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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

T. C. Boyle

Santa Barbara Cemetery, USA

Von Tobias Wenzel

T. C. Boyle (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)
T. C. Boyle (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Was haben die Toten und der Müll auf dem Santa Barbara Cemetery gemeinsam? Warum möchte T. C. Boyle lächeln, wenn sein Sarg geschlossen wird? Und wieso fragt er sich manchmal, wozu Zähneputzen gut ist?

"Was soll denn das hier sein?"

T. C. Boyle deutet auf einen runden Metalldeckel. Der ist, ähnlich wie viele Grabsteine, in den akkurat gemähten Rasen eingelassen. Vielleicht ein Wasseranschluss?, schlage ich vor und klappe den Deckel hoch. T.C. Boyle beugt sich neugierig über das freigelegte Loch:

"Müll?! Das ist ja interessant. Die beerdigen hier also nicht nur Menschen, sondern auch Müll!"

Zum ersten Mal in seinem Leben hat T. C. Boyle den Santa Barbara Cemetery betreten. Und das, obwohl der Wahlkalifornier seit 18 Jahren nur einige hundert Meter vom Friedhof entfernt wohnt. Das Dach des Hauses kann man von hier aus gut erkennen. Denn der von Palmen durchzogene Friedhof liegt auf einer spektakulären Anhöhe, direkt über dem Pazifik.

"Hier hat man ja eine fantastische Aussicht! Vielleicht habe ich Glück, und das hier wird mal meine letzte Ruhestätte."

All die Jahre ist Boyle unzählige Male um den Friedhof herumgelaufen. Nun aber hat sich der Ex-Hippie und Ex-Junkie in diesen Friedhof verliebt.

"Da hinten steht eine Pyramide. Wow! Hier oben liegen die Topimmobilien. Mit Meerblick für die Toten."

An diesem Dezembernachmittag ist der Himmel vollständig bedeckt. Es ist frisch. T. C. Boyle, Jahrgang 48, hat sich einen schwarzen Wollmantel angezogen und einen grob gestrickten bunten Schal um den Hals geworfen. Einige seiner dünnen roten Haare gucken wirr unter einer Baskenmütze hervor. Boyle tritt an einen Maschendrahtzaun. Direkt dahinter fällt eine Klippe steil hinab zum Strand. Sanfte Wellen wiegen Segelboote.

"Ich habe großen Respekt und große Angst vor dem Pazifik. Genau hier, unterhalb dieses Friedhofs, bin ich zwar oft im Meer geschwommen. Aber im Wasser gibt es Wesen, die einen auffressen können."

T. C. Boyle auf dem Friedhof von Santa Barbara (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)T. C. Boyle auf dem Friedhof von Santa Barbara (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Auch vor dem Tod habe er Angst, erzählt T. C. Boyle, dieses Mal ganz ohne ironischen Unterton: 


"Seit ich als Kind entdeckt habe, dass der Tod kommt, um unsere Seelen zu holen, frage ich mich, was wir hier überhaupt tun. Wozu soll das alles gut sein: fotografieren, Bücher schreiben, sich die Zähne putzen, Geld auf einem Bankkonto anhäufen?"

Am Horizont, zwischen Meer und grauem Wolkenteppich, ist die Sonne untergegangen. Während wir im Dämmerlicht zum Ausgang des Friedhofs gehen, erzählt Boyle, wie er sich seine eigene Bestattung vorstellt:

"Ich möchte nicht verbrannt werden, lieber beerdigt. In einer schlichten Kiste aus Kiefernholz. Die Würmer und Käfer sollen sich an mir satt fressen. Ich habe schon alles mit meiner Frau besprochen. Sie sorgt dafür, dass ich lächle und meine Goldzähne zeige, wenn mein Sarg geschlossen wird. So können die Bestatter das Gold nicht schon vorher klauen. Meine Goldzähne sollen so lange unter der Erde bleiben, bis in ferner Zukunft Archäologen sie einmal ausgraben. Die können dann aus dem Gold Ringe für ihre Frauen machen lassen."

Ein regelrechter Altruist also, selbst über seinen Tod hinaus.

"Ja, klar. Ich bin ein wahrer Engel. Das sieht man doch."

"T. C. Boyle, Santa Barbara Cemetery, in the United States of America"


Während ich T. C. Boyle auf dem Santa Barbara Cemetery fotografiere, macht er mir Vorschläge für ein neues langfristiges Projekt: "Schriftsteller in Badewannen. Oder: Schriftsteller beim Sex mit Tieren." Ich antworte: "Aber nur, wenn Sie den Anfang machen." Da weiß T. C. Boyle plötzlich nicht mehr, was er sagen soll. Zum ersten und letzten Mal während unserer Begegnung ist der Schriftsteller sprachlos.

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