Seit 08:30 Uhr Nachrichten

Montag, 14.10.2019
 
Seit 08:30 Uhr Nachrichten

Studio 9 | Beitrag vom 19.09.2019

Syrischer Schriftsteller Mustafa KhalifaDas Schlimmste ist noch nicht erzählt

Von Philipp Lemmerich

Beitrag hören Podcast abonnieren
Zu sehen ist der Autor Mustafa Khalif und das Cover seines Buches "Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs". (Autorenfoto: A. Abdelwahab/ Buchcover: Cornelia Feyll, Weidle Verlag)
Schreibt aus Erfahrung, aber nicht autobiographisch: Mustafa Khalifa in "Das Schneckenhaus". (Autorenfoto: A. Abdelwahab/ Buchcover: Cornelia Feyll, Weidle Verlag)

In seinem Roman "Das Schneckenhaus" erzählt Mustafa Khalifa nüchtern und schnörkellos vom Alltag im syrischen Gefängnis Tadmor. Vier Jahre war er selbst dort interniert. Beim Berliner Literaturfestival haben wir ihn getroffen.

Graues, krauses Haar, tiefe Furchen im Gesicht. Dunkle, freundliche Augen. Mustafa Khalifa sitzt im Foyer eines Hotels in Berlin-Charlottenburg.

1954 in Dscharābulus in Nordsyrien geboren, wächst er in einer linken Oppositionellen-Familie auf. Anfang der 1980er Jahre, mit Ende 20, landet er in Haft, wie die meisten Regimegegner ohne Prozess, ohne Urteil. Hafiz al-Assad, der Vater des heutigen Präsidenten Baschar al-Assad, hält das Land mithilfe von Militär und Geheimdiensten in Atem.

Sagen, wie es in Assads Gefängnissen aussieht

Mustafa Khalifa: "Schon vor dem Putsch der Assads gab es Folter, aber zumindest nur während des Verhörs, als Mittel, um Informationen zu erpressen. Diese Folter war ein Instrument. Später, nach dem Putsch, ging es um Erniedrigung, es ging darum, den Gefangenen zu brechen. Die syrische Bevölkerung und ich auch, wir wussten nicht genau, was in den Gefängnissen passiert. Deswegen ist es mir ein Anliegen gewesen, dieses Buch zu schreiben, um der Welt zu sagen, wie es in diesen Gefängnissen aussieht."

Insgesamt zwölf Jahre bleibt Khalifa interniert, davon vier im berüchtigten Wüstengefängnis Tadmor, dem zu dieser Zeit wohl grausamsten Gefängnis der Welt. Geschätzte 10.000 Gefangene werden hier ständig kontrolliert. Jede falsche Bewegung wird bestraft. Und jeder Neuinsasse muss Folter-Exzesse über sich ergehen lassen, die viele nicht überleben.

Khalifas Buch, in dem er seine Erfahrungen in Tadmor verarbeitet hat, ist zwar nicht autobiografisch, doch die Parallelen zur Lebensgeschichte des Autors sind überdeutlich.

Ausschnitt aus dem Buch: "In sechs oder sieben Monaten wird mein zwölftes Jahr im Gefängnis zu Ende gehen. Habe ich nicht das Recht zu fragen: Wie lange noch? Gibt es nur eine Einbahnstraße in dieses Gefängnis hinein? Stimmt der so häufig von den Gefangenen wiederholte Satz, den ich fast täglich höre: 'Drinnen verloren, draußen neugeboren'? Niemals habe ich einen Gefangenen dieses Gefängnis verlassen sehen."

Beamte werden für Hinrichtungen eingeflogen

Khalifas Buch ist strikt aus der Perspektive des Insassen geschrieben. Es fragt nicht nach den Gründen der Gewalt. Doch es beschreibt, wie junge Kadetten zum Foltern animiert werden, wie Regierungsbeamte mit Helikoptern eigens für Hinrichtungen einfliegen. So wird klar: Die Grausamkeit ist von oben verordnet. Es ist die Strategie eines totalitären Regimes. Menschlichkeit ist darin nicht vorgesehen. 

Wie schafft man es, in einer solchen Situation zu überleben? "Du musst dich der Logik der Folter widersetzen", sagt Khalifa. "Der Wärter hat zum Ziel dich zu brechen, dich von einem Menschen in ein Nichts zu verwandeln. Dich innerlich zu zertrümmern. Und dann kommt die Reaktion dagegen. Wenn du mir solche Dinge antust, dann werde ich Widerstand leisten. Hinzu kommt: Alle, die dort sind, haben einen Glauben an eine Sache. Sie haben für etwas gekämpft, und das verbindet sie. Daraus schöpfen sie Kraft."

1994, nach mehr als zwölf Jahren Haft, wird Khalifa entlassen. Seine engsten Familienmitglieder fangen ihn auf, doch außerhalb geht die Isolation weiter: Manche Freunde von früher meiden ihn aus Angst vor Konsequenzen. Andere sind längst zum Regime übergelaufen. Die ehemaligen Gefangenen bleiben oft unter sich. Die Ausreise aus Syrien ist Khalifa verboten, auch seinen Beruf als Jurist kann er nicht ausüben.

Es sei wie ein zweites Gefängnis gewesen, sagt er heute. Er habe sich erst wieder als Mensch gefühlt, nachdem er Syrien verlassen habe.

Gefängnisliteratur - wer will das schon?

2006 gelingt ihm die Ausreise erst in die Vereinigten Arabischen Emirate, einige Jahre später dann nach Frankreich. Dort lebt er bis heute im Exil.

Später am Abend. Zur Diskussionsveranstaltung zum Thema Flucht und Trauma sind knapp 100 Personen gekommen. Mustafa Khalifa sitzt auf dem Podium, seine Übersetzerin Larissa Bender moderiert.

Khalifas Buch "Das Schneckenhaus" ist bereits 2007 auf Französisch erschienen. Erst 2019 – zwölf Jahre später also – wurde es auf Deutsch veröffentlicht, im kleinen Weidle-Verlag. Für Larissa Bender ein Symptom für mangelndes Interesse.

Larissa Bender: "Wer will Gefängnisliteratur verlegen? Als Antwort kommt immer die Frage: Ja, wer will denn das lesen? Und warum soll man das lesen? Wir verschließen die Augen davor, was außerhalb unserer vier Wände geschieht."

Er sei dankbar für die Anerkennung, die er für sein Buch erhält, sagt Khalifa heute Abend. Er habe das Glück gehabt, über seine Erfahrungen schreiben zu können. Doch wie vielen Internierten und Gefolterten bleibe genau diese Möglichkeit verwehrt? Und er fügt hinzu: Die schlimmsten Dinge seien bisher noch nicht erzählt.

Mustafa Khalifa: "Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs"
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Weidle Verlag 2019, 312 Seiten, 23 Euro

Interview

SPD-Regionalkonferenzen Mehr Slogans als Inhalte
Die Kandidaten für den Parteivorsitz der SPD stehen bei der letzten Regionalkonferenz auf der Bühne und halten übergroße Ballons mit der Aufschrift "#UnsereSPD". Bei der Konferenz geht es um die Nachfolge für die zurückgetretene Parteivorsitzende Nahles. (Lino Mirgeler/dpa/Picture-alliance)

Sechs Kandidatenduos stellen sich den SPD-Mitgliedern zur Wahl für den Parteivorsitz. Der "Spiegel"-Journalist Markus Feldenkirchen lobt den bisherigen Wettstreit als Möglichkeit der Mitwirkung. Dennoch sei das Verfahren zu starr ausgefallen.Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur