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Religionen | Beitrag vom 04.11.2018

"Tag der Toten" in MexikoTrauer und Tanz auf den Gräbern

Von Øle Schmidt

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Musiker mit Totenkopfmasken. (picture alliance/ZUMA Press/Richard Ellis)
Die Toten bitten zum Tanz - Mariachi-Band bei einem festlichen Umzug für die Verstorbenen beim "Dia de los Muertos" in Mexiko. (picture alliance/ZUMA Press/Richard Ellis)

Blumengirlanden, Trompetenmusik und tanzende Skelette: Am "Tag der Toten" feiern die Menschen in Mexiko ihre Verstorbenen. Und immer mehr huldigen Santa Muerte, der Heiligen Frau Tod, einer düsteren Variante der Mutter Maria.

Der beschauliche Friedhof des kleinen Ortes San Juan Chamula gleicht am Tag der Toten einem Tollhaus. Die Gräber sind mit der rötlichen Erde der Region aufgeschüttet, übersät mit duftenden Piniennadeln, inmitten eines bunten Blumenmeers. Hunderte Besucher lachen und weinen, trinken Hochprozentiges und rauchen. Manche schreien gegen die ohrenbetäubende Musik an. An jeder Ecke spielt eine Band, als sei es der letzte Tag. Mehrstimmiger Gesang verbreitet leidenschaftliche Tristesse und unerhörte Lebenslust.

Abraham Gómez Vázquez: "Wenn wir zum Friedhof gehen, nehmen wir Blumen mit, Orangen und Limonaden, Teigtaschen mit Bohnen und Kerzen. Dann beten wir und rufen Chulel an, den großen Geist, damit unsere Ahnen nach Hause kommen, und entgegennehmen, was wir für sie vorbereitet haben. Ich komme aus San Juan Chamula, ich bin Fotograf und 41 Jahre alt."

Ein Blumenteppich für die Ahnen

Der Día de los Muertos, der Tag der Toten, ist einer der wichtigsten Feiertage Mexikos. Im ganzen Land wird er vom 31. Oktober bis zum 2. November begangen. Im indigenen Süden mit besonders viel Herzblut. Hier ist der Tag der Toten eine Familienangelegenheit, ein mehr als tausend Jahre altes spirituelles Ritual, das maßgeblich von den Azteken geprägt worden ist. Zunächst säubern die Familienmitglieder das Haus, und verteilen auf der Straße davor bunte Blumen, damit die Ahnen auf ihrer Reise aus dem Jenseits die richtige Ausfahrt nehmen.

Vázquez: "Meine Großeltern sagen, dass die Ahnen ein oder zwei Tage im Jahr frei haben, um zu ihren Familien zurückzukehren, und Gaben in Empfang zu nehmen. Ich weiß nicht, von welchem Ort sie kommen, ob es einen Himmel oder eine Hölle gibt."

Frau mit als Totenkopf geschminktem Gesicht. (picture alliance/Gerardo Vieyra/dpa)Verkleidete Frau auf dem Festumzug zum "Tag der Toten". (picture alliance/Gerardo Vieyra/dpa)

Abraham trägt eine traditionelle Weste aus weißem Schafsfell, seine Haut ist dunkel, in seinem Blick liegt etwas Sanftes. Als ältester Sohn leitet er das Ritual. Er trennt die orangefarbenen Blüten von den Blumen, und verteilt sie auf den Gräbern der Ahnen. Darauf legt er Colaflaschen und geviertelte Früchte. Schnapsgläser klirren beim Anstoßen, Liedzeilen werden inbrünstig mitgesungen. Niemand stört sich daran, dass alle kreuz und quer über die Gräber laufen, und dass der Getränkeverkäufer auf dem Friedhof das Geschäft seines Lebens macht.

Klagegesänge auf dem Friedhof

Abrahams Großmutter sitzt versunken an einem Grab und betet. Mit ihrem monotonen Klagegesang trauert sie um den Verlust, und zeigt den Ahnen ihre Liebe. Auf dem Wiedersehensfest mit ihren verstorbenen Verwandten versöhnen sich die Lebenden mit dem Tod, der Tod wird Teil des Lebens. Denn auch wenn sich die dahingeschiedenen Verwandten nach den Festtagen wieder auf den Weg ins Totenreich machen – im nächsten Jahr kehren sie zurück. Obwohl die Ahnen nirgendwo auf dem Friedhof zu sehen sind, zweifelt Abraham nicht an ihrer Anwesenheit.

