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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.12.2005

Talente als Maler und Schriftsteller

Armin Müller-Stahl: "Venice. Amerikanisches Tagebuch"

Rezensiert von Joachim Scholl

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Der Schauspieler Armin Müller-Stahl  (AP Archiv)
Der Schauspieler Armin Müller-Stahl (AP Archiv)

Er ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, die es zum Weltstar gebracht haben: Armin Müller-Stahl. Seine Filme machten ihn berühmt, die Rolle des Thomas Mann in Heinrich Breloers Fernsehfilm "Die Manns" bestätigte dem deutschen Publikum nochmals seine souveräne Brillanz und Ausstrahlung.

Was viele Zuschauer kaum wissen: Armin Müller-Stahl ist auch ein renommierter bildender Künstler, mit inzwischen mehreren großen internationalen Ausstellungen. Und er schreibt! Schon 1981 erschien sein erster Roman, etliche Bücher folgten, zuletzt die nuancierte, feinfühlige Erzählung "Hannah", die der Berliner Aufbau-Verlag 2004 veröffentlichte.

Der neue Band "Venice. Ein amerikanisches Tagebuch" zeigt beide Talente: den bildendenden wie schreibenden Künstler. Flankiert von Zeichnungen und Skizzen aus seiner kalifornischen Wohnstatt Venice entfaltet Müller-Stahl eine Geschichte, in der sich Autobiographie und Fiktion auf originelle Weise mischen. Am Anfang steht eine Wette um einen Filmstoff: Der Schauspieler wettet mit einem Produzenten, dass er auf den Straßen von Venice jederzeit eine Geschichte, eine Story finden könne, mit einer x-beliebigen Person: "Jeder über 40 habe genug erlebt, habe Schläge einstecken müssen, habe Liebesaffären gehabt, kurz, er habe Dinge erlebt, die eine Filmgeschichte hergeben..." Am Strand trifft Müller-Stahl auf Frank, einen Ex-Banker, der als "homeless", als Penner zu leben sich entschlossen hat.

Anfangs widerwillig, erzählt Frank nach und nach die Geschichte seines Vaters, einem deutschen Kriegsgefangenen und Jazz-Gitarristen, der sich in Amerika eine neue Identität zulegt – um ein düsteres Geheimnis zu verschleiern. Es wird ein regelrechter Krimi, der tief in nationalsozialistische deutsche Vergangenheit hinabreicht. Täglich notiert der Autor Müller-Stahl die Ergebnisse seiner Treffen mit Frank, gibt die Gespräche wieder, verbindet sie mit eigenen Überlegungen. So entsteht ein schillernder, spannender Text, der bewusst und sehr geschickt vom Autor in der Schwebe zwischen Wirklichkeit und Erfindung gehalten wird. Und am Ende steht eine überraschende Pointe – und vielleicht ein neuer Film!

Der Band ist prächtig aufgemacht, auf Hochglanz gedruckt, was vor allem den zahlreichen Zeichnungen zu Gute kommt. Hinzu kommen ergänzende, kompetent geschriebene Essays von Hans-Dieter Sommer und Holger Teschke – über den bildenden Künstler und den Schauspieler Müller-Stahl – sowie eine Zeittafel und ein Verzeichnis aller Filme. So ist "Venice" ein perfektes Geschenkbuch für Fans, aber auch überzeugender Beweis, dass im Filmstar Armin Müller-Stahl ein echter Schriftsteller steckt.


Armin Müller-Stahl:
Venice. Amerikanisches Tagebuch.

220 Seiten im DIN A4-Format. Mit Original-Zeichnungen und Skizzen.
Aufbau-Verlag Berlin, 192 Seiten,
49,90 Euro.

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