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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.06.2014

Syrien"Ein sehr effektives Medium in dieser Situation"

Feature-Autorin über oppositionelles syrisches Radio

Julia Tieke im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Ein Kind aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon (dpa / picture-alliance / Mika Schmidt)
Ein Kind aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon (dpa / picture-alliance / Mika Schmidt)

Wo wird gekämpft? Welche Straßen sind geschlossen? Wie ist die Lage der Flüchtlinge? Die syrische Opposition nutzt immer öfter das Radio, um die Bevölkerung mit Informationen zu versorgen, berichtet Julia Tieke. Bisweilen retten die Sender damit Leben.

Liane von Billerbeck: In Syrien kommt die Stimme der Opposition, ja, wir wissen es, von den Revolutionen via Facebook und Twitter, aber sie kommt auch aus dem guten alten Radio. Und das hat eben auch die Opposition für sich wiederentdeckt. Gemacht werden diese Radioprogramme außerhalb des Landes, sie klingen vielstimmig, jung und direkt. Meine Kollegin Julia Tieke, die hat syrische Radiomacher getroffen für ein langes Feature. Vorher ist sie bei uns, herzlich willkommen!

Julia Tieke: Hallo!

von Billerbeck: Wo sind Sie gewesen, um diese oppositionellen Radiomacher zu treffen und kennenzulernen?

Tieke: Ich war an ganz unterschiedlichen Orten. Zuletzt war ich auf einer Recherchereise in der Türkei, wo die meisten dieser Radios ihre Hauptstudios haben. Und zwar war ich eine Woche in Gaziantep, das ist eine Großstadt in Südostanatolien, ziemlich nahe an der syrischen Grenze, und auch in Istanbul. Außerdem sind eben auch hier in Berlin Radiomacher gelandet im Rahmen eines Projektes einer NGO in Berlin. Und nicht zuletzt habe ich Radiomacher auch dann in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, in Tribsees, getroffen, wo einer der Moderatoren, als sein Arbeitsvisum hier ausgelaufen ist, dorthin geschickt wurde, als er einen Asylantrag gestellt hat. Also die ganzen Bedingungen des Exils, des Radiomachens im Exil, habe ich von der Südtürkei bis nach Mecklenburg-Vorpommern verfolgt.

von Billerbeck: Sehr unterschiedliche Bedingungen. Nun hat man ja sonst immer im Zusammenhang mit Opposition und arabischen Revolutionen von Twitter-Revolution und Facebook gesprochen. Warum entdeckt jetzt auch die Opposition das gute alte Radio zurück?

Die Revolution findet nicht im Internet statt

Tieke: Diese sogenannte Facebook-Revolution, da hat man natürlich schon immer eine gewisse Skepsis auch dem entgegenbringen müssen, da Revolutionen natürlich letztlich nicht im Internet stattfinden. In Syrien ist natürlich im Gegensatz zu Tunesien oder Ägypten eine ganz andere Situation entstanden, eine Kriegssituation, in der eben ganz andere Bedingungen herrschen. Und diese Radios haben zunächst tatsächlich auch vielfach im Internet begonnen, aber natürlich geht es letztlich um das, wie Sie sagten, gute alte Radio, das FM-Radio. Und wie das entstanden ist, aus welcher Idee, Motivation heraus, erzählt uns in einem O-Ton Rim, die mit 20 Jahren, als sie noch in Aleppo war, beschlossen hat, einen Radiosender für Syrien zu gründen.

Rim: Die Menschen brauchten einfach ein Radio. Darum haben wir eines gegründet. Als die Freie Syrische Armee Teile Aleppos einnahm, reagierte das Regime darauf mit der Unterbrechung von Internetverbindungen, Fernsehen und so weiter. Wir alle haben damals die Bombenangriffe gehört, aber keiner wusste, was eigentlich geschah. Ich machte also sofort das Radio an, konnte aber nur zwei, drei türkische Sender finden. Da dachte ich, dass es sicherlich viele Leute gibt, denen es genauso geht. Warum also nicht einen Radiosender gründen? Es braucht lokale Medien, lokale Nachrichten, um die Menschen darüber zu informieren, was tatsächlich passiert.

Tieke: Ja, das war als Rim, die vor zwei Jahren in Aleppo diese Idee hatte und inzwischen in Gaziantep den Radiosender "Nasa'em Syria", "syrische Brisen" könnte man das übersetzen, leitet, mit 15, 16 Mitarbeitern in Gaziantep und etlichen dann auch noch mal in Syrien.

von Billerbeck: Was für Sendungen sind das denn, die diese jungen syrischen Radiokollegen da verantworten?

