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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.09.2009

Subtiles Melodram

Sebastian Barry: "Ein verborgenes Leben", Steidl Verlag, Göttingen 2009, 392 Seiten

Nachbarschaft in Dublin (Stock.XCHNG / Mathias Mazzetti)
Nachbarschaft in Dublin (Stock.XCHNG / Mathias Mazzetti)

Die Vergangenheit sei ein komplizierter Ort, sagt Sebastian Barry, und mit seinem neuesten Roman hat er diesen Satz einmal mehr belegt.

"Ein verborgenes Leben" erzählt einen Abschnitt der Geschichte Irlands im 20. Jahrhundert: Es geht um die Jahre des Bürgerkriegs, als um die Unabhängigkeit und Teilung des Landes erbittert und blutig gestritten wurde. Und, wie es derzeit ein wenig der Brauch ist, wird diese Geschichte aus der Sicht einer Frau erzählt - aus einer sehr unbedeutenden und alltäglichen Perspektive, die sich nicht für Heldenlegenden und Kriegsdramen eignet.

Roseanne Clear ist die Tochter eines protestantischen Totengräbers aus Sligo, der später zum Rattenfänger degradiert wird, und einer psychisch kranken Mutter. Als Hundertjährige, nachdem sie jahrzehntelang in einer psychiatrischen Klinik interniert war, schreibt sie ihre Lebensgeschichte auf. Sehr schnell stellt sich dabei für den Leser die Frage, wie viel davon wirklich wahr ist. Sind es Fakten, die sie da wiedergibt, oder Imaginationen, die eine viel schlimmere Wirklichkeit ersetzen?

Denn es gibt noch einen anderen Erzähler, ihren Psychiater Dr. Grene, der aus Fragmenten der Krankenakte die biografischen Fakten und Hintergründe dieses "verborgenen Lebens" zusammenzusetzen versucht. Diese Zeugnisse und Dokumente zeichnen ein ganz anderes Bild als Roseannes Schriften - zum Beispiel über den Tod ihres Vaters, über eine grausame Begebenheit auf dem Friedhof von Sligo, bei der es um Verrat geht und bei der der glatte und freundliche Priester Gaunt eine undurchsichtige Rolle spielt.

Doch beide Erzähler sind gebrochene Persönlichkeiten, verletzt und einsam, ihren Einschätzungen ist nicht wirklich zu trauen. Sebastian Barry, der für diesen Roman mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Irish Book Award 2009 für den besten irischen Roman, ist erzählend dem Wesen der Erinnerung und der Überlieferung auf der Spur. Geschichte, heißt es einmal im Roman, ist "ein fabelhaftes Gewebe von Annahmen und Mutmaßungen, das dem Ansturm der vernichtenden Wahrheit als Banner entgegengehalten wird". Und dieses Tuch breitet Barry vor seinen Lesern aus und lässt ihnen die Wahl, was sie damit anstellen wollen: glauben, misstrauen, verwerfen oder alles auf einmal.

Historische Fakten, das ist seine Botschaft, haben mehrere Wahrheiten. In Irland gibt es sowieso zwei, eine protestantische und eine katholische; aber es gibt auch immer die zwei Wahrheiten einer Ehe, oder die vielen einer ganzen Stadt. So stützt sich Barrys Roman auch auf viele interessante Nebenfiguren: schillernde, oft theatralische Gestalten, denen man anmerkt, dass ihr Erfinder nicht nur Romancier, sondern auch Bühnenautor ist. Man merkt das auch an den dramaturgisch sorgfältig gestalteten einzelnen Szenen, die sich an allen entscheidenden Stellen der Handlung finden.

Wenn ein Melodram überhaupt subtil sein kann, dann ist es diese Geschichte einer verrückten Greisin.

Besprochen von Katharina Döbler

Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben
Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Steidl Verlag, Göttingen 2009
392 Seiten, 19,90 EUR

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