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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.10.2016

Tagung der Internationalen WalfangkommissionGeisternetze, Plastikmülle, Harpunen und Lärm

Michael Dähne im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Grauwal vor der mexikanischen Nordwestküste ragt mit seinem Kopf aus dem Wasser. (imago / blickwinkel)
Ein Grauwal vor der mexikanischen Nordwestküste ragt mit seinem Kopf aus dem Wasser. (imago / blickwinkel)

Vor rund 30 Jahren einigte sich die Welt auf ein Fangverbot für Wale. Dennoch werden sie immer noch gejagt. Und die Harpunen sind längst nicht das einzige Problem der Riesen-Säuger, erläutert Michael Dähne vom Deutschen Meeresmuseum.

Die Internationale Walfangkommission IWC kommt heute im slowenischen Portoroz zusammen, um erneut über das japanische Walfangprogramm zu debattieren. Japan jagt – angeblich aus wissenschaftlichen Gründen - wieder Wale, obwohl sich das laut dem Internationalen Gerichtshofs (IGH) wissenschaftlich nicht rechtfertigen lässt. Auch Island und Norwegen töten die Meeres-Säuger noch.

Vor Inkrafttreten des internationalen Fangverbots wurden jährlich rund 30.000 Wale getötet, jetzt sind es 2000. Für Michael Dähne, Kurator für Meeressäugetiere am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, ist das ein "großer Erfolg". Andererseits gebe es aber keinen Grund mehr, Wale überhaupt noch zu fangen, sagte er im Deutschlandradio Kultur.

Neben den Walfängern gibt es viele weitere Probleme für die majestätischen Tiere: Geisternetze, Plastikmüll, zu wenig Beute durch Überfischung. Und Unterwasserlärm, der beispielsweise Schnabelwale beim Jagen irritiert und sie zu schnell auftauchen lässt. Die Folge ist die Taucherkrankheit, die die Tiere dann qualvoll verenden lässt.

Schweinswale wiederum meideten Rammungen von Offshore-Windkraftanlagen in einem Umkreis von 20 Kilometern, berichtete Dähne. Deswegen sind akustische Schutzzonen für Wale wichtig. Bei deren Einrichtung sei Deutschland einer der Vorreiter weltweit, betonte Dähne.



Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: Vor gut 30 Jahren einigte sich die Welt auf ein generelles Verbot des kommerziellen Fangs von Großwalen. Die Welt, das war und ist in diesem Fall die internationale Walfangkommission IWC. Die hat 88 Mitgliedsstaaten, und drei davon fangen immer noch: Japan, Island und Norwegen.

Die sind natürlich auch dabei, beim derzeitigen Treffen der Walfangkommission in Portoroz in Slowenien, das wir jetzt zum Anlass nehmen für ein Gespräch mit Michael Dähne. Er ist Kurator für Meeressäugetiere am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. Schönen guten Morgen, Herr Dähne!

Michael Dähne: Schönen guten Morgen!

Kassel: Vor dem Inkrafttreten dieses Walfangverbots wurden jährlich ungefähr 30.000 Wale getötet, jetzt sind es ungefähr 2.000. Da könnte ich doch als Laie jetzt einfach sagen, das ist ein großer Erfolg, da ist doch jetzt eigentlich alles in Ordnung.

Dähne: Ich denke, ein großer Erfolg ist es auf jeden Fall, dass diese Walfangquoten so stark reduziert wurden. Aber ich denke auch, dass es heutzutage eigentlich keinen Grund mehr dafür gibt, Wale überhaupt zu fangen, und dementsprechend sollte man das Ganze doch sein lassen.

Es ist ja auch so, dass in diesem Walfang-Moratorium unterschiedliche Ausnahmen erlaubt sind, das heißt - Sie hatten es angesprochen - Japan betreibt wissenschaftlichen Walfang, Island und Norwegen schließen sich diesem Moratorium nicht an und betreiben kommerziellen Walfang. Und insgesamt sind also die Quoten über die Zeit zurückgegangen, aber trotzdem macht man sich weiterhin Sorgen über die Bestände, und das betrifft zum Beispiel bei Japan das Südpolarmeer, in dem es eine andere Zwergwalart gibt als in dem nördlichen Ozean und wo man tatsächlich noch nicht ganz genau weiß, wie viele Tiere sind das denn überhaupt, und macht es denn überhaupt Sinn, dort Walfang zu betreiben, ist das nachhaltig überhaupt möglich? Und dementsprechend sind da noch viele Probleme mit verknüpft.