Nachrichten stehen im Zentrum des Programms

Tieke: Das Programm ist – eigentlich ähneln sich viele der Programme insofern, als dass Nachrichten immer im Zentrum stehen, dass eben tatsächlich ein Korrespondentennetzwerk in Syrien – mehr oder weniger groß – aufgebaut wurde, vorhanden ist, und im Austausch mit denen versucht wird, tatsächlich Lokalnachrichten zu machen. Die Situation im Land ist sehr unterschiedlich von Stadt zu Stadt. Und es geht dann darum, vor Ort die Informationen sich zu holen darüber, wo gekämpft wird, welche Straßen vielleicht geschlossen sind, wie die Situation tatsächlich in den unterschiedlichen Regionen ist. Also Nachrichten ist ein wichtiger Bestandteil, die sind dann auch mal länger.

Außerdem gibt es relativ viele Servicesendungen, könnte man sagen, wo das quasi erweitert wird, die Frage nach der Situation auf den Straßen, der Lebensmittelpreise, vielleicht auch der Währung, wie ist der Kurs, letzten Informationen über Flüchtlingssituationen, wo bekommt man Lebensmittel her, wie gehe ich mit gesundheitlichen Problemen auch um. Akute Verletzungen vielleicht behandeln – also tatsächlich so ganz handfeste Ratgebersendungen. Es gibt aber auch die leichteren Morgenshows. Es wird sowieso viel Musik auch gespielt. Es gibt humoristische Sendungen, es gibt Hintergrundsendungen, teilweise geht es bis in investigativen Journalismus, das kommt dann drauf an auf die Mittel, auf die einzelnen Leute.

von Billerbeck: Aber das Radio hat für die Syrer manchmal eine sehr unmittelbare Bedeutung. Also, wenn Sie sagen, Lokalradio, dann muss man ja wissen, wie ist die politische Lage, wie erfahre ich das. Was gibt es da beispielsweise für Informationen?

Tieke: Wir können vielleicht gleich in den nächsten O-Ton reinhören, weil dort ein weiterer Radiomacher von "Radio Al-Kul", das heißt "Radio für alle" oder "Radio jedermann". Die sitzen in Istanbul, und der Obai, einer der Gründer dieses Radios, hat mir eben von einem besonders wichtigen Feedback für ihn erzählt.

Radioprogramm rettete Leben einer Hörerin

Obai: Eine Hörerin sagte, wir hätten ihr Leben gerettet. Ihr habt davor gewarnt, dass das Assad-Regime Sprengstoff in Lebensmittelpaketen deponiert und dass man sich herumliegenden Paketen nicht nähern soll, ohne genauer hinzuschauen beziehungsweise Experten zurate zu ziehen. Ich hatte das also gehört, und als ich so ein Paket sah, erinnerte ich mich an die Warnung der Moderatoren. Sie hat mein Leben gerettet, denn in dem Paket war tatsächlich eine Bombe. Das war einer der berührendsten Momente für mich. Ich habe danach den ganzen Tag geweint. Als ich Syrien verließ, hatten mich Zweifel geplagt: Was tun wir hier eigentlich? Können wir hier überhaupt von Istanbul aus etwas tun, das den Menschen im Land wirklich hilft?

Tieke: Das war Obai, einer der Gründer und jetziger künstlerischer Direktor, Programmdirektor von Radio Al-Kul, die in Istanbul ihr Hauptstudio haben. Und solche Art Feedback ist natürlich essenziell. Es gibt nicht so viel Feedback-Möglichkeiten. Man kann die Menschen in Syrien nicht fragen, welche Radiosender sie beispielsweise hören, denn natürlich ist es in den Gebieten des Regimes oder der Islamisten nicht erlaubt, ein solches Radio zu hören, und deswegen ist es natürlich ganz essenziell.

von Billerbeck: Nun wissen wir ja, dass das gute alte Radio Sendemasten braucht. Die muss man erst mal da haben, wohin man senden oder von wo man ausstrahlen will. Wie machen die Radiomacher das, wie bringen die da Sendemasten hin?

Auswärtiges Amt unterstützt Oppositionsradio

Tieke: Da gibt es verschiedene Wege. Es gibt zwei größere Projekte, eines davon ist hier in Berlin angesiedelt, einer NGO, die MICT heißt und mit Mitteln des Auswärtigen Amtes, also eines dieser Radioprojekte betreibt. Die kooperieren mit verschiedenen syrischen Sendern und haben eben dafür gesorgt, dass über verschiedene Gruppierungen die Sendemasten ins Land kommen. Die haben beispielsweise fünf Sendemasten, die im Land sind, allerdings nicht immer in Betrieb, und die sind dann mithilfe von Syrern, syrischen Gruppen, die eben vielfach in Gaziantep inzwischen agieren, haben sie Leute vor Ort. An jedem Ort gibt es dann lokale Gruppen, die sich dafür verantwortlich fühlen.

von Billerbeck: Die müssen die Sendemasten ja auch bewachen.

