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Tonart | Beitrag vom 25.09.2020

Sufjan Stevens: "Ascension"Biblischer Himmel und amerikanische Hölle

Laura Aha im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Der US-Musiker Sufjan Stevens steht mit einer Gitarre am 4. März 2018 bei der Oscar-Verleihung auf der Bühne und singt "Mystery of Love" aus dem Film "Call Me By Your Name" in ein Mikrofon.   (picture alliance / AP Photo / Invision / Chris Pizzello)
An Trump oder an Gott: An wen Sufjan Stevens seine Kritik auf "Ascension" richte, bleibe unklar, sagt Kritikerin Laura Aha. (picture alliance / AP Photo / Invision / Chris Pizzello)

"Ascension" ist schon das zweite Album des US-Singer-Songwriters Sufjan Stevens in 2020. Wie zuvor spielen auch hier biblische Bilder eine Rolle. Von der Zuneigung zu seiner Heimat scheint aber wenig geblieben zu sein, sagt Kritikerin Laura Aha.

Politische Protestsongs sind so alt wie die Popmusik selbst. Meistens sind sie wütend und laut. Dass politischer Protest aber auch ganz leise und sanft geäußert werden kann, beweist Sufjan Stevens auf seinem neuen Album "Ascension".

"America" heißt die erste Single aus diesem Album, das bereits das zweite ist, das der US-amerikanische Singer-Songwriter Sufjan Stevens in diesem Jahr veröffentlicht hat. Amerika, sein Heimatland, ist schon seit Beginn seiner Karriere Anfang der Nullerjahre ein wiederkehrendes Thema in seinem Folkpop.

Ambivalente Beziehung zur US-Kultur

2003 hat er seinem Heimatstaat Michigan ein Album gewidmet und angekündigt, mit dem sogenannten "50 States Project" jedem der 50 Staaten der USA ein eigenes Album zu widmen. Die Idee hat er aber offenbar ziemlich bald wieder verworfen.

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In "Ascension" nehme Sufjan Stevens diese Idee nicht wieder auf, sagt Musikkritikerin Laura Aha. Es wirke so, als sei Stevens nicht mehr so begeistert von diesem Projekt. In den Alben "Michigan" und "Illinois" sei zwar immer ein gewisser Stolz, eine Zuneigung zu seiner Heimat, mitgeschwungen. Davon sei nun wenig übriggeblieben.

Stevens sage, auf diesem Album verhandele er seine amerikanische Identität. Die stelle er offensichtlich massiv infrage, so Aha. "Außerdem geht es auch um seine ambivalente Beziehung zur amerikanischen Kultur selbst, mit der er sich irgendwie auch nicht mehr so recht zu identifizieren scheint."

Raum für Interpretation

An wen Stevens seine Kritik adressiert, sei allerdings schwer zu beantworten, so Aha. In einem wiederkehrenden Refrain in "America" singt er beispielsweise: "Don’t do to me what you did to America". Trump könne nicht gemeint sein, weil der Song bereits sechs Jahre alt sei. Aber man könnte den Song durchaus als Zwiegespräch mit Gott verstehen, erklärt die Kritikerin. Das meinten zumindest Fans auf YouTube.

Sufjan Stevens Musik lebe von der Vielschichtigkeit. Zum einen spiegele sich das musikalisch wider etwa mit Layering, Loops und Effekten, die seine Stimme und Instrumentals verfremden. Zum anderen "bleiben seine Texte aber auch bewusst im Uneindeutigen und lassen Raum für Interpretation".

Vom Folk abgerückt

Wie schon häufig in der Vergangenheit, arbeitet Stevens auch in diesem Album wieder mit biblischen Vergleichen und Bildern. So lässt sich der Name des Albums "Ascension" übersetzen mit "Aufstieg", aber auch mit "Himmelfahrt". Es kommen Bilder vor vom Judaskuss, vom Kreuz, von apokalyptischen Fluten. "Und er singt sogar davon, dass er aufgehört hat zu glauben – was für ihn schon eine ziemlich radikale Aussage ist", sagt Laura Aha. Denn Spiritualität und Glaube spielten in seiner Musik immer eine große Rolle.

Auch vom Sound her ist Stevens vom Folk, der ur-amerikanischen Musik, ein Stück weit abgerückt. Auf dem aktuellen Album gibt es viel Elektronik. Im Song "Video Game" ist zum Beispiel Synthiepop wie aus den 80ern zu hören.

"Vielleicht findet sich darin sogar ein augenzwinkernder Seitenhieb auf die 80’s-Nostalgie heutiger Kids auf Social Media", sagt Laura Aha.

(abr)

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