Seit 17:30 Uhr Kulturnachrichten

Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 17:30 Uhr Kulturnachrichten

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 05.10.2018

Symbol der süddeutschen BierbrauerProst, Davidstern!

Von Jens Rosbach

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der sechseckige Stern auf dem Schild des Wirtshauses ''Zum Schlenkerla'' in Bamberg (dpa / picture alliance / R. Kiedrowski)
Der sechseckige Stern auf dem Schild des Wirtshauses ''Zum Schlenkerla'' in Bamberg (dpa / picture alliance / R. Kiedrowski)

Im Hinduismus, im Alten Ägypten, in der arabischen Welt gab es das Sechseck mit den Zacken. Ende des 15. Jahrhunderts wurde es zum Schutzsymbol der süddeutschen Brauer. Noch heute hängt in Bamberg der "Davidstern" über dem Eingang der Brauerei Schlenkerla.

Es ist ein Touristenmagnet. Im Herzen der Bamberger Altstadt, einem Weltkulturerbe, versammeln sich regelmäßig Besuchergruppen vor der Traditionsbrauerei Schlenkerla, wo das berühmte Rauchbier hergestellt wird. Dort hängt, über dem Hauseingang, das Zunftsymbol der süddeutschen Brauer und Mälzer: ein Sechseck, das genauso aussieht wie der Davidstern.

"Und ganz viele Besucher der Stadt Bamberg fragen dann immer: Ja, was hat es denn damit auf sich? Waren das jetzt jüdische Bierbrauer oder wo ist denn da jetzt der Zusammenhang?"

Gut und böse, flüssig und fest, männlich und weiblich

Matthias Trum leitet in sechster Familiengeneration die Geschäfte der bayerischen Brauerei. Der 42-Jährige hat sich schon immer gewundert über das Hexagramm, das auch an Wasserhähnen und Stühlen seines Unternehmens prangt. Deshalb ging Trum bereits vor Jahren, als er sein Studium des Brauwesens abschloss, der Sache in einer Diplomarbeit auf den Grund. Und siehe da: Das Hexagramm, das aus zwei entgegengesetzten, übereinandergelegten Dreiecken besteht, gab es bereits im achten Jahrhundert vor unser Zeitrechnung – im Hinduismus.

"Tatsache ist, dass es im tantrischen Hinduismus eine Symbolik hat ähnlich wie man das vom chinesischen Yin und Yang kennt. Also die Gegensätze gut und böse, flüssig und fest, männlich und weiblich und dergleichen mehr. Das Symbol hat sich dann auf Altären gefunden, teilweise waren diese Altäre auch als Hexagramme gebaut, also wenn man von oben drauf geschaut hat. Also aus heutiger Sicht möchte man meinen, fast so ein bisschen esoterisch angehaucht."

Im Alten Ägypten wiederum wurde das Hexagramm unter anderem als Schutzsymbol für Haus und Herd eingesetzt. So prangte das Sechseck etwa auf Amuletten:

"Diese Amulette haben Reisende mit sich geführt, um eben keine schlechten Erfahrungen zu machen oder überfallen zu werden, also als ein Glücksbringer sozusagen. In der gleichen Bedeutung findet man es auch eingeritzt in Türrahmen, dass man also die Gebäude vor bösen Einflüssen, vor bösen Geistern beschützen wollte."

Bekannt im Alten Ägypten und in der arabischen Welt

Später findet sich das Hexagramm in der arabischen Welt wieder. Zum einen als Ornament in der Kunst, zum anderen als alchemistisches Symbol für Feuer und Wasser. Die Alchemie, der Vorläufer der Chemie, wurde im achten Jahrhundert mit den Eroberungszügen der Araber nach Europa gebracht. Hier bildeten sich im Mittelalter alchemistische Kreise, die besessen waren von der Idee, Gold aus anderen Metallen herzustellen. Die Esoteriker, die das Hexagramm gern als magisches Rezept benutzten, arbeiteten oft unter dem Druck von goldgierigen Fürsten.

"Dann kommen sie alle Augenblicke und fragen Dich: Nun, Meister, wie geht’s mit dem Werk voran? Und da sie das Ende nicht abwarten können, sagen sie, es sei Schwindel. Wenn Du aber zum Ziel gelangst, werden sie Dich immer festhalten wollen und Dich nicht weglassen!"
(Aus den lateinischen Schriften des Alchemisten Pseudo-Albertus.)

Allerdings: Zumeist wurde das mittelalterliche Hexagramm, wie schon bei den Alten Ägyptern, als Schutzsymbol verwendet. So benutzten es auch die Brauereien in Süddeutschland, die wegen ihrer heißen Kessel ständig Angst vor Feuerbrünsten hatten. Auf diese Weise wurde das Hexagramm schließlich zum allgemeinen, regionalen Symbol für die Braukunst. Von Süddeutschland aus schlug der Schutz-Stern aber noch einen zweiten, und zwar jüdischen Weg ein. Vermutlich brachten Juden aus Nürnberg und Franken, die Mitte des 14. Jahrhunderts vor einem Pogrom flohen, das Sicherheitssymbol mit nach Prag. Nach Angaben des Experten Matthias Trum tauchte der Stern dort erstmals 1490 als explizit jüdisches Zeichen auf – auf einer Flagge.

