Szenen eines Bruderkrieges

Korea ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geteilt. Seitdem liefern sich der kommunistische Norden und der pro-westliche Süden einen Bruderkrieg, der unzählige Menschenleben gefordert hat. Hwang Sok-yong erzählt in seinem Roman "Der Gast" von Tätern und Opfern dieser blutigen Auseinandersetzung.
Korea ist das einzige Land geblieben, wo sich noch heute zwei Machtblöcke feindlich gegenüber stehen: der von Russland und China unterstützte kommunistische Norden und Südkorea mit massiver amerikanischer Militärpräsenz. Auf beiden Seiten wurde lange Zeit alles getan, die rund 248 Kilometer lange Festlandsgrenze möglichste undurchdringlich zu machen. Am 38. Breitengrad ist der Kalte Krieg immer noch Realität.

Im Vergleich dazu erscheint der ehemalige "Eiserne Vorhang" in Europa geradezu durchlässig, weil Besuche möglich waren und auch Bücher und Fernsehprogramme die jeweils andere Seite erreichten. Vor allem war es nie zu einem durch äußere Mächte angeheizten, überaus grausamen "Bruderkrieg" gekommen, wie ihn Koreas Bevölkerung in Nord und Süd hat durchmachen müssen. Von den Tätern und Opfern handelt Hwang Sok-yongs Roman.

Er unterläuft die gegeneinander in Stellung gebrachten Geschichtsbilder, führt sie – kritisch und aufklärerisch – zurück auf die blutrünstigen Absichten, schont keine Seite: nicht die Kommunisten und auch nicht die jugendlichen christlichen Milizen, die zu wichtigtuerischen, menschenfeindlichen Schlächtern wurden, ihren Blutrausch, ihren Hass mit Freiheitsparolen verbrämten. Auch Yohan gehörte dazu, bevor er in den USA ein neues der Kirche eng verbundenes Leben begann. Sein jüngerer Bruder Yosop, ein Priester, entscheidet sich kurz vor dem Tod Yohans zu einer Reise in die nordkoreanische Heimat. Derartige "Familienzusammenführungen" waren mit der "Sonnenscheinpolitik" des südkoreanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Kim Dae Jung seit 2000 möglich geworden.

So begleitet dieser Roman nicht nur einen "Gast" bei seiner durch und durch geregelten und vom Geheimdienst überwachten Reise, vollgestopft mit Parolen und mit festgezurrten Terminen. Er führt mitten ins Herz der koreanischen Finsternis, wo bisher jeweils nur das eigene Leid und die Schuld der anderen thematisiert wurden. Yosop durchläuft zwar das offizielle Gedenkstättenprogramm. Doch viel wichtiger sind seine nächtlichen "Gäste" aus dem Jenseits. Sie erzählen ihm - und zwar sowohl Täter wie Opfer in sich überkreuzenden Stimmen - was wie geschehen ist und wer die Beteiligten des kollektiven Gewaltrausches waren. Sie legen Zeugnis ab vom zivilisatorischen Dammbruch, von den anfänglichen Hassattacken und Willkür über Folter und Hinrichtungen bis hin zu grauenvollen Massakern. Dabei erhält auch, was Yosop nie genau wissen wollte, die Rolle seines frommen Bruders Yohan als gnadenloser Kommunistenjäger Kontur.

Hwang Sok-yon hat nicht nur über Schuld und Vergebung geschrieben und über die Verwicklungen des "Bruderkriegs". Auch die Vorgeschichte der Frontenbildung kommt zur Sprache: die christliche Missionierung und die sozialen Bewegungen gegen Großgrundbesitzer und japanische Besatzung. Die Weltanschauungsimporte aus dem Westen – d.h. Christentum und Kommunismus - parallelisiert der Autor mit der Einschleppung der Pocken, einer in Schrecken und Abwehr als "Gast" bezeichneten Plage.

Hwong Sok-yong, einer der wichtigsten Schriftsteller Südkoreas, geriet 1989 mitten hinein in den Kalten Krieg, als er ohne Genehmigung (und das hieß damals: illegal) zu einem Künstlerkongress nach Nordkorea reiste. Der Verurteilung nach dem Sicherheitsgesetz versuchte er durch einen Aufenthalt im Westen zu entkommen. Doch selbst 1993 musste er nach seiner Rückkehr nach Südkorea noch fünf Gefängnisjahre absitzen. Er weiß also, wovon er schreibt, wenn er das Verhältnis der feindlichen Parteien zum Thema seines ebenso erschütternden wie großzügigen Romans macht, der die Möglichkeit einer heilsamen Konfrontation zumindest im Buch möglich erscheinen lässt.

Rezensiert von Barbara Wahlster

Hwang Sok-yong: Der Gast
Roman aus dem Koreanischen von Young Lie, Katrin Mensing und Matthias Augustin
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007
296 Seiten, 15 Euro