Vázquez: "Wenn wir ein Glas Wasser oder Schnaps auf den Tisch stellen, ist am nächsten oder übernächsten Tag weniger Flüssigkeit in dem Glas. Das bedeutet, dass die Seelen gekommen sind. Oder wir haben dieses sehnsüchtige Gefühl, mit dem man eine Person erwartet. Manchmal zeigen uns auch der Wind oder der Regen an, dass unsere Ahnen bei uns angekommen sind."

Die Hommage an die Todesgöttin Santa Muerte, die Heilige Frau Tod, wird hier im Armenviertel Tepito an jedem CD-Stand angeboten. Der riesige Markt in dem kleinen Viertel von Mexiko-Stadt ist im ganzen Land bekannt. Statuen von Santa Muerte sind an diesem Mittag besonders gefragt, nur zwei Häuserblocks entfernt wird die allmonatliche Prozession zu Ehren der Volksheiligen begangen. Es ist ein prähispanischer Kult, der sich nach der Invasion von Kolumbus mit christlichen Ritualen vermischt hat.

"Gott schützt uns, Frau Tod erwartet uns"

Enriqueta Romero: "Ich habe einen starken Glauben an den Tod, ich mag ihn sehr. Gott steht für mich immer an erster Stelle, keine Religion hat mehr als einen Gott. Es gibt nur einen Gott und es gibt nur einen Tod. Gott liebt und beschützt uns, der Tod wartet auf uns. Ich bin 70 Jahre alt, ich glaube an die Heilige Frau Tod, und leite den Schrein hier in Tepito."

Die inoffizielle Weltzentrale der Santa-Muerte-Bewegung ist ein schmuckloses kleines Haus mit fleckiger Fassade und Flachdach. Oben befindet sich ein Lagerraum, unten ein Laden mit Heiligenfiguren. Daneben steht ein Schrein – ein Schaufenster mit einer überlebensgroßen Santa Muerte in flackerndem Neonlicht. Enriqueta Romero ist wach und vital, sie hat volles schwarzes Haar und trägt eine karierte Küchenschürze. Sie spricht die Sprache der Straße und findet, dass die Todesgöttin den Lebenden eine Menge zu bieten hat.

Romero: "Sie ist ein Balsam der Heilung. Es kommen so viele Menschen mit einem starken Glauben hier her. Vor dem Altar empfangen sie dann Kraft, und gehen zufrieden wieder weg. Und wir brauchen diese Kraft, denn wir leben in beschissenen Verhältnissen, und müssen hart arbeiten, um unsere Söhne im Gefängnis zu unterstützen."

Die makabere Maria macht vielen Menschen Hoffnung

Gott macht die Wunder, sagt Enriqueta Romero, und Santa Muerte gibt die tägliche Unterstützung. Dann nimmt sie das Mikrofon vom Tisch und eröffnet die Prozession, so wie an jedem ersten Tag eines Monats. Die Bewegung um Santa Muerte wächst schnell. Mittlerweile zählt sie bis zu zehn Millionen Anhänger, vor allem in Mexiko und den USA. Es ist einer der am schnellsten wachsenden Kulte weltweit. Mehr als tausend Menschen strömen zur Prozession. Einige rutschen sich auf dem harten Asphalt die Knie blutig. Andere tragen ihre großen Santa-Muerte-Statuen bis zum Schrein.

Die Skelettfrau, die sie ehren, trägt ein rotes Kleid, auf ihrer Perücke sitzt eine goldene Plastikkrone. Sie sieht aus wie die makabere Umkehrung der Mutter Maria. Mittlerweile hat der Sohn von Enriqueta Romero das Mikrofon übernommen. Alle beten sie mit, die meisten mit geschlossenen Augen: die geschiedene Frau und der Obdachlose, der verarmte Rentner und der Kleindealer, die Frau, die früher mal ein Mann war, und mittendrin: Enriqueta Romero. Sie alle verbindet, dass es irgendwann nicht mehr so weiterging in ihrem irdischen Leben, und dass es für sie als Randständige keinen Platz im katholischen Heilsangebot gab.

Romero: "Seit vielen tausend Jahren leben wir Mexikaner mit dem Tod. Für uns ist er immer präsent – anders als bei Euch. Eines ist klar: Wir werden geboren, wir sterben – und dann ist es aus. So lange Du Dein Leben noch hast, lebe es! Aber lebe es intensiv! Sei jeden Tag glücklich, lass nicht einen Moment, eine Sekunde des Glücks, verstreichen. Ob du nun verheiratet bist, oder einen Liebhaber hast, ob du alleine bist oder schwul: Lebe jeden verdammten Augenblick!"

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