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Buchkritik | Beitrag vom 08.07.2020

Sumana Roy: „Wie ich ein Baum wurde“Aus Liebe zum Baum

Von Susanne Billig

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Buchcover zu "Wie ich ein Baum werde" von Sumana Roy vor orangefarbenem Aquarellhintergrund. (Matthes & Seitz Verlag / Deutschlandradio)
"Wie ich ein Baum werde" war 2017 für die beiden bedeutendsten Literaturpreise Indiens nominiert. (Matthes & Seitz Verlag / Deutschlandradio)

Sumana Roy dekliniert ihre Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben durch. Ihr verschlungener Text wandert durch Kindheit, Selbstexperimente und Literatur - in Indien wurde er zum Bestseller.

Allein von dem heranwachsen, was die Natur großzügig verschenkt: Luft, Wasser, Sonnenlicht. Frei leben wie ein Baum, in der Baumzeit, ohne den unerbittlichen Taktstock der Moderne, ohne die Zwänge menschlicher Kultur und weiblicher Ängste, nachts angstfrei in der Dunkelheit stehen, als mächtiger Solitär und doch auf tausend unterirdischen Wegen mit den Wurzeln der Bäume rechts und links verbunden.

In ihrem Buch "Wie ich ein Baum wurde" dekliniert die indische Autorin Sumana Roy ihre Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben durch, indem sie ihr Leben an dem der Bäume misst, es daran auszurichten versucht, sich an Ähnlichkeiten und Unterschieden abarbeitet, Nachahmung und Resonanz versucht, oft scheitert, häufiger in der Literatur als im eigenen Lebensvollzug fündig wird und am Ende dann doch für einen magischen Moment, in dem sie nichts mehr will und ein Vogel sich prompt vertrauensvoll auf ihrer Schulter setzt, jubilieren kann: Ja, ich bin ein Baum geworden.

Nominiert für wichtige Literaturpreise

Sumana Roy lebt und schreibt in einer nordindischen Kleinstadt und wird in ihrer Heimat als literarischer Shootingstar gefeiert. "Wie ich ein Baum wurde" erschien dort bereits 2017 und war für wichtige Literaturpreise des Landes nominiert.

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Ihr Buch tritt seinen Leserinnen und Lesern so verschlungen, verwachsen und knorrig wie die Pflanzenwelt selbst entgegen und wer mit der indischen Literatur wenig vertraut ist, wird wahrscheinlich oft auch ratlos vor den überbordenden Zitaten und Assoziationen stehen – vielleicht wie vor einem seltsam fremden Strauch, den man noch nie zuvor gesehen hat: Was ist das? Woraus besteht das? Was hat das zu bedeuten?

Auf ihrer Suche nach Transformation wirft die Autorin zahllose Fragen auf und nicht alle erschließen sich einfach: Wie würde sich Sex anfühlen, wenn sie sich in einen Baum verwandelt hätte? Warum erregt sie der Anblick eines Baumes nicht sexuell? Sind Bäume freundlich? Arbeiten sie freiberuflich oder fest angestellt? Wie füttert man Bäumen Licht? Warum ist es für Menschen tabu, einen anderen Menschen zu töten, nicht aber einen Baum? Wäre es ehebrecherisch, mehr als einen Baum zu lieben? Wie drücken Bäume ihre Dankbarkeit aus?

Bäume als Liebhaber

Träume, Erinnerungen, Kindheitsgeschichten, mitunter auch wissenschaftliche Erkenntnisse zieht Sumana Roy herbei, um zu Antworten zu gelangen, weiß von seltsamen Ritualen in Assam, wo pubertierende Mädchen in aufwendigen Hochzeitszeremonien mit Bananenbäumen vermählt werden, erzählt Seite um Seite indische Märchen nach, vertieft sich in Episoden aus Romanen der Weltliteratur und heiligen indischen Texten.

Bäume in Ostindien vor baumbewachsenen nebelverhangenen Bergen. (picture alliance / NurPhoto)Sumana Roy sinniert über Bäume: Sind sie freundlich? Arbeiten sie freiberuflich? Und wie fühlt sich Sex für einen Baum an? (picture alliance / NurPhoto)

Immer geht es darin um Bäume natürlich: sprechende Bäume, schweigende Bäume, Bäume als Liebhaber, Baumbilder, Baumskulpturen, die Schatten von Bäumen. Und immer geht es der Autorin um eine große Klage darüber, wie blind und verständnislos Menschen an Bäumen vorbei lebten.

Das liest sich oft originell und verwegen, oft auch verschroben und manchmal entlegen und gekünstelt. Ein Buch wie ein Dschungel: Vom weiten Himmel bis zu klebrigen Blättern und unschönen Dornen ist alles dabei.

Sumana Roy: "Wie ich ein Baum wurde"
Übersetzung aus dem Englischen von Grete Osterwald
Matthes & Seitz, Berlin 2020
267 Seiten, 28 Euro

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