Jüdische Gemeinde in Prag verwendete das Symbol

"Die jüdische Gemeinde hat nicht nur in Prag, sondern in vielen Städten eine eigene Miliz. Es gab ja immer ein jüdisches Stadtviertel, ein jüdisches Getto – und dieses Stadtviertel wurde dann auch von der jüdischen Miliz bei Angriffen von außen verteidigt. Viele Städte hatten sogar ein Judentor speziell für diesen Zweck. Und die jüdische Gemeinde in Prag, die hat nun dieses Hexagramm auf ihrer Fahne von dieser Miliz eben verwendet."

Mitte des 18. Jahrhunderts zierte das Hexagramm auch das sogenannte Kahls-Siegel, also das Gemeinde-Siegel der Juden von Fürth. Der Nürnberger Pfarrer Andreas Würfel, der zu jener Zeit eine Geschichte der damals größten süddeutschen Gemeinde schrieb, wunderte sich allerdings über die Ähnlichkeit mit dem Gerstenbrauer-Symbol.

"Das Kahls-Siegel siehet einem Bierzeichen nicht ungleich."

Das Gasthausschild der Brauerei Schlenkerla in Bamberg. Geschmückt ist es unter anderem mit dem Zunftsymbol der süddeutschen Brauer und Mälzer: einem Sechseck - das genauso aussieht wie der Davidstern. Das Gasthaus gibt es seit 1405, ansässig ist es in der Karolinenstraße 6.  (imago/imagebroker)Das Gasthausschild ist mit dem Zunftsymbol der süddeutschen Brauer und Mälzer geschmückt: einem Sechseck, das genauso aussieht wie der Davidstern. (imago/imagebroker)

Während der Brauerstern auf den süddeutschen Raum beschränkt blieb, verbreitete sich der jüdische Stern von Prag aus in die ganze Welt, vermuten Fachleute. Dabei wurde das Sechseck in Anlehnung an den biblischen König David immer häufiger als Magen David also als Schild Davids oder als Davidstern bezeichnet. Doch erst mit dem Zionismus gelang dem Davidstern der Durchbruch zum Hauptsymbol des Judentums. Bernhard Purin, der Direktor des Jüdischen Museums in München, verweist auf Theodor Herzl, den theoretischen Begründer des modernen israelischen Staates.

"Theodor Herzl hat 1897 auf dem ersten zionistischen Weltkongress in Basel auf einer Serviette die Fahne des Judenstaates, die Fahne Israels skizziert, mit den zwei blauen Streifen und auf dem weißen Mittelstreifen den Davidstern – und dann wird es sehr schnell zum populären Symbol und in der Nazizeit eben zum Ausgrenzungssymbol."

Das Münchner Museum hat vor zwei Jahren eine originelle, detailreiche Ausstellung zum Thema Juden und Bier gezeigt – und dabei die auch tragische Geschichte des Davidsterns beleuchtet.

"Als die Antisemiten sahen, dass die Juden immer stärker den Stern verwenden, haben die Antisemiten dann versucht, es ins Gegenteil zu kehren und den Davidstern als Zeichen der Schmach darzustellen. Und es ist dann in der letzten Konsequenz dazu geführt hat, dass es ab 1941 mit dem gelben Stern zu dem Ausgrenzungsmerkmal des Nationalsozialismus gegen Juden geworden ist."

In der NS-Zeit sägten Brauer die Zacken ab

Die Nationalsozialisten bezeichneten den gelben Stern abfällig als "Judenstern". Allerdings gab zu jener Zeit immer noch den – optisch gleichen – süddeutschen Brauer-Stern. Die Ähnlichkeit mit dem jüdischen Symbol wurde für einige Bierproduzenten zum politischen Problem - wie in Lindau am Bodensee, im Gasthaus "Zum Sünfzen".

"Da hat man in der NS-Zeit, Mitte der 30er Jahre, Zacken abgesägt, damit der Stern nicht mehr wie ein Davidstern aussieht."

Nach 1945 wurden die entfernten Zacken wieder angebracht; so ist heute das historische Sechseck, mit einem eingefügten Bierkrug, wieder über dem Eingang des Gasthauses zu finden.

Bis dato stoßen die bayerischen Brauer immer wieder auf verwunderte Gesichter, wenn Bierfreunde nach den auffälligen Hexagrammen fragen – und nichts ahnen von den gemeinsamen, jahrtausendalten Wurzeln von Brauerei- und jüdischem Symbol.

Mehr zum Thema:

Bamberg - Fluch und Segen des Weltkulturerbe-Status
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 25.7.2018)

Spaziergänge mit Prominenten - Mit dem Kinderbuchautor Paul Maar in Bamberg
(Deutschlandfunk Kultur, Deutschlandrundfahrt, 23.9.2018)

Vor 75 Jahren von den Nazis erlassen - Die "Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden"
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 1.9.2016)

Aus der jüdischen Welt

Kabarett„Vorsicht bissiger Rabbiner!“
Der Rabbiner, Autor, Kabarettist, Liedermacher und Jazzsänger Dr. Walter Rothschild (Deutschlandradio)

Sechs Tage die Woche arbeitet Walter Rothschild in Deutschland und Polen als Rabbiner. Und am siebten Tag – da ruht er nicht, sondern schreibt Gags für sein Kabarettprogramm. Es reicht von Bahnfahrten bis Beschneidung, von Alkohol bis Auschwitz.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur