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Reportage / Archiv | Beitrag vom 23.01.2013

Summen vor dem Kanzleramt

Proteste am Rande der Grünen Woche

Von Katrin Lechler

Imker versuchen auf der Grünen Woche auf das Schicksal der Bienen aufmerksam zu machen. (Jan-Martin Altgeld)
Imker versuchen auf der Grünen Woche auf das Schicksal der Bienen aufmerksam zu machen. (Jan-Martin Altgeld)

Noch bis Sonntag läuft in Berlin die weltweit größte Landwirtschafts- und Verbrauchermesse, die Grüne Woche. Und am Rande sehr viele Protestaktionen, oft mit Event-Charakter - das Engagement soll auch Spaß machen.

Es ist zwar knackig kalt an diesem Januarmorgen, doch auf dem großen Platz vor dem Kanzleramt schwirren munter viele gelb-schwarze Bienen. Imker aus dem ganzen Bundesgebiet sind zusammengekommen, um das Bienensterben durch die industrielle Landwirtschaft nachzuspielen. Sie tragen geringelte Kostüme und schwirren um eine junge Frau auf Stelzen in einem langen, braunen Kleid herum - ihre Königin. Am Rand steht eine Frau mit Mikrofon, beschreibt den Angriff der Chemiekonzerne auf die Bienen:

"So sehen glückliche Bienen aus, doch die Gefahr ist nah, BASF hat seine Pestizidversprüher geschickt. Die rücken den Bienen auf den Leib und die können sich dann irgendwann nicht mehr wehren."

"Ohne Bienen wird Obst teuer"

Die Bienen krümmen und winden sich unter den Giftwolken. Als sie schon fast am Boden liegen, kommen die Imker, versprühen den Rauch von Kräutern und vertreiben damit die Bienenmörder.

Mitgespielt hat auch Frank Wegemann aus der Prignitz. Der 41-Jährige ist gutgelaunt, auch wenn er wegen eines ernsten Anliegens nach Berlin gekommen ist:

"Wenn man sich bewusst macht, dass die Biene das wichtigste Nutztier ist, und die Aufgaben, die die Biene vollbringt im Gemüse- und auch im Obstbau, muss jedem klar sein: Wenn es keine Bienen mehr gibt, explodieren auch die Preise für Äpfel von deutschen Obstplantagen. Wenn ich als Obstbauer hochklettern muss, und die per Hand bestäuben muss oder mir irgendwelche tollen Techniken zur Obstbestäubung auszudenken, dann wird der Apfel mehr als das Doppelte kosten."

Obstbauer Frank Wesemann hält Bienen, um sicher zu gehen, dass seine Äpfel bestäubt werden. Doch in jedem Winter verliert er einen Großteil seiner Völker. Deshalb haben die Imker auch Säcke voll toter Bienen vor dem Kanzleramt ausgeschüttet. Viele verhungern regelrecht durch die Monokulturen auf den Feldern. Oder sie kommen durch Pestizide um, erzählt Berufsimkerin Erika Moritz aus Potsdam-Mittelmark:

Imker wollen Pestizide verbieten

"Die Bienen suchen sich den letzten Pollen, der noch irgendwo zu finden wird und die Jungbienen werden mit diesen belasteten Pollen gefüttert. Das ist ein schleichendes Sterben. Die Bienen merken, da ist irgendwas im Stock ist nicht in Ordnung, fliegen raus und die Kisten sind leer. Und da bleiben dann nur noch die Jungbienen und die Königin drin und das Volk ist nicht mehr lebensfähig."

Um das Bienensterben aufzuhalten, wollen die Imker vor allem eins: Pestizide verbieten. Sie wollen aber auch, dass die Randstücke von Äckern nicht mehr bewirtschaftet werden. Und damit Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner am Rande der Grünen Woche wachrütteln, die sich bisher einer EU-Reform widersetzt, wonach Subventionen daran geknüpft werden, dass Bauern sieben Prozent ihrer Fläche stilllegen oder für den Ökolandbau nutzen.

