Seit 23:05 Uhr Fazit

Montag, 11.11.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2011

Südafrikas verschollene Kunstgeschichte

Erstmals Schau mit Werken aus der Zeit der Apartheid

Von Leonie March

Podcast abonnieren
Nelson Mandela und seine Frau  Winnie Mandela nach seiner Entlassung aus dem Victor Verster Gefängnis, 1990. (AP)
Nelson Mandela und seine Frau Winnie Mandela nach seiner Entlassung aus dem Victor Verster Gefängnis, 1990. (AP)

Hunderte Bilder und Zeichnungen von schwarzen Südafrikanern und weißen Regimekritikern aus der Zeit der Apartheid wurden gerettet, weil ausländische Sammler sie kauften. Endlich sind sie nun am Kap zu sehen.

Es sind Bilder von Folter und Gewalt, von Widerstand und dem Alltag in den südafrikanischen Townships. Vielfach großformatig wie die Ölgemälde von Victor Gordon oder die Zeichnungen von Nat Mokgosi, die im großen Saal der Kunsthalle von Durban Wände füllen. Ein Mann flüchtet im Tränengas-Nebel vor der Staatsgewalt, ein anderer wird von Polizisten festgenommen, ein dritter liegt in einer Blutlache auf dem Boden.

Mokgosis expressionistische Zeichnungen wirken verstörend: unnatürlich geformte Körper, Figuren, teils Mensch, teils Tier. Bilder, die das rassistische Apartheid-Regime nicht sehen wollte. Die Arbeiten schwarzer Künstler galten als minderwertig, sie wurden weder in den Museen am Kap ausgestellt noch in Sammlungen aufgenommen. Einige blieben selbst der südafrikanischen Kunstszene verborgen, betont die Kuratorin der Ausstellung Carol Brown:

"Am meisten überrascht haben mich die eindrucksvollen Zeichnungen von Nat Mokgosi, der in den 70er- und 80er-Jahren in Soweto gearbeitet hat. Obwohl ich mich seit Jahrzehnten mit Kunst in Südafrika beschäftige, hatte ich noch nie etwas von ihm gehört. Ich war wirklich erstaunt, als ich seine Bilder in der Sammlung entdeckte. Ich fragte mich, wo um aller Welt sie auf einmal herkommen und wie es sein kann, dass solch wundervolle Arbeiten hier völlig unbekannt sein können."

Doch es gibt eine Erklärung: Kunstwerke wie diese fanden zwar in Südafrika kaum Käufer, weckten aber das Interesse ausländischer Kunstliebhaber. Unter ihnen viele Diplomaten, die während der Apartheid ans Kap entsandt worden waren. Jahrzehnte später hingen die Bilder in privaten Sammlungen in Australien, Europa oder den USA. Erst durch die Gründung der Ifa Lethu-Stiftung konnte ein Teil der Bilder wieder aus dem ungewollten politischen Exil heimkehren, erzählt die Geschäftsführerin der Stiftung, Narissa Rhamdani.

"Seit 2005, als wir begannen, haben wir etwa 420 Kunstwerke aus elf Ländern zurück ans Kap gebracht. Und das ist erst der Anfang: In diesem Jahr sollen wir noch mindestens 70 weitere Arbeiten erhalten. Wir sind also auf einen echten Schatz gestoßen. Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung, denn am Anfang wusste ich nicht einmal, nach welchen Kunstwerken ich suchen und wo ich damit beginnen sollte. Doch dann war es gar nicht so schwer. Denn viele der Sammler haben sich an uns gewandt. Es muss ihnen nicht leicht gefallen sein, sich von Kunstwerken zu trennen, die sie lange begleitet haben und persönliche Lebensabschnitte repräsentieren. Sie unserer Stiftung zu spenden, ist sehr großzügig."

Es ist ein Stück lange verschollener südafrikanischer Kunstgeschichte, das die Perspektive auf das Leben während der Apartheid weitet. So zeigt die Ausstellung "Home and Away" nicht nur Bilder, die von Unterdrückung, Polizeigewalt und Entfremdung erzählen, sondern auch eine Auswahl von Portraits, die auf den ersten Blick wenig politisch wirken. Ein junger Mann vertieft in eine Zeitung, ein anderer, der Flöte spielt. Doch auch das war unerwünscht, erklärt Kuratorin Carol Brown.

"Schwarze, die sich politisch engagieren, intellektuellen Beschäftigungen nachgehen und lesen, passten nicht ins Konzept. Es gab nur ein sehr populäres Genre, das damals als Township-Kunst bezeichnet wurde: Bilder von singenden und tanzenden Schwarzen. Denn das entsprach der politischen Linie. Nach dem Motto: Seht her, wie glücklich alle sind und wie gut es allen geht."

Mit dieser Art Propaganda haben die Werke der Ifa-Lethu-Sammlung nichts gemein. Die unterdrückte, kritische Innensicht der politischen Situation wird in der Ausstellung durch eine weitere Perspektive ergänzt. Zu sehen sind Bilder internationaler Künstler aus der "Künstler gegen Apartheid"-Initative, unter ihnen Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg. Ein Zeichen der Solidarität mit der unterdrückten Bevölkerungsmehrheit in Südafrika. Eher universelle Werke zu den Themen Freiheit und Menschenrechte. Zwei Blickwinkel, die sich gut ergänzen und die wiederentdeckte, südafrikanische Kunst in einen internationalen Kontext stellen.

Nähere Informationen auf der Homepage der Stiftung Ifa Lethu

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Welt des Nagib Machfus
Der Nobelpreisträger für Literatur, der Ägypter Nagib Machfus, am 20. Oktober 1988 in seinem Lieblingscafé "Ali Baba" am Tahrir-Platz in Kairo. (dpa - Bildarchiv / AFP)

Nagib Machfus ist der einzige arabischsprachige Literatur-Nobelpreisträger. Nach einem islamistisch motivierten Attentat musste er mit 83 Jahren neu schreiben lernen. Die NZZ widmet sich dem neu eröffneten Museum für den vor 13 Jahren verstorbenen Ägypter.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur