Svenja Leiber: "Nelka"
© Suhrkamp Verlag
Das Trauma der Zwangsarbeit

Svenja Leiber
NelkaSuhrkamp, Berlin 2026200 Seiten
24,00 Euro
Svenja Leiber widmet sich in ihrem neuen Roman der Gewalt-Geschichte des 20. Jahrhunderts, speziell dem Schicksal zwangsverschleppter Frauen aus Osteuropa während der Nazizeit. Ein eindrückliches Buch zu einem noch immer zu wenig beachteten Thema.
Mehr als zwanzig Millionen Menschen sollen es gewesen sein, die während des Nationalsozialismus im Deutschen Reich und in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten Zwangsarbeit leisten mussten. Zwanzig Millionen, die man ihren Familien entriss, verschleppte, in Munitionsfabriken oder auf Bauernhöfen ausbeutete. Die faschistische Parole vom „Untermenschen“ in Bezug auf die sogenannten „Ostarbeiter“ machte es ihren Nutznießern leicht. Spürbar sind die Auswirkungen dieses gigantischen Unrechts bis heute. Svenja Leibers Roman „Nelka“ erzählt davon.
Auslöser für ihr Buch, so ist im Nachwort zu lesen, war der Brief einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin, die als Fünfzehnjährige in den holsteinischen Heimatort der Autorin verschleppt wurde. Auch die vielen Apfelbäume in dieser Landschaft waren von Kriegsgefangenen und „Ostarbeiterinnen“ gepflanzt worden. Überall haben sie ihre Spuren hinterlassen – in der Landschaft und in den Erinnerungen.
Das Mädchen aus Lemberg
Ihre Recherchen hat Leiber zu einer fiktiven Geschichte verarbeitet. Im Zentrum das Schicksal von Nelka, einer 1941 in den Norden des Deutschen Reiches verschleppten jungen Frau aus Lemberg. Die Geschichte beginnt damit, dass der einstige Gutsverwalter Marten einen Brief aus der Ukraine erhält, der kurzfristig einen Besuch ankündigt. Der Absendername Nelka versetzt ihn sofort in Unruhe. Bilder bedrängen ihn von einem Mädchen, das ihm vor fünf Jahrzehnten unter den vielen Zwangsarbeitern auf dem Gutshof sofort auffiel.
Ihre Kenntnisse über die Apfelveredelung verblüfften ihn. Er sollte damit später ein Vermögen machen. Der verheiratete Mann lässt Nelka vom eisigen Schuppen ins Verwalterhaus übersiedeln. Ein vergiftetes Privileg. Schnell wird deutlich, dass sich Svenja Leiber hier einem speziellen Thema nähert, das sich in unzähligen realen Lebensgeschichten so oder anders abgespielt haben mochte. Es geht um die Aneignung des weiblichen Körpers, der dem deutschen Herrenmenschen zur sexuellen Ausbeutung beliebig zur Verfügung stand. Zwar war die sogenannte „Rassenschande“ eigentlich streng verboten. Aber wen scherte das schon?
Das unvergessene Leid
Nelka reist nach fünf Jahrzehnten zurück zu dem Ort ihres einstigen Martyriums. Sie will diesen Mann noch einmal sehen. Gründe hatte sie in ihrem Brief nicht genannt. Martens Haushälterin Gonda hat sie jedoch vorher eingeweiht. Svenja Leiber hat nun in ihrem Roman etwas sehr Kluges gemacht:
Statt eine Auseinandersetzung, ein Wortgefecht und aufwallende Emotionen zu inszenieren, lässt sie Nelka im Esszimmer ihres früheren Peinigers schweigend verharren. Nur nebensächlich Gesprochenes durchbricht kurz die Stille. Allein ihr Blick spricht Bände und versetzt Marten in Aufruhr.
In diesem Moment trifft ihn Nelkas Blick. Auch wenn sie schweigt, ist ihm, als antwortete sie doch auf seine Frage, warum sie hergekommen ist: nicht um deinetwillen.
Marten schießt das Blut in den Kopf. Er muss sich zusammenreißen. Er hat das Gefühl, nach Jahrzehnten zum ersten Mal zu erröten.
Das ihr servierte Essen rührt Nelka nicht an. Irgendwann kommt die Haushälterin, bei der sie übernachten wird. Nelka steht auf und geht und kommt nicht wieder. Während anschließend Marten in seinem Anwesen und Nelka im Gastzimmer von Gondas Haus schlaflos von den Bildern der Vergangenheit überwältigt werden, nimmt die sie verbindende Geschichte facettenreich Gestalt an.
Die Folgen für die Nachgeborenen
Leibers Erzählstimme schmiegt sich dabei eng an ihre beiden Figuren an, erlaubt sich aber immer wieder sarkastische Untertöne, beispielsweise wenn Marten nach Rechtfertigung sucht:
Belangt werden konnte und kann er dafür nicht. Aber dass überhaupt Teile dieser seiner Vergangenheit in einem fremden Kopf, in Nelkas Kopf, fortbestehen könnten, ohne dass er darauf Zugriff hat, erzeugt in seinem eigenen Kopf nun ein beinahe brutales Pochen. (…) Soll er sich für notwendige und letztlich vernünftige Entscheidungen rechtfertigen?
Im Grunde genommen ist Svenja Leibers Roman recht konventionell gestrickt. Die Zeitebenen und Perspektiven wechseln sich stetig ab. Immer wieder tauchen ihre Protagonisten in die Geschehnisse der Vergangenheit ein.
Doch eindringlicher ist über dieses Kapitel selten erzählt worden. Mosaikartig wird hier ein Bild verfertigt über Gewalt, Abhängigkeit, Missbrauch und Ausbeutung, die nicht nur Nelka, sondern auch ihre Leidensgenossinnen in diesem Roman ertragen müssen. Manche überlebten das nicht.
Dazwischengeschaltet sind Episoden, die Nelkas jüdische Herkunft, die Ermordung ihres Vaters in der einstigen Heimat, die Schwangerschaft durch die erlittene Vergewaltigung und die Folgen für die Nachgeborenen berühren. Ein Buch, das einem noch lange nachgeht.