Noch zweimal spielen die Imker das große Bienensterben - eine Berufsgruppe, die mit über 60 Jahren überdurchschnittlich alt ist und sonst kaum in die Offensive geht.

Zu Musik wird geschnippelt

Menschen ins Boot holen, die sich sonst nicht so gerne öffentlich engagieren, das ist auch das Ziel der Schnippeldisko in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. Über eine Tonne Gemüse soll zu den Rhythmen zweier DJs geschnippelt und zu einer Suppe verkocht werden - für die Schnippler selbst und für die Demonstranten gegen die industrielle Landwirtschaft am nächsten Morgen. Eine der Organisatorinnen ist Eva Endres von Slow Food Youth Network - ein internationales Netzwerk, das sich für gesunde und fair erzeugte Lebensmittel einsetzt:

"Wir möchten mit Spaß an die Sache herangehen und Leute, die von politischen und ökologischen Themen ein bisschen abgeschreckt sind, begeistern, sich auch für gute Lebensmitteln interessieren, indem wir ein positives Beispiel aufzeigen. Gemüse, das wir hier von regionalen Bauernhöfen, von kleinen Bauernhöfen eingesammelt haben, das schmeckt gut. Zusammen kochen und sich für Lebensmittel interessieren, das kann auch Spaß machen. Und das sollen die Leute heute Abend erleben."

Schon vor dem offiziellen Beginn um halb sieben stehen Hunderte von Schnipplern in den Startlöchern: Viele Studenten, aber auch Familien und ältere Menschen. Sie schleifen noch schnell ihre Messer oder versuchen einen Platz an den langen Biertischen zu ergattern, auf denen schon Schneidebretter und große Plastikwannen bereit liegen.

Junge Frau: "Alles irgendwie schon reserviert und mit Messern reserviert."

Ansage: "Das Gemüse, das ihr heute schnippelt, ist uns gespendet worden von Bauern aus Brandenburg. Ihr seht, das sind wunderschöne Knubbel-Gemüse, teilweise Möhren mit zwei Beinen. Das ist Gemüse, das kommt nicht so leicht in den Handel, weil der Konsument es nicht will. Also ein großer Teil des Gemüses ist sogenannte Ausschussware."

Auch in Frankreich gibt es Schnippeldiskos

Und würde normalerweise weggeworfen werden. Zwei Stationen durchlaufen Kohlrabi, Rote Beete, Möhren und Zwiebeln - erst die Waschstraße und dann den Schnippelweg - bevor sie im großen Kochtopf des niederländischen Starkochs Wam Kat landen. Romain aus Paris wäscht gerade eine Rote Beete und trinkt dabei ein Bier. Der französische Student ist begeistert von der Aktion.

"Ich mag gut essen und dafür brauchst du gute Produkte und deshalb bin ich hier."

Auch in Frankreich gibt es Schnippeldiskos, vor zwei Wochen fand die erste in Amsterdam statt. Junge Leute aus ganz Europa und sogar den USA haben die Idee der Slow Food Aktivisten, gemeinsam zu kochen, zu feiern und ganz beiläufig auch ein bisschen zu demonstrieren, schon in ihre Länder exportiert:

"Ich habe diese Organisation auch in Florida gegründet. Wir machen viele große Essen, das ist eine wunderschöne Platz."

Sagt die 22-jährige Jemes aus Florida und balanciert vorsichtig eine Waschwanne zum Abfluss, um das Wasser zu wechseln. Gegen 21 Uhr sind die Tische leerer, eine Schlange formiert sich vor zwei wuchtigen Kesseln mit dampfender Gemüsesuppe:

"Aaa, ich bin überzeugt, dass die total lecker ist."

"Super lecker, es ist sehr sehr scharf, aber wir müssen uns ja auch aufwärmen für die tolle Demo."

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