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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.10.2015

Stuttgarter Schuldbekenntnis der EKDWie die Kirche ihre Schuld schönfärbte

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Tauben von Taubenzüchter Hans Alznauer fliegen in Bad Füssing (Niederbayern) vor einem Kirchturm.  (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Seltsam blass und verklausuliert: So las sich der Text des "Stuttgarter Schuldbekenntnisses". (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Vor 70 Jahren hat der Rat der Evangelische Kirche das "Stuttgarter Schuldbekenntnis" verkündet. Doch das Eingeständnis des Versagens in der NS-Diktatur war nur halbherzig.

"120 hohe Herren in schäbigen Anzügen im ausgeräumten Kirchsaal von Treysa. Viele von ihnen hatten seit Kriegsende keine ordentliche Mahlzeit mehr eingenommen. Auf den Tischen Rote Beete, von den Gästen mitgebrachte Kartoffeln und Pfefferminztee."

So beschreibt der amerikanische Beobachter Stewart Herman die ärmlichen Umstände, unter denen sich führende protestantische Kirchenvertreter in den Augusttagen 1945 zu einer Konferenz im hessischen Treysa treffen. Nichts Geringeres als die Neuordnung der Evangelischen Kirche nach dem Krieg haben sie sich zur Aufgabe gemacht.

Tatsächlich gelingt ihnen ein großer Wurf: Sie gründen die "Evangelische Kirche in Deutschland", die an die Stelle der 1933 ins Leben gerufenen, staatsfixierten "Deutschen Evangelischen Kirche" tritt. Dem neugebildeten Rat gehören unter anderem Bischof Otto Dibelius, Oberkirchenrat Hanns Lilje, Pfarrer Martin Niemöller und Gustav Heinemann, der spätere Bundespräsident an.

Unter den Konferenzteilnehmern in Treysa befinden sich auch Beobachter vom "Ökumenischen Rat der Kirchen", einer in Genf ansässigen internationalen Gemeinschaft christlicher Kirchen. Und die bringen Anfang September aus Treysa die Nachricht nach Genf, dass der Rat der EKD seine erste Sitzung am 18. und 19. Oktober in Stuttgart abhalten will. Da ahnt noch niemand, dass es ein Treffen mit einem Paukenschlag werden wird. Das zeichnet sich erst ab, als zu diesem Termin eine ökumenische Delegation in Stuttgart auftaucht. Der Kirchenhistoriker Martin Greschat:

"Es waren Vertreter Schweizer, amerikanischer, französischer, britischer und niederländischer Kirchen. Und vor dieser Delegation nun wurde über die Vergangenheit gesprochen. Es wurde nicht direkt ausgesprochen, aber indirekt war es den Deutschen klar, dass diese Kirchenvertreter nur dann die Möglichkeit hatten, in ihren Heimatländern, wo ein enormer Hass gegen alles Deutsche existierte, Hilfe zu mobilisieren für das ungeheure Elend in Deutschland, wenn die deutschen evangelischen Christen erklärten: Wir distanzieren uns von dem, was im deutschen Namen bzw. auch in unserem Namen in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist."

"Wir werden die Schuld auf lange Sicht hin tragen"

Und so sprechen am Abend des 18. Oktober die Deutschen in sehr persönlichen Worten von ihrer Schuld. Als einer der ersten ergreift Pfarrer Martin Niemöller, Mitbegründer der "Bekennenden Kirche", das Wort. Von den Nationalsozialisten als "Staatsfeind" gebrandmarkt, hatte er selber viele Jahre in KZ-Haft verbringen müssen. Jetzt sagt er in die gespannte Stille hinein:

"Liebe Brüder von der Ökumene, wir wissen, dass wir mit unserem Volk einen verkehrten Weg gegangen sind, der uns als Kirche mitschuldig gemacht hat an dem Schicksal der ganzen Welt. Wir werden die Schuld auf lange Sicht hin tragen."

Worauf die ökumenische Delegation erklärt:

"Wir haben euer Wort gehört, wir glauben euch auch, aber wir bitten darum, dass ihr das auch schriftlich von euch gebt. Und dann wurde am 18. Oktober der bekannte Text formuliert."

Und einen Tag später veröffentlicht. Es ist der Text, der als "Stuttgarter Schulderklärung" oder auch "Schuldbekenntnis" in die evangelische Kirchengeschichte eingehen wird:

"Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus. Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."

