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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 26.10.2013

Täglich Premiere, stündlich Abwechslung

Eine Lange Nacht über die Geschichte des deutschen Rundfunks

Von Meinhard Stark

Das Voxhaus mit dem Schriftzug der Plattenfirma Vox (circa 1923). Hier stand der erste reguläre Rundfunksender Deutschlands. (Deutsches Rundfunkarchiv DRA)
Das Voxhaus mit dem Schriftzug der Plattenfirma Vox (circa 1923). Hier stand der erste reguläre Rundfunksender Deutschlands. (Deutsches Rundfunkarchiv DRA)

"Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Voxhaus auf Welle 400. Meine sehr verehrten Damen und Herren. Mit dem heutigen Tage, dem 29. Oktober 1923, beginnt die Berliner Sendestelle Voxhaus mit dem deutschen Unterhaltungsrundfunk." Das war der Start des deutschen Rundfunks.

Seit jener Zeit sind Hunderttausende Hörfunkaufnahmen produziert, gehört und archiviert worden. Diese historischen Tondokumente sind Teil unseres kulturellen und medialen Gedächtnisses. Sendeprogramme und -gestaltung, Sprache, Töne und Geräusche vermitteln ein besonders authentisches Kolorit vergangener Zeiten.

Und die hatten es in sich: Aufstieg in der Weimarer Republik, Instrumentalisierung durch die NS-Führung, Ost und West im Rundfunkkrieg, Koexistenz und Wiedervereinigung des deutschen Hörfunks.

Lehnen Sie sich zurück und lauschen Sie sich mit uns in die Vergangenheit. Wir spielen - für Sie - mit den Geheimnissen des Radios und seiner ungebrochenen Faszination.

Achtung, Achtung hier ist die Sendestelle Berlin!

"Achtung, hier ist Sendestelle Berlin Voxhaus"
Kalenderblatt

Auszug aus dem Manuskript:

Kurt Magnus, der erste Geschäftsführer der Reichsrundfunkgesellschaft, in der sich Mitte der zwanziger Jahre alle regionalen Sender zusammengeschlossen hatten, erinnert sich 1948 daran, wie alles anfing:

Kurt Magnus zum 25-jährigen Bestehen des deutschen Rundfunks, 1948:
Die Mitwelt empfand den Rundfunk zunächst als ein technisches Wunder. Was damals gesendet wurde, war weniger wichtig. Man genoss, dass man gleichsam aus dem Nichts Töne und Worte hörbar machen konnte. Die Zeit der Funkbastler setzte ein. Zu Zehntausenden und Hunderttausenden bauten sich begeisterte Amateure selbst ihre Empfangsgeräte. Neben sie trat die Funkindustrie. Ihre Apparate waren erst mit Kopffernhörern versehen, dann erschienen Lautsprecher auf dem Markt, zunächst noch fauchend und kreischend, aber allmählich besser werdend. Damit wurde das technische Wunder zum technischen Phänomen.

Auszug aus dem Manuskript:

Walter Roller, Rundfunkhistoriker und ehemaliger Mitarbeiter des Deutschen Rundfunkarchivs in Frankfurt/Main

Die Reichsrundfunkgesellschaft beginnt Ende der zwanziger Jahre mit der Archivierung eigener Aufnahmen. Es gab schon früher Aufnahmen der Plattenindustrie: Schlager, Sinfoniekonzerte, Kammermusik.
Aber es existiert anfänglich noch kein Archiv der Eigenaufnahmen.

Archiviert wird vor allem das, was aus dem Alltag hervorsticht.
Das Jahr 1932 ist das Jahr mit Millionen Arbeitslosen. Es ist aber auch das Goethejahr.
Zu den Tücken der Archivierung meint der Rundfunkhistoriker Walter Roller:

Walter Roller: Diese Archivierung nach dem Ereignischarakter hat vor allem den Nachteil, dass periodisch wiederkehrende Meldungen, (...) dass die einfach verschwinden, weil die niemand als wichtig erachtet hat. (...)
Das alles kann man heute (...) in Form von Archivierungen des Rundfunks nicht darstellen, weil das jedermann als Alltag betrachtet hat. Als Alltag: Man sieht eben diese Schlangen, man sieht die Arbeitslosigkeit, man sieht die verhärmten Kinder, man sieht die Leute, die keine Arbeit haben und auf Arbeit warten.
Das Goethejahr das war nur einmalig, das war im Jahr 1932. Das gibt es ne ganze Reihe von Tonaufnahmen: Goethe und Skandinavien, Goethe und England, Goethe und Spanien usw. Während eben die Fragen der Wirtschaftskrise, das war eben dann der Alltag. Man hat es jeden Tag gesehen. Und das war eben nicht interessant.

Deutsches Rundfunkarchiv in Frankfurt/Main und Potsdam/Babelsberg

Auszug aus dem Manuskript:

Hans Bredow, 1930: Täglich Premiere, stündlich Abwechslung, geistige und künstlerische Arbeit am laufenden Band, ohne Ruhe und Rast. (...) 28 Rundfunksender senden ihre Wellen aus. 30.000 Mitwirkende müssen jährlich herangeholt, Tausende von Proben durchgeführt, Berge von Manuskripten bearbeitet werden, um den Millionen von Hörern deutscher Rundfunkprogramme täglich etwas zu bieten.

So Hans Bredow, erster Reichsrundfunkkommissar in Deutschland und einer der maßgeblichsten Hörfunkpioniere, am 5. Jahrestag des Bestehens der Reichsrundfunkgesellschaft im Jahr 1930. Zu diesem Zeitpunkt verfügen schon mehr als drei Millionen Haushalte über einen Radioempfänger. Insgesamt rechnet man mit annähernd 10 Millionen Hörerinnen und Hörern.

