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Im Gespräch | Beitrag vom 11.09.2020

Tänzer und Choreograf Raimund HogheDer Porträtist mit dem eigenen Körper

Moderation: Britta Bürger

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Der Tänzer und Choreograf Raimund Hoghe auf der Bühne (Rosa Frank)
Es sei nicht damit getan, auf der Bühne "eine schöne Bewegung" zu machen, meint der Choreograf und Tänzer Raimund Hoghe. (Rosa Frank)

1,54 Meter, Rückgratverkrümmung, erster Auftritt mit über 40 Jahren: Dem Klischeebild eines Tänzers entspricht Raimund Hoghe nicht. Früher war sein Medium das Wort, jetzt ist es sein Körper. Im Oktober erhält Hoghe den Deutschen Tanzpreis.

"Ich bin gegen Grenzen", sagt Raimund Hoghe, "in verschiedensten Bereichen. Auch gegen geografische Grenzen. Oder auch diese Kategorien: alt, jung, behindert, nicht-behindert."

Damit sind einige zentrale Aspekte der Arbeit des Tänzers und Choreographen auf den Punkt gebracht. Immer wieder setzt sich der 71-Jährige auf der Bühne mit politischen Themen auseinander - ob das die Lage der Geflüchteten in Europa ist, wie in "Postcards from Vietnam", oder den Umgang mit der Aids-Epidemie Anfang der 1990er-Jahre, die er in seinem ersten Stück "Meinwärts" mit dem Leben des jüdischen Tenors Joseph Schmidt während der Nazi-Zeit verbindet.

Die Verbindung von Schönheit und Realität

Genau hinzusehen – das ist sein Ansatz, im Tanz wie im Alltag. Bei der Lage der Welt sei es nicht damit getan, "eine schöne Bewegung" zu machen. "Mir ist das nicht egal! Mir ist nicht egal, wenn das Flüchtlingslager brennt und die Menschen im Mittelmeer ertrinken!" Kunst und Leben lassen sich deshalb für ihn nicht trennen. Es geht um "die Verbindung von der Schönheit, auch der Schönheit in der Musik, und eben auch der Realität", die er mit seinem Körper auf die Bühne bringt.

Der Tänzer und Choreograph Raimund Hoghe (Rosa Frank)Raimund Hoghe arbeitete als Journalist und Dramaturg, bevor er Tänzer wurde. (Rosa Frank)

Mit einer sichtbaren Rückgratverkrümmung und eher geringen Körpergröße entspricht der Künstler dabei nicht dem Bild, das man gemeinhin von einem Tänzer im Kopf hat. "Mein Körper ist auch stellvertretend da für andere Körper, die nicht vorkommen", sagt der gebürtige Wuppertaler.

Auszeichnung für einen Tänzer jenseits der Norm

In anderen Ländern, allen voran in Frankreich, aber auch in England, Norwegen, Portugal oder den USA ist Raimund Hoghe längst als Tänzer und Choreograf bekannt. In Deutschland dauerte es etwas länger. Das mag auch damit zu tun haben, dass er hierzulande über Jahrzehnte vor allem als Journalist wahrgenommen wurde. Es sei aber auch möglich, dass man sich in Deutschland etwas schwerer tue, seinen Körper, der sich jenseits der Norm bewegt, auf der Bühne zu sehen.

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"Manche Leute, manche Veranstalter werden nicht gerne mit den eigenen Schwächen konfrontiert, mit dem eigenen Körper, mit dem Alter. Das sind alles Themen, die bei mir eine Rolle spielen. Und wenn man dann nicht hinschauen will, ist das natürlich schwer bei mir. Ich bin auf der Bühne und es ist da."

Doch auch hierzulande weiß man mittlerweile, was man an dem ungewöhnlichen Tänzer hat. Im Oktober wird ihm in Essen der Deutsche Tanzpreis verliehen.

Die Sehnsucht nach einer schöneren Realität

In schwierigen finanziellen Verhältnissen als uneheliches Kind einer alleinerziehenden Mutter im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, bekam Raimund Hoghe durch seine Familie früh einen Einblick in die Welt jenseits der Piefigkeit der 1950er-Jahre. Davon und von der Stärke seiner Mutter zehrt er bis heute.

Sein Großvater ging noch mit 80 Jahren beinah täglich ins Kino und las nachts mit dem Vergrößerungsglas Zeitung, die Mutter hatte ein Abo für das Theater in Wuppertal: "Es war immer die Sehnsucht da nach einer schöneren Realität."

"Das Medium ist jetzt der Körper"

Über 20 Jahre war Raimund Hoghe Journalist für die Wochenzeitung "Die Zeit". Neben Berühmtheiten wie Bruno Ganz, Freddy Quinn oder Rex Gildo, die er porträtierte, interessierte er sich auch hier vor allem für diejenigen, die selten gesehen werden, wie etwa eine Toilettenfrau in Wuppertal oder eine Sängerin in einem Berliner Gasthaus. Zehn Jahre war er Dramaturg bei Pina Bausch, die er ebenfalls über seine journalistische Arbeit kennengelernt hatte. Anfang der 1990er-Jahre, mit über 40, trat er erstmals selbst als Tänzer und Choreograf auf. Ein völlig anderer Job war das für ihn nicht: "Das Verbindende ist das Interesse am Menschen."

Im Grunde mache er immer noch Porträts, nur eben auf der Bühne: "Das Medium ist jetzt der Körper und vorher war es das Wort."

(era)

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