handschrift.

Das war nicht immer so. Lange spielte er mit Schulfreunden in einer Band, die sich allerdings kurz nach ihrem äußerst erfolgreichen Debütalbum auflöste. Warum, das bleibt ihr Geheimnis. Und eine neue Band ist nicht in Sicht.

"Ich bin mit den Jungs von The Immediate großgeworden, mit einem der Musiker habe ich zusammengespielt, seit ich zwölf war. Wir hatten eine echte Band, wir waren immer zusammen. Es wäre wie ein Verrat gewesen, wenn ich versucht hätte, etwas Ähnliches mit anderen Leuten auf die Beine zu stellen. Und lächerlich! Ich hätte die ganze Welt bereisen können, auf der Suche nach den richtigen Bandkollegen."

Für sein Soloalbum, aufgenommen auf dem Dachboden eines Freundes, hat sich Connor O'Brien zwei Monate lang vorm eisigen irischen Winter verbarrikadiert. Sein künstlerisches Universum strotzt vor Spiritualität, dort gibt es Schakale, freilaufende Tiger, Begegnungen mit dem Tod und manch andere traumhafte Erscheinung.

"Viele meiner Songs sind aus einer visuellen Idee entstanden - ich male in ihnen Bilder mit Worten. Teils hatte ich zunächst ein Bild oder eine Zeichnung gemacht, bevor ich den Song komponiert habe, und oft hatte ich sogar auch den Text schon geschrieben, als Gedicht. Der Trick dabei ist, die Dinge zu einer Idee zusammenzuführen und sich nicht zu verzetteln. Es geht darum, mit seiner Kreativität zu spielen, völlig egal in welcher Kunstform. Für mich ist das alles das Gleiche."

In Irland hat es O'Brien jetzt auf Platz sechs der 50 besten Live-Shows gebracht. Sein größtes Erlebnis war es, zusammen mit seiner Live-Band Villagers im Vorprogramm von Altrocker Neil Young aufzutreten.

"Zur Hälfte des Auftritts schrie jemand: 'Woher kommt ihr?' Wir haben dann geantwortet: 'Wir sind aus Dublin'. Da schrien alle: 'Yeah!' (lacht). Alle sind ausgeflippt. Das ist einfach dieses blöde irische Ding. Neil Young ist ein paar Mal in einer großen, grünen Wolke aus Rauch an uns vorbei gegangen (lacht). Ich habe aber schon etwas von ihm gelernt, obwohl ich ihn niemals getroffen habe. Das ist jemand, der es geschafft hat, dort zu sein, wo er jetzt steht. Man kann in ihm immer noch dieses Feuer sehen. Das war sehr inspirierend."

O'Briens nächster Plan ist es, allein mit einem Chor aus acht Frauen auf Tournee zu gehen. Der schüchterne junge Mann aus Irland, so scheint es, ist noch für einige Überraschungen gut.

Profil

ThrillerAuf der Suche nach dem perfekten Krimi

Durchgeknallte Antihelden, drastische Gewaltszenen und jede Menge Waffen: Krimi-Autor George T. Basier gilt als Geheimtipp für extrem harte Pulp- und Noir-Stoffe. Er bringt seine Bücher als Selbstverleger heraus.Mehr

Poetry-SlamSelbstzweifel in Reime verpackt
Poetry-Slammerin und Psychologie-Studentin Julia Engelmann während einer NDR-Fernsehsendung (dpa picture alliance/ Georg Wendt)

Poetry-Slammerin Julia Engelmann wurde mit einem einzigen Video im Internet schlagartig bekannt. Nun hat sie ein Buch herausgebracht und geht damit auf Tour. Den Rummel um ihre Person sieht sie gelassen. Mehr

Chor der Woche Leichtigkeit für die Deutschen
Blick auf das Münchner Rathaus, aufgenommen am 11.03.2003. (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)

Es ist ein kleines Ensemble für Laien mit Anspruch - und eine feste Größe in der Münchner Musikszene: der Chor "Catchatune". Die Brasilianerin Lilian Zamorana versucht vor allem, Leichtigkeit zu vermitteln.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur