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Buchkritik | Beitrag vom 17.02.2020

T.C. Boyle: "Sind wir nicht Menschen"Verzaubernder Erzähler in Bestform

Von Hans v. Trotha

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Buchcover T.C. Boyle "Sind wir nicht Menschen". (Hanser Verlag / Deutschlandradio)
Typisch T.C. Boyle: Mit wenigen Worten schafft der Autor Spannung. (Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Die Natur, die sich am Ende immer als die Stärkere erweist - das ist das stärkste Motiv in "Sind wir nicht Menschen" von T.C. Boyle. Geschickt kreiert er in seiner Kurzgeschichten-Sammlung mit wenigen wohlgesetzten Worten große Erzählkunst.

Gerade mal zwei Jahre ist es her, dass T.C. Boyles deutscher Verlag die letzten Erzählungen des amerikanischen Literatur-Stars herausgebracht hat ("Good Home", 2018), dann kam der neue Roman ("Licht", 2019) und jetzt liegt schon der nächste Geschichten-Reigen vor.

Eine große Leserschar hängt T.C. Boyle dabei regelrecht an den Lippen. Sie wird angesichts der enormen Produktivität erstaunlich selten enttäuscht. Im Gegensatz zu den groß ausgelegten Romanen, die gesellschaftliche Analysen und psychologische Entwürfe planvoll durchdeklinieren, ist Boyle in der kleinen Form der Short Story ganz bei sich als erzählender Zauberer oder verzaubernder Erzähler.

Als Ende getarnter Abgrund 

Er schwebt mit ein paar wohlgesetzten Worten aus dem Nichts in eine spannungsgeladene Situation ("Der Hund war kirschrot, und was er im Mund hatte, konnte ich erst erkennen, als er unter den Hortensien stehen blieb und das Ding schüttelte"), treibt diese in eine unvorhergesehene Richtung und zieht sich schließlich am als Geschichtenende getarnten Abgrund wieder zurück in die offenbar unendlichen Gefilde des allwissenden Erzählers.

Meistens sind es nicht Tricks, mit denen er verblüfft, es ist wirklicher Zauber. Und in "Sind wir nicht Menschen", dem aktuellen Band, der Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt versammelt, ist der Short Story-Boyle in Bestform.

Die Natur als geheimnisvolle Schönheit

Er gibt zwei Hinweise auf literarische Ahnen: Eine Geschichte ist als "Hommage an Italo Calvino" deklariert, dem er die doppelten Böden und die Wendungen ins Surreale abgelauscht haben mag, der Sammlung als Ganzer ist ein Motto des Romantikers Lord Byron vorangestellt: "Den Menschen lieb' ich, mehr noch die Natur." Damit ist Boyles Haltung zur Welt auf den Punkt charakterisiert. Zudem ist das stärkste Leitmotiv dieser Sammlung formuliert: der Mensch in der Natur, die sich eins ums andere Mal als die Stärkere erweist, die geheimnisvolle Schöne und Mächtige, die sich zurückholt, was wir ihr abgetrotzt zu haben meinen.

Listig verlegt Boyle diese Episoden in eine ganz nahe Zukunft, in der Dinge alltäglich sind, die es heute fast schon gibt, wie Hybridtiere, designte Babies oder auf Bildschirme projizierte Erinnerungen.

Vom Klimawandel erzürnt

Die Natur der nahen Zukunft ist eine vom Klimawandel erzürnte Natur. Wie sie zurückschlägt – sei es in Gestalt eines im Zoo eingesperrten Tigers, eines Sturms, als Ameisenplage, Hochwasser oder Dürre, aber auch als vom Himmel fallendes Stück Weltraumschrott oder als Urwald, der eine Villa zurückerobert und mit ihr die Geschichten, die sich in ihr eingenistet haben – das ist manchmal komisch, oft verstörend, immer wieder überraschend, ziemlich spannend, bisweilen atemberaubend. Große Erzählkunst.

T.C. Boyle: "Sind wir nicht Menschen. Stories"
Aus dem Englischen von Annette Grube und Dirk van Gunsteren
Carl Hanser Verlag, München, 2020
400 Seiten, 23 Euro

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