Kunsttheoretiker Wolfgang Ullrich

Verliert die Kunst den Bezug zur Gesellschaft?

29:51 Minuten
Das Bild "Shot Sage Blue Marilyn" wird von zwei Arbeitern durch eine Galerie getragen.
Andy Warhols "Shot Sage Blue Marilyn" von 1964 wurde für 195 Millionen Dollar versteigert und ist damit das teuerste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Moderation: Thorsten Jantschek · 14.05.2022
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Auktionen für Superreiche, unverständliche Monumentalkunst in Galerien – es scheint, als habe die Gegenwartskunst sich längst von der wirklichen Welt, ja auch vom Publikum abgewandt. Nein, das ist nicht so, glaubt Kunsttheoretiker Wolfgang Ullrich.
Die Kunstwelt hat einen neuen Rekord: Andy Warhols Siebdruck „Shot Sage Blue Marilyn“ ist das teuerste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts. Bei einer Auktion in New York wechselte es für 195 Millionen US Dollar den Besitzer. Kunst wird zum Spiel für Superreiche, Museen können da schon längst nicht mehr mithalten, ikonische Werke des 20. Jahrhunderts verschwinden in privaten Sammlungen.
Aber selbst in ganz normalen Galerien kann es passieren – wie jüngst beim Berliner Gallery Weekend –, dass man sich vor einer riesigen Leinwand des Malers Günter Förg wiederfindet: dreieinhalb mal 13 Meter überwiegend graue Streifen. Für den Leipziger Kunsttheoretiker Wolfgang Ullrich hatte diese Art von Malerei immer schon einen elitären Gestus, ist ein Statussymbol für reiche Privatsammler oder große Unternehmen:
„Da ist ein Werk, das ausruft: ‚Ich will die ganze Wand für mich alleine haben. Ich will nicht verglichen werden. Ich will nicht Teil einer größeren Inszenierung sein. Ich will unverwechselbar, einzigartig, herausragend sein‘.“

Jenseits der Kunstautonomie

Für Ullrich hatte diese Kunst noch nie einen Bezug zur Gesellschaft, sondern war als autonome Kunst nur sich selbst gegenüber verpflichtet. Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass die Kunst im Ganzen sich von der realen Welt, dem normalen Publikum abgewandt habe, hält er für falsch. Ganz im Gegenteil: Die Zeit, da die Kunst sich unabhängig von Politik, Religion, Gesellschaft oder Moral erklärt hat, die Zeit der Kunstautonomie, sei vorbei.
Er beobachtet eine Öffnung der Kunst zur Politik und Moral einerseits, zum öffentlichkeits-wirksamen Konsum andererseits und sieht, dass „Künstlerinnen und Künstler inzwischen gerade auch ihren Followern, ihren Fans, Kunst-Artikel anbieten: Es können immer noch auch die bedruckten Kaffeetassen sein, aber wir sehen sehr oft eben dann doch auch Werke, die einen Kunstanspruch haben. Das sind Art-Toys, also Objekte, die man bei sich aufstellen kann. Das sind oft auch Dinge, die haben noch – zumindest vorgeschoben – eine Funktion als Türstopper oder Skateboard oder Surfbrett.“. Dass es hier zwei Welten geben könne, hier exklusive Kunst für elitäre Sammlerinnen und Sammler, dort Kunstnippes für die Massen, sieht Ullrich nicht.

Kunst, die nicht nur Kunst sein will

Aber hat es nicht etwas Entlarvendes, wenn zum Beispiel ein Künstler wie Sterling Ruby, der immer wieder in seiner Kunst gesellschaftliche Fragen thematisiert, in einer Berliner Galerie riesige Wandteppiche ausstellt, die zwar irgendwie die Zustände in der Textilindustrie und die Stoffpraktiken in marginalisierten Communities aufgreifen, diese Werke aber so gigantisch sind und mit fast 500.000 Euro so teuer, dass das Publikum bloßer Zaungast dieser künstlerischen Aufklärung bleibt? Für Wolfgang Ullrich ist Sterling Ruby ein Superbeispiel für einen Künstler, der in der postautonomen Kunstproduktion angekommen ist.
„Der will ja hier nicht nur Kunst machen. Für den sind die Stoffe auch soziohistorische Dokumente. Die hat er zum Teil selbst produziert, zum Teil irgendwo erworben. Die sind zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert. Und er selber bemüht sich darum, ganz viele Diskurse daran aufzuhängen. Da geht es um den Gender-Diskurs: Wer hat diese Stoffe irgendwann gemacht? Wofür sind sie verwendet worden? Da geht es um Minderheitendiskurs. Da geht’s um Kulttechniken, die von Schwarzen vor allem gepflegt wurden. Da geht’s um religiöse Minderheiten wie die Amish People, die mit bestimmten Stoffen repräsentiert sind. Also er hat ganz viele Diskurse mit aufgerufen – und das soll ausdrücklich der Fall sein. Man soll diese Bildwerke nicht nur als Kunst betrachten, sondern auch als Aufruf, die eigene politische Sensibilität zu steigern.“
Dass sie damit trotzdem nur für Reiche produziert sind, die sich mit dem Statussymbol auch noch das gute Gewissen und die moralische Integrität dazukaufen wie in einem modernen Ablasshandel, stellt für Ullrich in diesem Fall kein Problem dar. Denn Ruby betreibe auch ein Modelabel. „Aus denselben Stoffen, aus denen er Kunst macht, macht er dann auch Hosen und Jacken und Flaggen und alles Mögliche andere, also sieht sich ausdrücklich auch als Künstler und als Modedesigner und auch eben als jemand, der sich auch noch als politischer Aktivist betätigen möchte.“

Die Marke Warhol

Dass die Kunst sich also nicht nur der Gesellschaft zugewandt hat, zeigt sich für Ullrich nicht nur daran, dass Kunst heutzutage nicht nur Kunst sein will, sondern auch Mode oder politischer Aktivismus. Vielmehr zeigt sich gerade an der Versteigerung in New York, dass Kunst – und insbesondere Warhol – längst zu einer Marke geworden und damit Teil der Popkultur ist. Hier spielt der Besitz des Originals kaum mehr eine Rolle.
„Gerade der hohe Preis eines solchen Werks schafft dann doch auch wieder mehr Verbindung zwischen der Kunst und einer breiteren Öffentlichkeit. Weil, für Pop-Kultur sind ja Zahlen immer wichtig, vor allem große Zahlen, superlativische Zahlen – wie viele Exemplare sind verkauft worden, in welchen Charts stand dieser und jener Song? Dass das ein Rekord ist für ein Werk des 20. Jahrhunderts, macht dieses Werk auch für eine breitere Öffentlichkeit aufregend. Insofern kommt es hier eher sogar zu einer Überwindung von Distanz, von Entfremdung zwischen Kunst und Publikum.“.

Wolfgang Ullrich: „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022
192 Seiten, 22 Euro

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