Im Ausland wird das Wort der Kirche anerkennend aufgenommen. In Deutschland dagegen ist das Echo verheerend; es hagelt Proteste. Weite Teile der Bevölkerung und der Kirche wollen von Schuld nichts wissen. Bischöfe, Pröpste, Pastoren und komplette Kirchenvorstände verfassen Protestschreiben. Die Erklärung sei eine "Entwürdigung unseres Volkes" heißt es.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Scharf kritisieren etwa die Historiker Kurt Jürgensen und Werner Jochmann die Proteste. Unumwunden sprechen sie von:

"einem penetranten Selbstmitleid, mit dem diese Christen ausschließlich ihr eigenes Los und das ihres Volkes bejammern".

Kein Wort über die Schoah

Die vagen Formulierungen der "Stuttgarter Schulderklärung" gelten vielen bis heute als Paradebeispiel kirchlicher Schuldverdrängung. Sie machen deutlich, dass vor allem die theologische Dimension der Vernichtung des Gottesvolkes Israel nicht begriffen wurde. Vor dem Hintergrund des Geschehenen erscheint der Text, in dem die Schoah mit keinem Wort erwähnt wird, nicht nur seltsam blass und verklausuliert, sondern geradezu dürftig, ja, apologetisch.

Nach der Kapitulation des deutschen Protestantismus vor dem Nationalsozialismus, so Martin Greschat, dürfe vor allem der Satz in der "Stuttgarter Schulderklärung", die Kirche habe "im Namen Jesu Christi" gegen den nationalsozialistischen Geist gekämpft, als Schönfärberei gewertet werden:

"Das ist natürlich nicht einfach falsch, aber eben doch eine Exkulpation. Und ebenfalls ist auf den ersten Blick fragwürdig, wenn man dort liest, dass wir 'nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben'. Das könnte man eigentlich in jedem Gottesdienst sagen, so nach dem Motto: Wir sind allzumal Sünder, wir sind nicht vollkommen -  weil es eben doch in Richtung einer gewissen Verharmlosung geht."

Dieses "Bekenntnis", so glaubt auch Wolfgang Gerlach, evangelischer Theologe und Autor des Buches "Als die Zeugen schwiegen - Bekennende Kirche und die Juden", sei zu früh gekommen: Denn dem Bekennen sei noch kein wirkliches Erkennen vorausgegangen. Ein wirklich "neuer Anfang" wäre erst nach einer radikalen theologischen Umkehr möglich gewesen. Die aber erfolgte erst in den 1970er-Jahren mit einer "Theologie nach Auschwitz" oder auch mit dem "Rheinischen Synodalbeschluss" von 1980, der das Verhältnis der Kirche zu den Juden auf eine völlig neue Basis stellte:

"Die 'Stuttgarter Schulderklärung' ist ein Symptom für die Nachkriegsmentalität der Deutschen; ein Symptom sowohl für apologetische, für selbstrechtfertigende Argumentationen, die ja auch im 'Stuttgarter Schuldbekenntnis' vorkommen. Und für den Versuch: schon jetzt am besten Schwamm drüber, wir wollen einen neuen Anfang machen. Mir ist beim neuen Durchlesen aufgefallen, dass dreimal das Wort 'neuer Anfang' vorkommt."

Die "Stuttgarter Schulderklärung" hat lange Zeit die Nachkriegsidentität der Evangelischen Kirche entscheidend mitgeprägt. Trotz heftiger, nie verstummender und berechtigter Kritik aber sei, so Martin Greschat, dieses Papier unentbehrliche Basis für kirchliches und politisches Arbeiten - vor allem im ökumenischen Kontext - gewesen:

"Wir dürfen dankbar sein für solche Texte, die uns in eine andere, ich denke bessere und richtigere Richtung weisen können."

Die aber gleichzeitig auch, so Wolfgang Gerlach, die Erfahrungen des Dritten Reichs noch einmal in aller Schärfe bündeln:

"Das bleiben leere Hülsen, solange Menschen nicht bereit sind, das einzulösen. Und nicht nur, wie Bonhoeffer schon 1935 an Karl Barth geschrieben hat, die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selber in die Speichen greifen; auf die Gefahr hin, zwischen diesen Rädern zermalmt zu werden."

Mehr zum Thema

Die Kirchen in Deutschland und der 9. November
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 08.11.2013)

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