Das Resümee über die ersten zehn Jahre Hörfunk klingt bei Hans Bredow, dem Rundfunkpionier der Weimarer Republik, nahezu euphorisch:

Hans Bredow": Radio ist in Deutschland gerade in einer Zeit der tiefsten seelischen und wirtschaftlichen Not wie ein befreiendes Wunder begrüßt worden und wird hier als ein Kulturfaktor betrachtet, dessen Auswirkungen auf das kulturelle, politische und wirtschaftliche Leben nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Zum ersten Mal seit der Erfindung der Buchdruckerkunst durch den Deutschen Gutenberg ist eine neue Möglichkeit geschaffen, geistige Güter gleichzeitig zu übermitteln. Und es ist verständlich, dass der nach geistiger Nahrung hungernder Teil der Menschheit sich in Massen zum Radio drängt."

Auszug aus dem Manuskript:

In den Rundfunküberlieferungen der beiden deutschen Staaten gibt es für die Jahre ab 1973 nicht wenige Sendungen über solche Themen wie: Urlaub und Freizeit, Jugend und Sex und nicht zuletzt über die friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989. Da findet sich Alltägliches, Nachdenkliches aber auch Skurriles.

Historisch und kulturell interessant sind selbst Tondokumente aus jüngster Zeit. So manches, was erst zehn Jahre zurückliegt, ist aufgrund der Schnelllebigkeit wieder völlig aus dem Bewusstsein entschwunden oder scheint bereits Jahrzehnte zurückzuliegen.

Doch zunächst ein quasi radiogeschichtlicher Exkurs über eine deutsch-deutsche Gemeinsamkeit, die immerhin von 1946 bis zur deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 existierte.

Klaus Börner: "Die berühmte Wendeltreppe im RIAS. (...) Vom Haupteingang ging man rauf bis in den fünften Stock. Und dann kommen wir hier gleich über den Balkon, der war früher offen. Und das war der berühmte Weg in den Monitor. Das hat insofern auch eine bestimmte Funktion. Wir haben damals Schicht gearbeitet über lange Zeit. Also das Programm wurde rund um die Uhr beobachtet. Und man kann von hier aus jetzt rübersehen. Wir sehen hier das Dach, und einige Dachgauben hier, einige Dachfenster. Und da verbarg sich der Monitor hinter."

Monitor steht für die RIAS "Redaktion Monitor". Diese hörte rund um die Uhr den ostdeutschen Rundfunk ab und schnitt wichtige Sendebeiträge mit.
Klaus Börner war 18 Jahre Mitarbeiter dieser Redaktion.

Auch in Ostberlin richtete man eine ähnliche Abteilung mit der gleichen Aufgabe ein. Ihr Name lautete ebenfalls "Redaktion Monitor". Karl Obermanns gehörte ihr seit 1982 an.

Karl Obermanns: "Im DDR-Rundfunk, das was überliefert ist, ist von 1947, die frühesten Aufnahmen. Und geendet hat die Redaktion - die hat bestanden bis Ende 1990. (...) Hier beim Hörfunk ist es nicht so einfach, weil Sendungen verschiedener Provenienzen, also vom RIAS vom Deutschlandfunk, vom Sender Freies Berlin oder von der Tagesschau auf Bändern montiert sind, und die Arbeit kann sich niemand machen, das auseinander zu schneiden und dann neu zusammen zu cuttern für die Anstalten. Gucken wir nach der letzten Sendung. (...) Ja. Gucken wir mal. Ja, die letzte Sendung ist vom 1. Oktober 1990, mitgeschnitten beim Zweiten Deutschen Fernsehen."

Klaus Börner: "Wir haben angefangen frühmorgens mit einer Zuarbeit für unsere Nachrichtenredaktion, die also Auslandsmeldungen oder überhaupt Meldungen betraf, neuesten Datums. (...) Man sollte vielleicht dazusagen, dass wir die Meldungen ungefähr eine halbe Stunde schneller gemacht hatten, als sie die Agenturen brachten. Und die andere Geschichte war, dass wir dann an normalen Tagen DDR-Rundfunk gehört haben, die Vormittagsprogramme. (...) Es gab dann eigentlich dann den Schwerpunkt ab 17 Uhr, 17.30 Uhr, die Zeiten haben sich ab und zu verschoben, wo dann das Abendprogramm, das eigentlich politische Nachmittags- und Abendprogramm gehört wurde, sowohl Rundfunk als auch Fernsehen."

Auszug aus dem Manuskript:

1923 ging der deutsche Hörfunk erstmals auf Sendung. Historische Tondokumente spiegeln einen Teil seiner Geschichte, seiner Auf- und Abschwünge. Die akustischen Überlieferungen sind zudem eine unersetzliche Facette unseres kulturellen Gedächtnisses. Aber auch heute kommt ständig Neues hinzu.
...

Radio ist seit geraumer Zeit wieder im Kommen. Immerhin beträgt die tägliche Hördauer im Durchschnitt fast 200 Minuten. Über 350 Hörfunkstationen in Deutschland mühen sich inzwischen um die Gunst der Hörerinnen und Hörer. Tausende Journalistinnen und Techniker, Redakteure, Autorinnen und andere Mitarbeiter engagierten sich für ein anspruchsvolles, aber auch unterhaltsames Programm. Mancher redet schon von einer Renaissance des Radios.
Wir arbeiten weiter dran!

Lange Nacht

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