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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 04.06.2016

Tag der OrganspendeKein Herz für andere?

Moderation: Gisela Steinhauer

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Ein Mann in grüner OP-Kleidung trägt einen Styropor-Behälter für den Transport von Spenderorganen an einem Operationssaal vorbei. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Ein Spenderorgan wird in einem keimfreien Behälter in ein Transplantationszentrum zum Patienten transportiert. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil es kein passendes Spenderorgan für sie gibt. Dennoch verharrt die Zahl der Spender auf historisch niedrigem Niveau. Wir sprechen mit dem Transplantationsmediziner Johann Pratschke und dem Autoren David Wagner über die Ursachen.

Es ist eine Frage, die viele lieber verdrängen: Wollen wir unsere Organe spenden oder nicht? Die Skandale in den Transplantationskliniken haben diese Zurückhaltung noch verstärkt. Die Folge: Die Spenderzahlen verharren nach wie vor auf einem historisch niedrigen Niveau. Wurden 2011 noch 1.200 Spender registriert, waren es 2015 gerade noch 877. Damit verringert sich auch die Chance der erkrankten Patienten, ein lebenswichtiges Organ zu erhalten. Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, die auf der Warteliste standen. Darauf macht auch der heutige "Tag der Organspende" aufmerksam. 

"Man muss es ganz klar sagen: Die Patienten sterben häufiger als vor dem Skandal", sagt Prof. Dr. Johann Pratschke, seit 2014 Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie an der Charité Berlin. Zuvor leitete er die Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum Innsbruck. "In Deutschland waren wir nie Weltmeister, das sind die Spanier, die Kroaten oder die Österreicher."   

"Wollen wir die Transplantationen überhaupt?"

Ihn beschäftigt der Vertrauensverlust in Deutschland sehr, denn er wird täglich mit Patienten konfrontiert, die auf der Warteliste stehen. "Ich denke, wir brauchen eine gesellschaftliche Diskussion, inwieweit die Akzeptanz vorhanden ist für dieses System." Und er spitzt die Frage zu: "Wollen wir die Transplantationen überhaupt?"

Ihn interessiert aber auch: "Was sind die Ängste, warum man nicht spendet und weshalb man nicht transplantiert werden will. Was sind die Ängste, es nicht zu machen?"

"Ich hatte Glück, ich durfte weiterleben"

"Ich denke oft, dass ich weiterlebe, weil ich etwas von jemandem bekommen habe, der gestorben ist", sagt David Wagner. Der 1971 geborene Schriftsteller litt in seiner Jugend an einer Autoimmunerkrankung, die seine Leber derart zerstörte, dass ihm 2007 eine Spenderleber transplantiert werden musste. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch "Leben" beschrieben. "Ich hatte Glück, ich durfte weiterleben. Daraus scheint eine gewisse Verpflichtung zu erwachsen. Jemand ist gestorben und war so großzügig, seine Organe zur Verfügung zu stellen, oder die Familie hat das entschieden. Das ist eine Großzügigkeit, die einen erst einmal ratlos macht. Wie soll ich mich bedanken? Was kann ich da dagegensetzen? Das ist ein völlig asymmetrisches Verhältnis. Selbst wenn ich wüsste, wer der Mensch war oder wer seine Hinterbliebenen sind – ich kann ja nicht hingehen und Danke sagen. So funktioniert das leider nicht."  

Warum tun wir uns so schwer mit der Organspende? Darüber diskutiert Gisela Steinhauer am Samstag, den 4. Juni von 9:05 Uhr bis 11 Uhr mit dem Transplantationsmediziner Johann Pratschke und dem Autor David Wagner. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de und auf Facebook und Twitter. 

Informationen im Internet: 
Über Johann Pratschke: http://chirurgie.charite.de/klinik/spektrum_und_schwerpunkte/transplantation/
Zur Organspende: http://www.dso.de/

Literaturhinweis:

David Wagner: Leben
Rowohlt-Verlag, Reinbek 2013
288 Seiten, 9,99 Euro

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