Kassel: Aber können Sie mir eigentlich erklären, was im Zusammenhang mit Japan dieser wissenschaftliche Walfang bedeutet. Viele haben ja große Zweifel daran, dass es sich wirklich darum handelt.

Dähne: Wissenschaftlicher Walfang bedeutet, dass man diesen Walfang primär zum Zweck der Wissenschaft betreibt, das heißt, um mehr über die Tiere zu erfahren, um eventuell über Konflikte aufzuklären. Und Japan hat das jahrelang ausgenutzt, um im Prinzip dieses Walfleisch, das durch den wissenschaftlichen Walfang oder vorgespielten wissenschaftlichen Walfang erlangt wurde, zu vermarkten und zu vertreiben.

Japan ignoriert die Vorgaben des Gerichtshofs

Und da hat auch 2014 der Internationale Gerichtshof gesagt, das geht nicht, das ist nicht in Ordnung, und das kann in der Zukunft nicht so weiter erfolgen. Danach hat Japan die Quoten reduziert, kurzzeitig ausgesetzt, und heutzutage betreiben sie es wieder. Die Quote ist bei 333 Zwergwalen zur Zeit, und damit eigentlich nicht viel anders als das, was sie sich in der Vergangenheit auch erlaubt haben, an Zwergwalen zu jagen.

Kassel: Sind denn diese drei Länder, die weiterhin Wale jagen, das einzige Problem für die weltweiten Walpopulationen, oder gibt es noch ganz andere?

Dähne: Es gibt jede Menge an Problemen für Walpopulationen weltweit. Eines ist zum Beispiel Lärm, was man gar nicht so über Wasser wahrnimmt. Aber Schnabelwale sind zum Beispiel sehr empfindlich auf Unterwasserlärm, zum Beispiel auf Lang- und Mittelstreckensonare von Militärs, aber auch auf seismische Untersuchungen.

Die Tiere werden bei ihren tieftauchenden Tätigkeiten, während sie Tintenfische erbeuten gestört, tauchen dann wahrscheinlich zu schnell auf und kriegen dann die sogenannte Taucherkrankheit und verenden qualvoll, während Pottwale, die in einer ähnlichen ökologischen Nische sind, scheinbar etwas robuster sind.Eine Pottwalkuh mit ihrem Kalb (imago / Westend61)Eine Pottwalkuh mit ihrem Kalb (imago / Westend61)

Wir wissen, dass Schweinswale Rammungen von Windkraftanlagen sehr weiträumig, bis 20 Kilometer Radius, meiden. Und für alle die sind Unterwasserexplosionen zum Beispiel sehr problematisch, denn sie können direkte Organschädigungen auslösen.

Wir haben es weiterhin mit Problemen durch Geisternetze zu tun, die als Reste der Fischerei durch die Ozeane treiben und immer noch teilweise fängig sind. Aber auch der direkte Beifang in der Fischerei ist gerade für die Schweinswale in der Ostsee problematisch.

Für alle Arten trifft zu, dass wir eine reduzierte Beuteverfügbarkeit sehr wahrscheinlich auch durch eine gewisse Überfischung haben, und in einigen Bereichen der Welt werden immer noch Kleinwale gejagt.

Kassel: Nun ist ja Überfischung generell ein Problem in den Meeren dieser Welt, eigentlich in allen, und es betrifft ganz viele Fischarten, aber um über die Wale zu reden – die keine Fische sind, das ist mir schon klar – kann man denn da konkret etwas tun? Ich meine, wenn Sie zum Beispiel die Geräuschbelastung erwähnt haben, Meere generell weltweit leiser zu machen, ist wahrscheinlich nicht möglich, aber ist es denn geplant, zumindest Schutzzonen einzurichten?

Wale brauchen Schutzzonen

Dähne: Es ist definitiv so, dass bestimmte Schutzzonen eingerichtet werden. Deutschland ist tatsächlich, gerade was Lärmschutz von Walen angeht, einer der Vorreiter weltweit. Das heißt, bei uns gibt es ein sogenanntes Schallschutzkonzept für die Rammung von Windkraftanlagen. Und hier wird eindeutig definiert, wie laut denn diese Rammungen überhaupt sein dürfen, und das hat dazu geführt, dass während der Rammung von Windkraftanlagen im Meer inzwischen Blasenschleier und ähnliche Schallminimierungssysteme eingesetzt werden, die tatsächlich diese Störung eindeutig reduzieren und aber auch die Gefahr einer direkten Verletzung reduzieren.

Aber andererseits ist es auch so, dass wir dafür sorgen müssen, dass es genügend große Schutzgebiete für die Wale gibt und dass in diesen Schutzgebieten Managementmaßnahmen propagiert werden wie zum Beispiel das teilweise oder saisonale Verbot von Fischerei, die dazu führen, dass sich die Bestände auch wirklich wieder erholen können. Und dann müssen wir natürlich auch dafür sorgen, dass gerade die Umweltbelastungen durch Chemikalien, aber auch durch Plastikmüll, reduziert werden.

Kassel: Die Wale haben einen Vorteil gegenüber mancher anderen Tierart, die viele Menschen als ekelig empfinden. Eigentlich mag fast jeder Wale und findet sie faszinierend. Was finden Sie daran so faszinierend? Die Größe allein doch bestimmt nicht, oder?

Dähne: Ich bin ja Wissenschaftler, und als Wissenschaftler interessieren mich natürlich immer Zusammenhänge. Und einer der interessantesten Zusammenhänge ist, dass Wale fast weltweit vorkommen. Sie besetzen sehr unterschiedliche ökologische Nischen, das heißt, wir haben es mit tief tauchenden Walen zu tun, die oft Tintenfische jagen, es gibt Bartenwale, die Krill verzehren und damit eine sehr kurze Nahrungskette haben. Sie betreiben Echo-Ortung wie Fledermäuse, leben zwischen den Extremen, zwischen dem Polarmeer und dem Äquator, und das ist teilweise eine einzige Art, zum Beispiel Buckelwale, die zwischen diesen Extremen hin und her wandern.

Ein junger Buckelwahl schwimmt im Meer nahe der Dominikanischen Republik.  (imago / Westend61)Junger Buckelwal (imago / Westend61)

Und andererseits, Sie haben es gerade erwähnt, sind sie als naturschutzrelevante Art ein Botschafter für den guten Umweltzustand. Und trotzdem gibt es Menschen, die seit 20 Jahren auf dem Meer unterwegs sind, gerade auf der Ostsee, nie einen Schweinswal gesehen haben, und für die ist natürlich die erste Begegnung mit diesen Walen etwas ganz Besonderes. Und in dem Zusammenhang haben wir ein Projekt, das sogenannte Sichtungsprojekt. Wassersportler sichten Schweinswale, in dem wir alle Meldungen von Schweinswalen, die auf dem Ozean gesammelt werden, sammeln, und das kann man sich tatsächlich inzwischen als App downloaden und kann dann tatsächlich jede einzelne Sichtung von Schweinswalen, von Robben oder von anderen Walarten in der Ostsee bei uns melden.

Kassel: Dann bin ich jetzt mal ganz nett und empfehle an dieser Stelle nicht unsere eigene Internetseite, sondern Ihre. Gucken Sie einfach mal auf die Seite des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, da finden Sie auch dazu nähere Informationen. Und dort arbeitet auch Michael Dähne, er ist da der Kurator für Meeressäugetiere. Mit ihm sprachen wir aus Anlass der aktuellen Tagung der Walfangkommission in Portoroz in Slowenien über die Gefährdung der Wale weltweit. Herr Dähne, vielen Dank fürs Gespräch!

Dähne: Ich bedanke mich auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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