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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.10.2011

Täter, Opfer und Verräter zugleich

Willem Frederik Hermans: "Das heile Haus", Aufbau Verlag, Berlin 2011, 126 Seiten

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Hermans schildert den Krieg in kargen, geradezu verstümmelten Dialogen. (picture alliance / dpa)
Hermans schildert den Krieg in kargen, geradezu verstümmelten Dialogen. (picture alliance / dpa)

In seiner 1952 erschienenen Novelle beschreibt der niederländische Schriftsteller Willem Frederik Hermans einen holländischen Partisanen, der im Zweiten Weltkrieg zwischen deutsche und russische Fronten gerät. Stilistisch vermischt er harte Kriegsrealistik mit absurdem Theater.

Der Ruhm von Willem Frederik Hermans (1921-1995) wuchs auch hierzulande, als vor zehn Jahren sein paranoides Meisterwerk "Die Dunkelkammer des Damokles" übersetzt wurde. Jetzt erscheint "Das heile Haus" aus dem Jahr 1952 – ein Beitrag zur Literatur des Partisanen.

Ein namenloser Ich-Erzähler auf den Bloodlands des Zweiten Weltkriegs. Zu seinem Marschgepäck gehört keine wohlverschnürte Identität, keine Vergangenheit, die gut in der Hand liegt wie eine Granate. Dieser Holländer ist ein weiterer Niemand in der Literatur der Moderne, Mitglied einer Einheit aus ungarischen, rumänischen, bulgarischen Soldaten.

Er gerät in einen umkämpften Kurort. Zwischen Trümmern: eine Villa, verlassen und unversehrt. Nach drei Jahren, in denen der Partisan in Baracken, Güterwagen oder im Gefängnis genächtigt hat, ist er gebannt von den unwirklichen Kulissen der Wohnlichkeit. Es gibt Hirschköpfe an der Wand und einen Konzertflügel. In der Hausbibliothek findet er wissenschaftliche Werke in deutscher Sprache, alle zum gleichen Thema: Fische. "Endlich hatte ich etwas über den entdeckt, der dieses Haus eingerichtet hatte. Ein Fischliebhaber!"

Als die Deutschen den Ort zurückerobern, gibt sich der Partisan als "Sohn des Hauses" zu erkennen. Er habe nichts einzuwenden gegen die Einquartierung einiger Offiziere: "Ich gratuliere der deutschen Armee, dass sie uns so schnell befreit hat… Heil Hitler." Es gibt ein geheimnisvolles verschlossenes Zimmer. Darin hat sich ein uralter Mann mit seinen Aquarien und einem Haufen Fischfutter verschanzt. Er will die Sammlung, sein Lebenswerk, über den Krieg retten und redet den Partisanen beflissen mit "Herr Hauptmann" an. "Verrückte erschieße ich auf der Stelle", entgegnet der – und hat dann eine bessere Idee.

Bald wird der Ort erneut von den "Bolschewisten" eingekesselt; der Partisan muss rasch die Seiten wechseln. Das "heile Haus" ist die längste Zeit heil gewesen. Die Eroberer halten bei ihrer Orgie der Verwüstung Weinpokale in den Händen – gefüllt mit tropischen Fischen. Die Novelle kreuzt zwei Formen der Zeit um 1950: die harte Kriegsrealistik und das absurde Theater. Die karge, in den Dialogen geradezu verstümmelte Sprache entspricht den äußeren und inneren Verheerungen.

In der Dürre steckt hier aber eine Kraft, die sich bisweilen auch in der schlagkräftigen Bildlichkeit artikuliert: "Ein Deutscher kam heraus und rannte zur Straße. Ich erschoss ihn. Auch einen zweiten, einen dritten, einen vierten. Sie krümmten sich wie Schmetterlinge, die aufgespießt werden, ich erstach sie mit einer zweihundert Meter langen Nadel."

Hermans hat die heroischen Konventionen des Kriegsromans früh aufgebrochen. In seinen Romanen von Kollaboration und Widerstand sind die Menschen Täter, Opfer und Verräter zugleich – womit er seine niederländischen Zeitgenossen heftig vor den Kopf stieß. "Das heile Haus" ist eine Parabel über das "sadistische Universum", wie die philosophisch-poetologische Grundformel dieses Autors lautet. "Schöpferischen Nihilismus, völlige Misanthropie, aggressives Mitleid" hat er als Grundzüge seines Weltbilds bezeichnet.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Willem Frederik Hermans: Das heile Haus
Novelle. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert
Nachwort von Cees Nooteboom
Aufbau Verlag, Berlin 2011
126 Seiten, 16,99 Euro

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