Tabuthema im Realsozialismus

Von Jacqueline Boysen |
Der Historiker und Biochemiker Udo Grashoff hat sich über Jahre mit Suiziden in der DDR beschäftigt, jetzt legt er eine Studie darüber vor. Der Autor versucht, die Nebel zu lichten, die das diffizile, auch unangenehme und delikate Thema umgeben. Dabei betrachtet Grashoff das gesellschaftliche Phänomen insgesamt.
"Erschrecken Sie nicht, wenn Sie das lesen, werde ich nicht mehr leben. Heute sitze ich zum letzten Mal neben Dir. Ich hatte keine andere Möglichkeit mehr."

"Verwechseln Sie den Körper, den ich nicht auflösen konnte, nicht mit mir. Ich glaube nicht, dass Ihr mich lebend findet. Meine Kraft reichte nicht mehr. Bitte verzeih mir. Ich habe meinen Kreis geschlossen, wenn auch ohne Vollendung."

Die DDR hatte eine der höchsten Selbsttötungsraten der Welt. das Thema aber war im Realsozialismus tabu: was nicht sein kann, das nicht sein darf: Verzweiflungstaten durften nur im kapitalistischen Westen vorkommen, über Selbstmorde im nicht-sozialistischen Ausland wurde also ausführlich berichtet. Die amtlichen Statistiken der DDR aber wurden ab 1961 um den entsprechenden Posten bereinigt: die Zahl der DDR-Bürger, die sich selbst das Leben nahmen, fehlten schlicht. Versteckt waren konsequenterweise auch die Rettungsanker für Suizidgefährdete:

"Die DDR war sehr zerrissen. Es gab 1968 ein Programm zu Schaffung eines Netzwerkes, danach war Schluss. Es gab dann Ende der 80er Jahre Suizidprävention per Telefon, Telefone des Vertrauens. Es gab dann Verbote auch für Mediziner in Fachzeitschriften zu publizieren. Die DDR war immer in einem Zwiespalt zwischen ihrem Anspruch und dieser Staatsraison, der Musterknabe, da passten die Selbsttötungen nicht hinein."

Udo Grashoff, Jahrgang 1966, hat sich über Jahre mit Suiziden in der DDR beschäftigt - eine mehr als 500 Seiten starke Studie kann er nun vorlegen. Der Historiker und Biochemiker versucht, die Nebel zu lichten, die das diffizile, auch unangenehme und delikate Thema umgeben. Anders als Psychologen oder Psychiater betrachtet Grashoff weniger die individuellen Schicksale, die psychische Disposition der Toten, Therapie oder Krankengeschichte als vielmehr das gesellschaftliche Phänomen insgesamt.

Die insbesondere in Sachsen und Thüringen traditionell hohe Rate, so stellt er fest, habe ganz gewöhnliche Ursachen: Liebeskummer, Scheidung oder die Verzweiflung über den Tod eines geliebten Menschen. Altersdepression oder starke Schmerzen seien Gründe für die Selbsttötungen gewesen - so seine Schlussfolgerung aus Polizeiberichten und Krankenakten. Grashoff hat Segmente der DDR-Gesellschaft untersucht, in denen er vermutete, dass staatliche Repression besonders stark wirkte: in der Armee oder aber in den Gefängnissen der DDR.

"Es gab in Gefängnissen eine große Neigung zu Selbsttötungen, aber auch totale Kontrolle. Es gab mal eine Untersuchung in einem Haftkrankenhaus. Da wurde festgestellt, dass die politischen eine geringere Suizidwahrscheinlichkeit haben als Kriminelle."

Obgleich - oder gerade weil - die Staats- und Parteiführung penibel bemüht war, freiwillig aus dem Leben Scheidende totzuschweigen, bewegten einige spektakuläre Fälle die DDR-Öffentlichkeit. Die Selbstverbrennung von Pfarrer Brüsewitz oder auch der Tod von Matthias Domaschk: der 23-Jährige verstarb 1981 im Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit unmittelbar vor seiner Entlassung.

Nach offizieller Lesart hat sich Domaschk das Leben genommen. Der rätselhafte Tod löste unter seinen Freunden nicht allein Spekulationen über eine Ermordung aus. Die Trauerfeier für den jungen Oppositionellen geriet zu einer verzweifelten Kundgebung gegen staatliche Willkür, Domaschk wurde zum Märtyrer: "Ihr sollt in unseren Tränen ersaufen" - wurde damals den Stasi-Beobachtern ins Gesicht geschrien.

Udo Grashoff scheint der These anzuhängen, dass Domaschk damals Selbstmord beging. Grundsätzlich, so sein Fazit, sei für die DDR weniger ihre hohe, und nach der Vereinigung kontinuierlich sinkende Suizidrate spezifisch, als vielmehr der verquere Umgang mit den Schicksalen jener Menschen, die nicht mehr leben wollten.

"Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die Ursachen, warum sich Menschen das Leben nehmen, in der DDR und in der Bundesrepublik nicht so verschieden waren."