Seit 18:00 Uhr Nachrichten

Sonntag, 23.09.2018
 
Seit 18:00 Uhr Nachrichten

Zeitfragen | Beitrag vom 10.09.2018

Tages- und AbendschuleDie zweite Chance für Schulabbrecher

Von Jessica Sturmberg

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Mathelehrerin an der Tages- und Abendschule TAS erklärt Parabelfunktionen (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Matheunterricht an der Tages- und Abendschule TAS in Köln (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)

Falsche Freunde, eine Schwangerschaft, ein schwieriges Elternhaus. Die jungen Menschen, die in der Kölner TAS lernen, haben unterschiedliche Biografien, aber dasselbe Ziel: sie wollen ihren Abschluss nachholen und sich eine berufliche Perspektive aufbauen.

Die Tages- und Abendschule TAS in Köln ist von außen recht unscheinbar. Kein großer Schulhof, keine eigene Turnhalle, keine Aula, kein typisches Schulgelände.

"Wir hätten gerne ein schöneres Gebäude. Das ist vor allem sehr unauffällig, Schulgebäude stellt man sich ein bisschen anders vor. Das ist auch kein Schulgebäude, das ist ein Verwaltungsgebäude."

Erzählt Gudrun Hersebrock, Schulleiterin der TAS. Das ehemalige Verwaltungs- und jetzige Schulgebäude wird derzeit saniert, neue Elektroleitungen werden verlegt, Wände müssen neu verputzt, ein Vordach erneuert werden. 1100 Schüler werden an der TAS unterrichtet. Sie alle suchen eine zweite Chance: Sie wollen ihren Schulabschluss nachholen. Die Gründe, warum sie beim ersten Anlauf gescheitert sind, sind vielfältig: ein problematisches Elternhaus, Drogen, eine langwierige Krankheit oder Flucht aus einem unsicheren Land.

Der Unterricht an der TAS findet entweder vormittags, nachmittags oder abends statt, je nachdem, wann die Schüler Zeit haben. Viele arbeiten nebenher, müssen sich um ihre Familie kümmern oder anderen Verpflichtungen nachgehen.

Matheunterricht in einem vierten Semester für den mittleren Schulabschluss. In einem Semester, also einem Halbjahr wird so viel Stoff vermittelt wie in einem kompletten Schuljahr an einer Realschule.

"Es ist eine sehr kurze, knappe Zeit für uns und da müssen wir uns echt ranhalten, wenn wir alles in der Zeit schaffen wolle. Wir arbeiten jetzt schon mit ZAP-Vorbereitungen."

Erzählt Kira, 20 Jahre alt. ZAP – steht für zentrale Abschlussprüfung für den Realschulabschluss oder die Fachoberschulreife. Alle Abschlüsse an der TAS sind staatlich anerkannt, die Prüfungen unterscheiden sich nicht von denen an den Regelschulen. Verlangt wird das Gleiche nur in kürzerer Zeit.

"Diese Schule ist jetzt meine zweite Chance, an den FOR, also die Fachoberschulreife heranzukommen, dem ich jetzt schon lange, lange hinterherjage."

Erzählt Kira. Sie ist in Bayern zur Schule gegangen. Nach vielen Umzügen ist sie in Köln gelandet und will jetzt mit 20 ihren Schulabschluss nachholen:

Bislang läuft es gut, sagt sie und schmiedet Pläne für die Zukunft. Wenn sie den mittleren Schulabschluss geschafft hat, will sie weitermachen, und auch noch die Fachhochschulreife erwerben, vielleicht studieren.

Ohne Schulzeugnisse gibt es kaum eine Perspektive

In der Pause erzählt Tischnachbarin Marie, dass sie gerne eine Ausbildung zur Bauzeichnerin machen würde, so wie ihr Vater, sie kennt den Beruf durch ihn gut, mag das Umfeld, hatte aber bisher kein Glück. Marie ist 35, hat einen kleinen Sohn und kam 2013 aus dem Iran nach Deutschland. Am liebsten hätte sie gleich mit der Ausbildung zur Bauzeichnerin angefangen.