Tieke: Die müssen bewacht werden, die brauchen einen Generator, da in vielen Gebieten kein Strom – also wir reden nicht davon, dass nicht mal nur kein Internet, sondern auch kein Strom vorhanden ist. Man braucht eine geografische und eine politische Situation, die überhaupt zulässt, da einen Sendemasten aufzustellen, also einen Berg möglichst, einen Hügel und eben auch ein Gebiet, das weder von Islamisten, Extremisten noch vom Assad-Regime beherrscht ist.

von Billerbeck: Kurze Frage: Wir sagen so, die Radiomacher haben Kontakt mit ihren Informanten und versuchen dann, Informationen zu bekommen für die einzelnen Regionen. Wie stellen Sie denn den Kontakt zu denen her? Das ist ja auch schwierig, wenn das Internet nicht funktioniert und wenn die Radiosendemasten da auch nicht hinstrahlen.

Konferenzen via Sykpe

Tieke: Genau, das ist schwierig. Es ist eben tatsächlich immer eine gute Kombination aus dem alten FM-Radio und den digitalen Medien. Es gibt in zahlreichen Städten teilweise mehrere Medienbüros, die wurden schon zu Anfang, noch bevor es überhaupt zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, gegründet, und diese Medienbüros haben dann zum Beispiel Satelliteninternet, also relativ stabiles Internet. Und über diese Wege, über Skype dann sehr häufig, wird mit den Korrespondenten gesprochen, live teilweise, aber auch – beispielsweise sitzen wir hier neben unserem physischen Newsroom, und dort habe ich dann einen Newsroom gesehen, der in Skype aufgebaut wurde. Also die Konferenz, die Planung, was steht an, was ist wichtig, das findet dann quasi im Netz virtuell statt. Und darüber gelangen dann auch Berichte nach Istanbul beispielsweise und werden von dort dann eben wieder ins Land zurückgesendet.

von Billerbeck: Kann man sagen, dass das Radio, diese Radiosender, die Sie besucht haben und deren Macher Sie kennengelernt haben, die Stimme der syrischen Zivilgesellschaft ist?

Tieke: Es ist auf jeden Fall eine Stimme. Es gibt eben auch Zeitungsprojekte, es gibt ganz viele, das fällt leider eben immer hinten rüber oder sehr häufig in der Berichterstattung. Es gibt eben doch eine große Zivilgesellschaft, die da spricht. Und in diesem Fall habe ich schon den Eindruck gewonnen, dass tatsächlich die Landschaft sehr groß ist und sehr lebendig und sicherlich sich noch erweitern könnte, dass es auch mehr gehört wird. Denn es war auch nicht üblich, Radio zu hören, es gab da nicht so eine große Auswahl. Aber tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Radio im Aufbau noch ist, aber ein sehr effektives Medium sein kann in dieser Situation.

von Billerbeck: Und die Macher habe eine starke Motivation.

Macher tun es für ihre Kinder

Tieke: Die haben eine starke Motivation, natürlich. Und die haben – viele Geschichten, die haben Leute vor Ort teilweise noch, und die sind sich sehr bewusst, dass sie eine starke Motivation haben, allerdings sich auch für sie nicht mehr so viel ändern wird, die das eher für ihre Kinder tun. Und die richten sich aber im Wesentlichen ans Land. Es gab aber auch immer mal wieder einen Moment, wo sich jemand direkt an mich gerichtet hat. Eigentlich wird vom Ausland nicht mehr viel erwartet, aber natürlich sind viele persönliche Geschichten durchgekommen, und zum Abschluss würde ich gerne noch mal einen Nachrichtensprecher von Nasa'em Syria einspielen, der eben mit einer direkten Bitte an mich getreten war.

Sprecher: Wir möchten, dass du all deinen Zuhörern sagst, dass viele Menschen in Syrien leiden und es niemanden interessiert. Wirklich, niemand interessiert sich für uns. Früher hatte ich ein ausgefülltes Leben, ich hatte einen Traum, fürs Kino zu arbeiten. Ich bin eigentlich Schauspieler und wollte ein Star werden. Aber jetzt ist alles sehr schwierig, und ich will einfach nur für mich und meine Eltern meinen Lebensunterhalt verdienen.

von Billerbeck: Das war einer der syrischen Oppositionsradiomacher, die meine Kollegin Julia Tieke besucht hat, in der Türkei, an der syrisch-türkischen Grenze, in Berlin und in Mecklenburg. Ich hoffe, dass wir einen Teil dieser Aufgabe, die er eben an uns übertragen hat, mit diesem Gespräch auch erfüllt haben. Danke, Julia Tieke!

Tieke: Ich danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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