Tagebücher verfolgter Juden

So tragisch, so literarisch wie bei Anne Frank

Von Renate Maurer · 19.01.2018
Das Tagebuch der Anne Frank gehört zu den bekanntesten Zeugnissen verfolgter Juden im Nationalsozialismus. Doch neben ihr schrieben Hunderte anderer junger Juden über ihre Erlebnisse während der NS-Zeit - und ihre Zeitzeugnisse sind nicht minder erschütternd.
Am Tag des Verrats und der Verhaftung der Familie Frank in ihrem Versteck in Amsterdam, am 4. August 1944, wurden die Tagebücher der 15-jährigen Anne gerettet. Als erstes erschütterndes Zeitdokument über die Judenverfolgung aus der Perspektive eines Kindes fanden sie Millionen von Lesern.
Neben Anne Frank schrieben Hunderte jüdische Teenager und junge Erwachsene über ihre Erfahrungen als Gedemütigte und Gejagte des NS-Regimes. Ihre Aufzeichnungen blieben jedoch fast alle jahrzehntelang unentdeckt, ungelesen, unveröffentlicht. Unter den in den letzten Jahren publizierten Tagebüchern finden sich Kostbarkeiten, die nicht weniger tragische Schicksale spiegeln: Ohnmacht, Verzweiflung, erste Verliebtheit neben Todeserwartung, unbändigem Überlebenswillen und einer tief beeindruckenden Seelenstärke.
Faksimile des Tagebuchs der Anne Frank, herausgegeben vom Anne-Frank-Museum in Amsterdam
Faksimile des Tagebuchs der Anne Frank, herausgegeben vom Anne-Frank-Museum in Amsterdam© picture-alliance/ dpa
Zum Beispiel die Aufzeichnungen von Edith Velmans-van Hessen. Sie wurde 1925 in Den Haag geboren wurde und war mindestens so lebhaft und extrovertiert wie Anne Frank. Ihre Erlebnisse veröffentlichte sie erst 1997 - eine Mischung aus Tagebuchauszügen, Erinnerungen und Briefen. Das Buch erschien in Amsterdam und zwei Jahre später auch in Wien. Ähnlich wie Anne erlebt Edith die deutsche Besetzung lange als Abenteuer. In einem Eintrag vom 3. Mai 1942 heißt es:
"Wir tragen alle unsere Sterne. Es bringt mich dauernd zum Lachen. Man hört die ulkigsten Dinge darüber, und die Witze machen noch schneller die Runde, als die Gerüchte. Die Leute, die Sterne tragen, werden auf der Straße gegrüßt. Die Herren ziehen den Hut und man bekommt allerlei aufmunternde Bemerkungen zu hören. Es ist toll."
Doch nur ein paar Monate später verschwindet der muntere Ton aus Ediths Tagebucheinträgen, denn die Judenverfolgung in den Niederlanden nimmt zu. Ihr Bruder engagiert sich im Widerstand, ihre Mutter liegt mit einem Beckenbruch im Krankenhaus, ihr Vater hat eine Kieferoperation vor sich. Edith versteckt sich bei einer anderen Familie als Haushaltshilfe.

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