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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.02.2017

T.C. Boyle über "Die Terranauten""Wie ist das, wenn du dich einem Führer unterwirfst?"

T.C. Boyle im Gespräch mit Nana Brink

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Der US-Schriftsteller T.C. Boyle (imago/Horst Galuschka)
Der US-Schriftsteller T.C. Boyle (imago/Horst Galuschka)

Wie verhält man sich, wenn man eine Utopie versucht zu leben, aber dafür die eigenen Freiheiten aufgibt? Dieser Frage geht T.C. Boyle in "Terranauten" nach. Wir haben mit dem US-Autor über gesellschaftliche und politische Visionen gesprochen – auch über jene von Donald Trump.

T.C. Boyle: Nein, ich möchte nicht jemand sein, der ausgeschlossen ist! Ich habe einen großen Teil meines Lebens auch damit verbracht, allein zu sein, draußen geblieben zu sein. Und wenn Sartre in "Huit Clos" sagt: L’enfer, c’est les autres! – Die Hölle sind die anderen! –, dann verstehen Sie, was ich meine!

Brink: Die Terranauten haben eine Vision. Wenn Sie sie beschreiben müssten, wie würden Sie das tun?

Boyle: Nun, dieses Buch ist eine Projektion. Es gab ja mal dieses Experiment, was sich Biosphäre 2 nennt und in der Wüste Arizonas in den 1990er-Jahren stattfand, in einer künstlichen Umgebung, die durch eine Glasglocke abgeschlossen war, wo acht Frauen und acht Männer und 300 weitere Spezies, Tiere, aber auch Pflanzen untersucht worden sind und man sich gefragt hat: Kann man sich in so einer Biosphäre eben auch vermehren und wie geht der Mensch damit um, wenn es Probleme wie globale Erwärmung beispielsweise gibt, können wir Menschen dann einfach überleben?

Und das hat mich natürlich als Schriftsteller sehr interessiert und im Prinzip war das auf 100 Jahre angelegt. Alle zwei Jahre sollten die Crews gewechselt werden und dann hat man eben, wie gesagt, diese Glocke kurz geöffnet und wollte sie dann wieder für weitere zwei Jahre verschließen. Aber schon sozusagen beim zweiten Mal ist das nach sechs Monaten abgebrochen worden, man hat diese Glocke wieder geöffnet und hat sie dann auch nie wieder geschlossen, weil der Milliardär, der das alles finanziert hat, sich mit denjenigen überworfen hat, die sich das alles ausgedacht haben.

Und für mich als Schriftsteller war es natürlich spannend, denn ich bin praktisch als Schriftsteller dazugekommen bei diesem zweiten Versuch, wo plötzlich 48 mehr Leute da sind, und dann habe ich mich gefragt: Was würde geschehen?

Terranauten leben unter einer Glocke aus Glas

Brink: Wie wichtig ist es denn, eine Vision zu haben?

Boyle: Nun, ich frage mich immer, was in so einer utopischen Vision wirklich geschieht, wenn Menschen zusammen in einer Gemeinschaft leben. Und das hat mich in vielen meiner Bücher ja letztendlich auch beschäftigt, ich habe ein Buch geschrieben, da ging es um Hippies, die in den 60er-Jahren in Alaska leben, weil sei eine bessere Welt wollen, und die Terranauten leben ja in dieser Glocke, unter Glas. Und das ist auch eine faszinierende Utopie und ich frage mich dann immer: Wie ist das, wenn du als Einzelner deine Freiheiten aufgibst und dich einem Führer unterwirfst, der dir sagt, folge mir, hab keine Angst, du bist sicher?

Das ist etwas, was mich schon immer irgendwo interessiert hat, in vielen meiner Bücher wie "Willkommen in Wellville", da ging es um Kellogg, oder "Dr. Sex", da ging es um Kinsey. Und dann frage ich mich immer: Ja, wie verhält man sich dann, wenn man in so einer Utopie lebt, aber eben die eigenen Freiheiten aufgibt, und wenn jemand anderes für dich entscheidet?

Brink: Das ist interessant, dass Sie das sagen, denn in Ihrem Buch scheitert ja die Vision.

Boyle: Nun, wenn ich ein Buch schreibe, dann schreibe ich es nicht mit einem bereits vorgefassten politischen Hintergedanken oder bereits mit einem festen Standpunkt, sondern ich bin da mehr wie ein Wissenschaftler, der versucht, noch Dinge herauszufinden. Und ich möchte nun natürlich das Ende nicht verraten. Aber natürlich geht es um Schwierigkeiten, es geht um gesellschaftliche Systeme, in denen man eben gefangen ist. Und auch da kommt eben wieder die Literatur ins Spiel. Was geschieht mit Leuten, die beispielsweise in der Antarktis leben, aber dort nicht mehr herauskommen?

"Ich stehe in Opposition zu allem, was Trump verkörpert"

Brink: Die Identität Amerikas besteht ja aus vielen Visionen, Land der Freiheit, Streben nach Glück, Religionsfreiheit. Auch wenn es vielen Menschen nicht gefällt: Sehen wir jetzt unter Trump eine neue Vision – "Make America great again"?

Boyle: Ich stehe in Opposition zu allem, was Trump und was seine Partei verkörpert. Ich glaube an den Sozialstaat, ich glaube an Frauenrechte, ich glaube an Naturschutz, ich glaube an Bildung. Aber wenn wir eine funktionierende Demokratie haben, dann werden wir überleben und wir werden unsere Standpunkte dann bei den nächsten Wahlen in vier Jahren wieder äußern können.

Brink: Sehr diplomatisch!

Boyle: Ja, eigentlich bin ich nicht dafür bekannt, sonderlich diplomatisch zu sein, ich sage meine politische Meinung hier beispielsweise im Radio. Ich habe mich natürlich auch mit politischen Themen auseinandergesetzt in meinem Buch "América" von 1995, da ging es ja schon um die Grenze zu Mexiko. Und ich erinnere mich sehr gut, wie ich auf einer Lesereise hier in Deutschland war, ein Jahr nach dem Mauerfall, und das erste Mal auch Ostdeutschland besuchte. Und da habe ich schon gemerkt, wie das die Menschen auch im Westen verändert hatte. Und Grenzen schließen aus und Grenzen schließen auch Dinge ein. Und es ist einfach nicht natürlich, solche Grenzen zwischen Menschen aufzubauen.

Brink: Sie haben mal gesagt, ich glaube nicht daran, dass man als Schriftsteller wirklich etwas verändern kann, dass man Botschaften schicken kann. Aber denken Sie, dass Amerika eine neue Vision braucht?

"Ich werde immer ein linker Demokrat bleiben"

Boyle: Nun, es gibt dieses Pendel, das immer zwischen Links und Rechts ausschlägt. Das ist nun mal so in unserer Geschichte, das ist in Europa so. Schauen wir uns Frankreich an mit der scheußlichen Marine Le Pen oder den Brexit in England, ich werde immer ein linker Demokrat bleiben, egal was passiert. Ich halte mich selber auch für einen amerikanischen Patrioten und ich weiß, was Amerika groß gemacht hat, nämlich dass wir Leute nicht ausschließen.

Natürlich wäre es nett, weniger Steuern zu zahlen, aber nicht auf Kosten anderer. Und ich kann nur sagen, ich muss diese vier Jahre jetzt einfach durchstehen, ich muss mich so gut wie möglich wehren und dann schauen wir mal, was danach kommt.

Brink: Vielen Dank, Mister Boyle, dass Sie bei uns waren! Thank you very much!

Boyle: Bitte schön! Ich verstehe… something of what you’re saying!

Brink: Oh, you understand? So I should …

Boyle: Some words of what you’re saying, yes!

Brink: Okay, so next time you answer in German, okay?

Boyle: Ich wünschte, ich könnte es! Wer will, dass ich Deutsch lerne, der sollte mich nicht in München vom Flughafen abholen, sondern mich nackt und ohne Geld über Bayern mit einem Fallschirm abwerfen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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