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Studio 9 | Beitrag vom 03.11.2019

Tagung „One Nation Under a Groove“Schlager und Nationalismus

Von Anke Petermann

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Der deutsche Schlagerstar Helene Fischer steht auf der Bühne beim internationalen Schlagerfest am 02.11.2019 in Dortmund im Goldregen.  (imago images / osnapix)
Helene Fischer werde als deutsche Marke wahrgenommen, trotz ihrer komplett amerikanisierten Inszenierung, meint ein Forscher bei der Tagung zu „Nation als popmusikalische Kategorie“. (imago images / osnapix)

Der Schlager ist im Aufwind und mit ihm über die Performance transportierte nationale Symbole. Es gibt Musiker, die mit der Deutschlandfahne auftreten, in Frankreich beerdigt eine Band symbolisch die Trikolore. Ist Schlager-Musik nationalistisch?

"One nation under a groove", sang die Band Funkadelic Ende der 1970er-Jahre. Damals war mit "nation" vielleicht sogar die ganze Menschheit gemeint - "die dann eben unter einem gemeinsamen Funk-Groove in eine bessere Zukunft aufbricht", so der Mainzer Popularmusikforscher Thorsten Hindrichs. Er richtet die Tagung "One nation under a groove" aus. Und heute – groovt sich deutschsprachige Musik ins Nationale? Gar ins Nationalistische?

Fragen, die mitschwingen, wenn Historiker und Musikwissenschaftler über "Nation als popmusikalische Kategorie" nachsinnen. Schlagersingen, Schlagerhören kann man, wie die Leipziger Nachwuchsforscherin Marina Schwarz, als "affirmatives Deutschsein" werten. Aber man kann in den Auftritten etwa der deutschen Schlager-Ikone Nummer 1 auch einen eklatanten Widerspruch entdecken: Helene Fischer inszeniert sich komplett amerikanisiert. Das jedenfalls fällt Benedikt Fleischer von der Leuphana-Universität Lüneburg auf.

"Ich sehe da große Parallelen zum Beispiel zu Shania Twain, die ja auch für ein makelloses perfektes Image stand, aber auch für diese lockere, oberflächliche, positiv stimmende Unterhaltung", sagt Fleischer. In den Outfits, den Choreografien und der Lichtgestaltung bei Helene Fischer könne man tatsächlich Parallelen zu Beoyncés Inszenierung sehen oder zu Pink, wenn sie von der Decke hängt und Akrobatik in der Luft macht.

Aber diese sehr amerikanische Art der Inszenierung und Vermarktung sei so geschickt verpackt, dass Fischer als deutsche Marke wahrgenommen werde, konstatiert der Musikwissenschaftler.

Nationalismus auf Vergangenheit gerichtet, nicht auf Zukunft

Nostalgie, das Trauern um eine verlorene vermeintlich heile Welt, Ängste vor dem Aufweichen von Geschlechterrollen und Migration: Das sind die Begleiterscheinungen des heutigen Nationalismus, den der Potsdamer Politikwissenschaftler Gideon Botsch "rekonstruktiv" nennt. Denn er ziele darauf ab, "einen vergangenen Zustand nationalstaatlicher Souveränität wiederzuerlangen, das heißt, sich sozusagen zu renationalisieren." Als Gegenbewegung zum erlebten Bedeutungsverlust in Zeiten der Globalisierung.

"Es ist schon sonderboar / wann i denk wie es früher war / so anfoch und schen …",

singt der selbsternannte österreichische "Volksrocker" und Lederhos’n-Lausbua Andreas Gabalier. Einfach und schön – die verklärte Vergangenheit, von der es vereinzelt Relikte gibt – "noch".

Dazu meint der Potsdamer Politikwissenschaftler Gideon Botsch: "Also das ‚noch‘ heißt ja immer, dass da etwas verschwindet – und dass es wert ist aufzuhalten, was da verschwindet." Im Einzelnen könne das auch durchaus so sein, so Botsch. "Aber das gesamte Bild, was da ist, ist kein Bild: ‚Wir schaffen etwas für morgen‘. Wie das im früheren Nationalismus immer war." Hier sei es eine Position, die sagt, "es war mal besser, und wieviel davon können wir bewahren", erklärt Botsch. Die Debatte, wieviel an Veränderung sich eine Gesellschaft zumuten soll, sei bedeutsam, betont er. "Trotzdem wird sie hier mit einem Unterton geführt, der wenig produktiv ist."

Gefahr für den Schlager, in einer Blase zu landen

Männerfreundschaften am Gipfel, häusliche "Zuckerpuppen" im Dirndl – so einfach ist die Welt des österreichischen "Volksrockers". Auch andere Größen der Schlagerwelt schwelgen in Nostalgie, beschwören Heimat und heile Welt – komplett harmlos? Nicht unbedingt, gibt der Lüneburger Populärmusikforscher Benedikt Fleischer zu bedenken. Er sieht eine Gefahr darin, wenn populäre Musik Menschen darin bestärkt, "sich zurückzuziehen in ein sicheres Feld, wo man sich nicht mehr mit dem auseinandersetzt, was dort draußen oder außerhalb dieser Sicherheit geschieht".

Er persönlich finde, dass es im Schlager meist gefehlt habe, sich mit dem Zeitgeist, mit kritischen Themen auseinanderzusetzen und dass es Schwierigkeiten gebe, Aushandlungsprozesse zu thematisieren. "Ich glaube schon, dass Schlager Gefahr laufen kann, in eine Sackgasse zu kommen, in der man in einer Blase ist, in der man nur noch das zu hören bekommt, was man selbst gut findet."

(abr)

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