"Ich habe mein Abitur von meinem Land, aber leider bin ich ein bisschen niedrig eingestuft und ich musste von der 9. Klasse anfangen. Ja dann habe ich das gemacht, weil ohne Schulzeugnisse, was kann man machen?"

Ihr ist wichtig, dass sie nun schnell einen Abschluss bekommt, damit sie endlich in ihrem Traumberuf arbeiten kann.

Dass die meisten Schüler der TAS ihre Abschlüsse in sehr viel kürzerer Zeit schaffen als auf den Regelschulen hänge damit zusammen, dass sie sehr motiviert seien, oft auch schon Wissen mitbrächten, erklärt Schulleiterin Gudrun Hersebrock. Die Probleme, wenn es nicht läuft, lägen meist woanders.

"Die Eltern sind was weiß ich wo, wenn sie überhaupt da sind und kümmern sich gar nicht, es sei denn, es geht ums Geld. Und die Ausländer eben, weil sie damit beschäftigt sind, ihre Entwurzelungserfahrungen zu verarbeiten, einen neuen Platz zu finden, die Sprache zu lernen. Für die ist das auch sehr schwer, wie tickt dieses Land eigentlich?"

Schulleiterin Gudrun Hersebrock am Eingang der Tages- und Abendschule TAS in Köln (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)Schulleiterin Gudrun Hersebrock am Eingang der Tages- und Abendschule TAS in Köln (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Bei Frauen vielfach mit Migrationshintergrund sind es oft eine frühe Schwangerschaft, mangelnde familiäre Unterstützung und manchmal auch häusliche Gewalt, die die berufliche Perspektive einschränken. Sozialpädagogin Ulrike Paul hat in der Vergangenheit oft beobachtet, dass die Männer zunächst nichts dagegen hatten, dass ihre Frauen zur Schule gehen, dann aber ihre Meinung änderten.

"Als sie gemerkt haben, dass das für sie etwas nachteiliger wird, dass die Frau dann selbstbewusster wird, dann hat man gesagt, ne, lass das mal sein, ich unterstütze Dich nicht mehr. Aber das hat sich gebessert in den letzten Jahren." 

Nummern für die Notrufseelsorge hängen an den Toiletten

Die Leiterin des sozialpädagogischen Bereichs, Marie-Theres Homann hat bewusst Zettel mit Telefonnummern für die Notrufseelsorge an den Toiletten angebracht, kleine Abreißzettelchen, damit die Frauen wissen, wo sie sich zu jeder Zeit hinwenden können:

"Es ist wirklich erstaunlich, die Abreißzettelchen aus den Toilettenräumen sind weg, werden abgerissen. Das zeigt, dass einfach viel Bedarf an Beratung da ist."

Praktisch jeder, der an der TAS seine zweite, manchmal auch dritte oder vierte Chance sucht, hat in seinem Leben ein schweres Päckchen zu tragen, so drückt es Schulleiterin Gudrun Hersebrock aus. Bei Ilias, der gerade an der TAS begonnen hat um den Realschulabschluss nachzuholen, waren es falsche Freunde, wie er erzählt:

"Hab dann viel Mist gebaut, dann bin ich nicht in die Schule gegangen, dann gehe ich heute nicht, dann gehe ich morgen so ungefähr."

Und irgendwann ging er gar nicht mehr hin.

"Ich bin sehr, sehr früh abgegangen, ich bin in der 9. Klasse abgegangen damals – ohne Zeugnis? – Ja ich habe gesagt, ist mir alles egal. Aber man ist natürlich jung, man trifft voreilige Entscheidungen. Man überlegt nicht, was man macht."

Jetzt ist er 24, hat einige Jahre im Einzelhandel gearbeitet, Supermärkte geleitet, wie er erzählt, und möchte noch mehr aus seinem Leben machen.

"Ich möchte ein qualifiziertes Zeugnis, damit ich einfach weiterkomme." 

Oft müssen erstmal ganz andere Probleme gelöst werden

An der Tages- und Abendschule gibt es keine Schulpflicht. Alle, die sich hier anmelden, wollen in der Regel mehr aus sich machen. Doch oft müssen erstmal ganz andere Probleme gelöst werden, sagt Gudrun Hersebrock:

"Also wenn man keine Wohnung hat oder Gerichtsprozesse oder was auch immer hat, dann kann man sich nicht auf Schule konzentrieren Da muss erstmal Ruhe reinkommen, weil wenn man diese Ruhe nicht hat, kann man auch nicht lernen."

Eingang der Tages- und Abendschule TAS in Köln (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)Eingang der Tages- und Abendschule TAS in Köln (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Darum – und das ist das Besondere an der TAS – kümmern sich neben den 61 Lehrern 30 Sozialpädagogen um die Schüler. Sie sind für die Schüler da, hören sich ihre Probleme an, reden mit Familienangehörigen, mit Ämtern, halten den Kontakt auch über die Schulzeit hinaus, betreuen die Schüler, wenn die zum Beispiel eine Ausbildung anfangen. Und vermitteln, wenn es Probleme gibt im Betrieb.  

"Manche sind alleine, manche hatten eben nie ein Elternhaus, dass sich um sie kümmert. Dann haben sie hier jemanden, dem sie das sagen können, was sie für Probleme haben und der setzt sich dann wiederum für sie ein. Und das ist dann das, was die in Ausbildung hält. Dass einfach die Probleme, die da entstehen – und es entstehen ja an jedem Arbeitsplatz irgendwo Probleme. Da hilft einem ein anderer bei, die erstmal zu bewältigen."

Erklärt Marie-Theres Homann. Diese Betreuung während der Zeit an der TAS und auch noch danach zahlt sich aus. 70 Prozent der Schüler schaffen einen Abschluss und haben zugleich eine Anschlussperspektive, fast die Hälfte davon auf dem ersten Arbeitsmarkt. Zehn Prozent machen einen weiteren Abschluss auf der TAS oder gehen auf eine andere weiterführende Schule.

Manche starteten noch richtig durch, erläutert Marie-Theres Homann. Die sozialpädagogische Betreuung sei eine echte Erfolgsgeschichte, in die die Schule viel investiere. Denn nur einer der 30 Sozialpädagogen wird vom Land finanziert. Alle anderen über Drittmittel, die ständig neu eingeworben werden müssen, immer befristet sind und einen hohen bürokratischen Aufwand mit sich bringen.

Aber die Arbeit lohne sich, ist Gudrun Hersebrock überzeugt:

"Wenn wir die Zeugnisse verteilen, ich bewundere manche Schüler wirklich. Wenn die tagsüber arbeiten und abends zur Schule gehen, das heißt, die haben ja viel weniger Zeit und viel größere Probleme, das ist schon eine tolle Leistung, wenn die das schaffen."

Mehr zum Thema

Lehrlinge verzweifelt gesucht - Was tun gegen den Azubi-Mangel?
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 08.09.2018)

Hamburg-Billwerder - Deutschlands größte Flüchtlingssiedlung
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 03.08.2018)

Zeitfragen

Digitaler BlackoutWenn die Welt plötzlich offline ist
Globus und Fiberkabel-Optik (Illustration) (imago stock&people)

Keine E-Mails, keine Notrufe, kein Strom, kein Trinkwasser: Ein längerer Totalausfall des Internets könnte die Welt ins Chaos stürzen. Wie gut wären wir auf einen solchen Fall vorbereitet? Und wie realistisch ist die Gefahr eines globalen Internetcrashs?Mehr

KlimawandelKlimabewusstsein schaffen! Nur wie?
In Paris demonstrieren Menschen dafür, den Klimaschutz zu verstärken. (AFP)

Um wenigstens die schlimmsten Folgen des Klimawandels noch abzuwenden, müssten alle ihr Verhalten verändern. Doch wie sensibilisiert man Menschen für diese Notwendigkeit? Mehr Information und Aufklärung hilft jedenfalls nicht, hat eine Studie festgestellt. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur